© 2021, die Autor*innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der «Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International» Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0) weiter verbreitet werden. DOI 10.33058/szsa.2020.0195 Susanne Burren, Maritza Le Breton, Celestina Porta und Martin Böhnel Zur Reproduktion von Differenz im Kontext von Internationalisierungsprozessen an Fach- hochs chulen Zusammenfassung: Der Beitrag beleuchtet institutionelle Bestrebungen zur Inter- nationalisierung an Fachhochschulen und setzt diese in Bezug zu Erfahrungen migrantischer Studierender. Die Studie zu den Fachbereichen Soziale Arbeit, Päda- gogik, Technik und IT sowie Wirtschaft zeigt, dass im Rahmen aktueller Program- matiken der Internationalisierung binäre Zuordnungen von «Eigen- und Fremd- kultur» wirksam werden. Ähnliche Ein- und Ausgrenzungen manifestieren sich auch in Zuschreibungsprozessen, mit denen sich migrantische Studierende an den Hochschulen konfrontiert sehen. Unter dem Leitkonzept von Internationalisierung würden sich Möglichkeiten bieten, kulturalistische und andere essentialisierende Reproduktionsmuster von Differenz kritisch zu beleuchten. Jedoch lassen sich im Rahmen der Studie wenig Ansätze in diese Richtung erkennen. Schlüsselwörter: Internationalisierung, Migrantische Studierende, Ungleichheits- und Differenzverhältnisse, Fachhochschulforschung About the reproduction of difference in the context of current implementa tions of inter nationalisation at universities of applied sciences Summary: The article examines institutional internationalisation efforts at univer- sities of applied sciences and relates them to the experiences of migrant students. The study in the educational fields of social work, pedagogy, technology and IT as well as economics shows that binary classifications of “own” and “foreign” culture become effective in the context of current implementations of internationalisation. Similar processes of inclusion and exclusion manifest themselves in ascriptions with which migrant students are confronted at universities. The guiding concept of internationalisation would offer opportunities to critically examine culturalist and other essentialising patterns of reproducing difference. However, only a few approaches in this direction can be identified in the study. Keywords: Internationalisation, Migrant students, Relations of inequality and differ- ence, Research at universities of applied sciences MF Revue suisse de travail social 27.20 73 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … Einleitung Der Beitrag stellt Ergebnisse aus einem von 2016 bis 2019 durchgeführ ten Forschungsprojekt zur Internationalisierung an schweizerischen Fach- hochschulen und damit verbundenen Ungleichheits- respektive Dif fe- renzv erhältnissen vor.1 Charakteristisch für die aktuellen Internatio- nalisierungsdynamiken an Fachhochschulen ist deren Beteiligung an länder übergreifenden Austauschprogrammen in Lehre und Forschung. Fachh ochschulen bieten zudem in steigendem Masse Raum für Mitarbei- tende und Studierende mit internationalem Herkunfts- und Bildungshin- tergrund. Allerdings findet dabei die vielfältige und facettenreiche Interna- tionalität der Hochschulangehörigen wenig Beachtung. Gemäss Definition des Bundesamts für Statistik (2015) fällt in die Kategorie der «internatio- nalen Studierenden», wer mit einem Hochschulzulassungsausweis aus dem Ausland an einer schweizerischen Hochschule eingeschrieben ist, wobei diese Gruppe als heterogen charakterisiert wird (ebd., S. 9). Andere Begriffsbestimmungen wiederum fokussieren auf den Aspekt einer grenz- überschreitenden Mobilität zu Studienzwecken. Im vorliegenden Beitrag wird die Auffassung vertreten, dass sich die Internationalität von Studie- renden nicht auf spezifische Zuwanderungsformen beschränken oder auf- grund des Migrationsstatus festlegen lässt. Internationalität in einem wei- ten Verständnis manifestiert sich an den Hochschulen gleichermassen durch Studierende, die sich selbst als migrantisch2 verstehen (bzw. von anderen so eingeordnet werden) wie durch die offiziellen Politiken und Programme der Hochschulen zur Internationalisierung. Davon ausge- hend, setzt der vorliegende Beitrag die institutionellen Bestrebungen zur Internationalisierung an den Fachhochschulen in Bezug zu Erfahrungen, die von migrantischen Studierenden im Umgang mit den Voraussetzungen und Bedingungen des Hochschulstudiums gemacht werden. Im Beitrag werden diese zwei Dimensionen der Internationalisierung an Hochschu- len beleuchtet und in beiden der Frage nachgegangen, inwiefern Differenz- verhältnisse durch Mechanismen des «Zum-Anderen-machen» (Othering) reproduziert oder allenfalls kritisch aufgelöst werden. Das Konzept des “Othering” ist im Kontext der Postcolonial Studies zu verorten (Castro Varela 2016; Riegel 2016). Es bezeichnet binäre Unterscheidungspraktiken von «eigen» und «fremd», anhand derer asymmetrische Differenzordnungen hervorgebracht und dominante Wahrnehmungen geformt werden. Anders ausgedrückt wird somit also danach gefragt, inwiefern Otheringprozesse in den Internationalisierungsprogrammen der Hochschulen wirksam wer- den bzw. in den Berichten der Studierenden zum Ausdruck kommen und 74 Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit 27.20 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o d u k t i o n v o n D i f f e r e n z i m K o n t e x t … welche Analogien bzw. Unterschiede sich allenfalls zwischen beiden Berei- chen zeigen. Das Forschungsprojekt untersuchte hochschulische Rahmen- beding ungen und Konsequenzen der Internationalisierung an Fachhoch- schulen in den vier ausgewählten Fachbereichen Soziale Arbeit, Pädagogik, Technik und IT sowie Wirtschaft und Dienstleistungen. Die Daten wur- den an Fachhochschulen der deutsch- und französischsprachigen Schweiz erhoben. Datenbasis der Studie bilden zum einen Expert*inneninterviews mit Internationalisierungsverantwortlichen und Studiengangleitenden so wie Textdokumente zur Internationalisierung an den Hochschulen. Zum anderen wurden problemzentrierte Interviews mit migrantischen Studie- renden in den Bachelor-Studiengängen der vier untersuchten Fachberei- che geführt. Der Beitrag gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten Teil wer- den theoretische Perspektiven zur Internationalisierung und deren Bedeu- tung für Differenz und Ungleichheit im Hochschulkontext diskutiert. Im zweiten Teil stehen die empirischen Ergebnisse der Studie im Zentrum: Zunächst werden Internationalisierungsverständnisse und -praktiken der Hochschulverantwortlichen auf deren Relevanz für Differenzverhältnisse hin beleuchtet. Anschliessend wird nachgezeichnet, wie Otheringprozesse für migrantische Studierende beim Zugang und im Verlauf ihres Studiums wirksam werden. Internationalisierung als Dimension der Hochschulbildung Die Internationalisierung der Hochschulen wird als ein Schlüsselmerkmal der Transformation tertiärer Bildung seit Ende der 1980er-Jahre beschrie- ben (Santiago et al. 2008). Knight definiert Internationalisierung als “the process of integrating an international, intercultural or global dimension into the purpose, functions or delivery of higher education” (2008, S. 7 f.). Sie geht von einem zweifachen Verständnis von Internationalisierung aus, dem jeweils unterschiedliche Aktivitäten zugeordnet sind: Internationali- sierung “cross-border” beinhaltet die grenzüberschreitende Hochschulbil- dung resp. die Mobilität von Personen, Programmen, Wissen und Dienst- leistungen über nationale Grenzen hinweg. Internationalisierung “at ho me” wiederum bezieht sich auf Aktivitäten am eigenen Campus einer Hochschule, wofür bspw. die Internationalisierung von Studienprogram- men und Lehrinhalten, die Entwicklung interkultureller Kompetenzen und Sprachkenntnisse von Mitgliedern einer Hochschule sowie die Inte- gration von Internationalisierungsmassnahmen auf strategischer Ebene Revue suisse de travail social 27.20 75 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … charakteristisch sind (ebd.). Im aktuellen Fachdiskurs zur Internationali- sierung dominieren oftmals instrumentelle Sichtweisen, welche diese als pro aktive Antwort der Hochschulen auf einen globalen Innovationswett- bewerb einordnen. Die entsprechenden Überlegungen und Empfehlungen sind nicht nur generell durch ökonomische Argumente geprägt, sondern teilweise auch unmittelbar auf Profitinteressen ausgerichtet. Dies bspw., wenn sich die Aufmerksamkeit auf Möglichkeiten des Exports von Bildung in andere Länder sowie auf ausländische Studierende als neue Einnahme- quelle für Hochschulen richtet (Jiang 2010; Teichler 2007). Neben den breit vertretenen ökonomisch-instrumentell ausge- richteten Mainstreamansätzen im Internationalisierungsdiskurs finden sich auch kritischere Zugänge. So werden bspw. Konsequenzen der inter- nationalen Bildungsmobilität für Klassenverhältnisse und Geschlechter- ungleichheiten diskutiert (Waters / Brooks 2011; Bauschke-Urban 2011) oder nachdrücklich auf die Vielfältigkeit studentischer Mobilität und damit verbundener Identitätsformen hingewiesen (Leung 2017; Raghu- ram 2012). In diesem Kontext wird vermehrt gefordert, Internationalisie- rung an Hochschulen neu zu denken. Womit sich auch die für die vorlie- gende Untersuchung relevante Frage verbindet, welche Studierenden unter welchen Umständen als «international» bzw. «einheimisch» zu bezeichnen sind (Madge et al. 2009, S. 34). Hu (2016) fordert dazu auf, die diesbezügli- chen polaren Denkmodelle zu hinterfragen und Hochschulen als hybride kulturelle Begegnungs- und Diskursräume zu verstehen. Die nachgezeich- neten Debatten diskutieren Internationalisierung in Hinblick auf soziale Hierarchisierungen und damit verbundene binäre Konzeptualisierungs- formen. Migrantische Studierende und deren internationale Herkunfts- und Bildungsbiografien bzw. transnationale Beziehungsnetzwerke (Pries 2008) sind allerdings sowohl in der Mainstreamliteratur zur Internationa- lisierung als auch im Rahmen dieser eher machtkritischen Zugänge bisher weitgehend unberücksichtigt geblieben. Differenz und Othering an Hochschulen Verschiedene Ansätze der Ungleichheitsforschung, die sich an den The- orien Bourdieus zur symbolischen Ordnung und Gewalt orientieren, begreifen Bildungsinstitutionen als Manifestations- und Reproduktions- orte so zialer Ungleichheit entlang sozialer, ethnischer oder geschlecht- licher Differenz (Arslan 2016). Symbolische Effekte sind gerade dann am wirksamsten, wenn die materiellen Machtstrukturen unsichtbar sind und die Dominanzverhältnisse naturalisiert werden. Dieser theoretische 76 Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit 27.20 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o d u k t i o n v o n D i f f e r e n z i m K o n t e x t … Hintergrund erlaubt u. a., subtile Differenz- und Ungleichheitserfahrun- gen als analytische Kategorien zu erfassen (Panagiotopoulou et al. 2016). Aktuell sind Hochschulen vermehrt als wichtige Instanzen sozialer Sor- tierung und symbolischer Grenzziehung in den Blick geraten, wobei auch die damit einhergehenden Bedingungen von Internationalisierung und Migration angesprochen werden (Pfaff-Czarnecka 2017; Mecheril / Kling- ler 2010; Darowksa / Machold 2010). Hierarchisierungen werden dabei ins- besondere über Otheringprozesse wirksam. Gemäss Riegel (2016, S. 52 f.) ist Othering in der postkolonialen Theoriebildung zentral für die Beschrei- bung von Prozessen des «Different-Machens», in denen im Zusammenspiel von hegemonialen Diskursen und Zuschreibungen resp. Essentialisierun- gen bestimmte Gruppen erst als solche hervorgebracht werden. Diese Kon- struktionsprozesse erfolgen vor dem Hintergrund binärer Codierungssys- teme, in denen das «Andere» als Negativfolie dient und symbolisch das von der Normalität Abweichende und Mangelhafte verkörpert. Somit verweist Othering auf die soziale Hierarchie zwischen dominanter «Wir»-Position und konstruierten «Anderen» (Saïd 1999). In Bezug auf Hochschul- bzw. Bildungsinstitut ionen bedeutet dies auch, dass die formale bzw. institu- tionelle Ebene eine machtvolle Rolle spielt: Hochschulen legen formale Anforderungen fest, um die Zulassung zu regeln (bspw. Praxiserfahrung oder Sprachkompetenzausweise für Studierende, deren Erstsprache nicht der Hochschulsprache entspricht) oder sie identifizieren Studierende, wel- che für Unterstützungsmassnahmen berechtigt sind (bspw. Nachteilsaus- gleich für Stu dierende mit einer Beeinträchtigung). Der Anspruch bleibt grundsätzlich verwehrt, wenn die festgelegten Bedingungen nicht erfüllt bzw. nachgewiesen werden. Die Relevanz der Sprache Im Hinblick auf Internationalisierung im Hochschulkontext und Diffe- renzerfahrungen migrantischer Studierender kommt der Sprache als wich- tiges Element symbolischer Ordnung eine besondere Bedeutung zu (Kal- paka 2005; Darowksa / Machold 2010). So wird der monolinguale Habitus als diskriminierender Aspekt von Bildungsinstitutionen bezeichnet (Heine- mann / Dirim 2016; Gogolin 2008) sowie im Kontext globaler Bildungspro- zesse auf Dynamiken der Rekolonisierung verwiesen (Castro Varela / Hei- nemann 2016). Wie Arslan (2016) anmerkt, wird Mehrsprachigkeit an deutschen Hochschulen mit prestigeträchtigen Sprachen wie Englisch in Zusammenhang gebracht, während Minderheitssprachen wie bspw. Tür- kisch kaum Beachtung finden. Fabricius et al. (2017) heben hervor, dass Revue suisse de travail social 27.20 77 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … Internationalisierungsbestrebungen der Hochschulen zu paradoxen Effek- ten in Hinblick auf Sprachkompetenzen führen. Diese gehen nicht mit der Förderung sprachlicher Pluralität einher, vielmehr bestätigt sich eine Ten- denz zur Vereinheitlichung entlang hegemonialer Ordnungs muster. Inter- nationalisierung ist an den Hochschulen somit oftmals in erster Linie “Englishization” (Hu 2016, S. 264). Damit werde ein enormes Potenzial für eine differenzierte Wissensentwicklung und entsprechende Lehr- und Lernpraktiken nicht ausgeschöpft. Internationalisierung an Schweizer Fachhochschulen Das hier vorgestellte Forschungsprojekt eruierte einerseits das Verständnis von Internationalisierung an Fachhochschulen sowie die damit verbunde- nen Umsetzungsformen. Andererseits wurde gefragt, welche institutionel- len Hürden und Optionen sich für migrantische Studierende beim Zugang und im Verlauf ihres Studiums ergeben. Wie sich zeigt, werden im Rah- men aktueller Programmatiken der Internationalisierung binäre Zuord- nungen von «Eigen-» und «Fremdkultur» wirksam, die sich in ähnlicher Weise auch in den Erfahrungen migrantischer Studierender widerspiegeln. Zudem verweisen die Untersuchungsresultate unter Bezug auf Gutiérrez Rodríguez et al. (2016, S. 163) darauf, dass gängige Verständnisse von Inter- nationalisierung «nicht auf nachhaltige Gleichstellung in der Migrations- gesellschaft» abzielen. Methodisches Vorgehen Das methodische Vorgehen der Studie gliedert sich in zwei Bereiche. Das an Fachhochschulen der Deutsch- und Westschweiz erhobene Datenma- terial basiert zum einen auf insgesamt 17 Expert*inneninterviews (Glä- ser / Laudel 2009) mit Zuständigen für Internationalisierung sowie mit Stu- diengangleitenden aus den vier Fachbereichen Soziale Arbeit, Pädagogik, Technik und IT sowie Wirtschaft und Dienstleistungen. Zudem wurden sowohl auf Hochschul- wie auch auf nationaler Ebene die für Internatio- nalisierung relevanten Textdokumente erfasst. Es handelt sich hierbei um rund 70 Policy-Dokumente (Strategien, Leitlinien) sowie Textbeiträge, die zur Kommunikation mit den Studierenden dienen. Die Auswertung dieser Daten erfolgte mit einem Verfahren, das sich an der qualitativen Inhalts- analyse nach Kuckartz (2012) orientiert und zudem Elemente des Theoreti- schen Kodierens der Grounded Theory übernimmt (Strauss / Corbin 1996). Zum anderen umfasst die Studie 31 Interviews mit migranti- schen Studierenden im Bachelor-Studium aus den untersuchten Fachbe- 78 Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit 27.20 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o d u k t i o n v o n D i f f e r e n z i m K o n t e x t … reichen. Ausgewählt wurden die befragten Studierenden nach inhaltlichen bzw. soweit möglich entlang von kontrastierenden Kriterien, wie bspw. Geschlecht, Migrations- und Bildungshintergrund, Alter, Sprache, Hoch- schulstandort, Studienmodus und Semesteranzahl. Diese Daten wurden mittels Theoretischem Kodieren in Anlehnung an die Grounded Theory (Strauss / Corbin 1996; Glaser / Strauss 2005) ausgewertet, wobei die Ver- dichtung anhand mehrerer Teilschritte erfolgte. Zuerst wurden die Daten offen kodiert und Fallcharakterisierungen erstellt, anschliessend erfolgte eine Komprimierung der Daten entlang der für die Fragestellung relevanten Dimensionen. In einem letzten Schritt wurden diese thematischen Dimen- sionen anhand einer vertikalen Analyse zueinander in Verbindung gesetzt. Internationalisierung als Förderung von Studierendenmobilität Wie die Interviews mit Hochschulverantwortlichen und die Dokumen- tenanalyse verdeutlichen, sind institutionelle Bestrebungen, die gegen- wärtig an den Fachhochschulen unter dem Leitbegriff der Internationa- lisierung stattfinden, unterschiedlich weit fortgeschritten bzw. in vielen Fällen noch wenig konsolidiert. Internationalisierung wird in verschiede- nen Hochschuld okumenten wie bspw. im Fachbereich Soziale Arbeit zwar als «integraler Bestandteil des Leistungsauftrags» (Dokument 65, S. 8) bezeichnet, die Umsetzung dieser Programmatiken steht jedoch nicht sel- ten noch in den Anfängen. In dieser Aufbauphase zeigen sich aber bereits deutliche Überein- stimmungen in den Zielsetzungen. So sind die Aktivitäten im Bereich Inter- nationalisierung an allen untersuchten Hochschulen in erster Linie darauf ausgerichtet, grenzüberschreitende studentische Mobilität zu organisie- ren und zu fördern. Dies bspw. indem den Studierenden ein Semesterauf- enthalt an einer Partneruniversität im Ausland ermöglicht wird. Wie die Aussage des Experten L. Marzino3 verdeutlicht, gilt studentische Auslands- mobilität als unhinterfragter Standard von Internationalisierung: «Studie- rende müssen mobil sein, […] das ist per se international» (Z. 173). Entspre- chend wird an der Hochschule für Wirtschaft, an welcher Marzino tätig ist, in den nächsten fünf Jahren mit einer Verdoppelung der Mobilitäts- nachfrage gerechnet und die damit verbundene Zielsetzung ist es, Mobi- lität durchgehend in die Studienpläne zu integrieren. Gemäss dem weiter oben erläuterten Doppelverständnis von Internationalisierung fokussie- ren die bisherigen Internationalisierungsprogramme somit weitgehend auf “cross-border”-Aktivitäten. Hingegen finden Massnahmen zur Inter- nationalisierung “at home” deutlich weniger Beachtung resp. wird diese Revue suisse de travail social 27.20 79 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … als zu entwickelndes Handlungsfeld beschrieben und erscheint damit in Bezug auf Inhalte und Zielsetzungen noch unbestimmt. Migrantische Studierende bleiben im Kontext der Internationali- sierungsbestrebungen unerwähnt. Auch auf Nachfrage hin bekunden die Expert*innen Mühe, einen Zusammenhang zwischen den Themenberei- chen Internationalisierung und Migration herzustellen. Ansätze, Interna- tionalisierung umfassender zu verstehen, zeigen sich bspw. bei der Studi- engangleiterin im Fachbereich Wirtschaft, N. Umaga, die darauf verweist, dass für eine «wirklich internationale» Hochschule viel mehr Studierende mit «verschiedenen Backgrounds» notwendig seien. «So neunzig Prozent (Geschlech- von meinen Studenten sind alle Schweizer und das heisst, wir haben wirk- terneutrale lich nicht so viele Unterschiede – so Migrationshintergrund oder internati- Sprache?) onaler Hintergrund.» (ebd., Z. 7–9) Die einseitige Fokussierung auf Mobilitätsförderung im Rahmen der Internationalisierungsprogramme könnte den Blick auf eine differen- ziertere Sichtweise internationaler Verhältnisse an Fachhochschulen ver- stellen. Diese sind heute nämlich wesentlich durch die Entwicklung hin zur Migrationsgesellschaft geprägt: Migrantische Studierende sind an schweizerischen Fachhochschulen zwar unterrepräsentiert, sie machen aber doch – über alle Fachbereiche hinweggesehen – 29 Prozent aller Stu- dierenden aus, wobei die Tendenz steigend ist (BFS 2017). Dies bedeutet, dass sich – von der Auslandsmobilität während des Studiums einmal abge- sehen – Internationalität in unterschiedlichen Formen bei den Studieren- den manifestiert. In den institutionellen Internationalisierungsprogram- men finden aber entsprechende Ressourcen wie bspw. Mehrsprachigkeit und / oder internationale Erfahrungen migrantischer Studierender kaum Berücksichtigung. Rekurs auf Kulturalisierung im Internationalisierungsdiskurs Ein verbreitetes Internationalisierungsmotiv setzt programmatisch vor- aus, dass Auslanderfahrungen die Kompetenzen im Umgang mit Interkul- turalität erweitert. Dabei wird oftmals ausgeblendet, dass solche Kompe- tenzerweiterungen nicht selbstläufig erfolgen, sondern einer reflektierten, theoriebasierten Auseinandersetzung bedürfen (Massumi 2017). Für den Studiengangleiter im Fachbereich Wirtschaft, L. Strewe, sollen die Bestre- bungen zur Internationalisierung zwar in erster Linie die Arbeitsmarkt- fähigkeit der Studierenden verbessern. Als «Seiteneffekt» möchte er diese aber auch dazu befähigen, «im Umgang mit unterschiedlichsten Kultu- ren Verantwortung übernehmen zu können für das Handeln, das man 80 Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit 27.20 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o d u k t i o n v o n D i f f e r e n z i m K o n t e x t … im interkulturellen Kontext hat.» (Z. 18–21) Wie Darowska und Machold (2010) kritisch festhalten, impliziert das Alltagsverständnis von Interkultu- ralität einen statischen Kulturbegriff, der auf die Markierung von Fremd- heit und Nicht-Zugehörigkeit hindeutet. In diesen Vorstellungen wird Kul- tur in homogenisierender Weise als Einheit und zugleich als wesenhafte Eigenschaft verstanden, die Anderssein begründet, während mögliche multiple Zugehörigkeiten ausser Acht bleiben. Zudem werden kulturelle Unterschiede oftmals ohne plausible Begründung mit Nation, Ethnie oder einem geografischen Territorium gleichgesetzt (ebd., S. 20, vgl. auch Kal- paka 2005). Die Aussagen der befragten Fachpersonen verweisen auf essen- tialisierende und homogenisierende Konzepte kultureller Zugehörigkeit. Dies sowohl wenn von “incoming students” die Rede ist, welche die Hoch- schule im Rahmen der Auslandsmobilität besuchen, als auch hinsichtlich als migrantisch attribuierter Studierenden. Entsprechende Differenzmar- kierungen werden im Datenmaterial an pauschalisierenden Gruppen- zuordnungen wie «die Schweizer», «die Chinesin», «die Ausländer» deut- lich. Ein Studiengangleiter spricht von «Ić-Studenten», um Studierende zu bezeichnen, denen er aufgrund ihres Familiennamens eine Herkunft aus «Ex-Jugoslawien» zuschreibt (T. Althaus, Z. 650 f.). An anderer Stelle werden Studierende als Repräsentant*innen «ihrer» Nation adressiert oder es wird ihnen anhand von binären Unterscheidungen kulturelle Andersheit zuge- schrieben. Dies bspw., wenn es um die Präsenz von Austauschstudierenden in Lehrveranstaltungen und studentischen Projektgruppen geht. In diesem Kontext führt die Internationalisierungsverantwortliche M. Dedo an, dass Studierende, die keine Studienaufenthalte im Ausland absolvieren, «kultu- rell von diesen Leuten [den Austauschstudierenden] profitieren würden» (Z. 56). Ähnlich argumentiert B. Rosinus, ein Beauftragter für Internatio- nalisierung im Fachbereich Technik: In diesen Projekten versuchen wir, diesen Projektgruppen eben ab und zu auch einen «Incoming» reinzutun, damit die mal ein wenig eine Horizont- erweiterung erhalten […]. Also ich meine, das ist dann der Benefit von unseren eigenen Studierenden, die nicht selber in einen Austausch gehen. (Z. 56–60) Beide Expert*innen konnotieren kulturelle Unterschiede positiv und deu- ten diese grundsätzlich als Bereicherung. Gemäss der binären Logik von «eigen» und «fremd» werden solche Unterschiede jedoch als gegeben vor- ausgesetzt und damit essentialisiert. «Einheimische» und “Incomings” ste- Revue suisse de travail social 27.20 81 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … hen sich als zwei scheinbar homogene Gruppen gegenüber, wobei Letztere in der Tendenz als nicht-zugehörig markiert werden. Wie die Daten verdeutlichen, nehmen Hochschulverantwortliche öfters Bezug auf Alltagsverständnisse über den «Austausch der Kulturen» und kaum auf aktuelle wissenschaftliche Diskurse, in denen sich kulturali- sierungskritische Ansätze bereits seit längerem durchgesetzt haben. Im Kontext der derzeitigen Debatte um eine differenzsensible Hochschullehre wird dazu aufgefordert, Differenzordnungen als konstitutiver Bestandteil von Bildungsprozessen bewusst «in Un-Ordnung» zu bringen (Hoffarth et al. 2013, S. 52), um soziale Kategorisierungen und damit einhergehende Identifizierungspraktiken deutlich zu machen. Dies wirft die Frage auf, wie Internationalisierungsmassnahmen im Bereich der Hochschullehre mit einer kritischen Reflexion von Differenzzuschreibungen verknüpft werden könnten. Zuschreibung von Andersheit migrantischer Studierender in der monolingualen Hochschule In den Begründungen für die Internationalisierung bzw. die Förderung von Auslandsmobilität lassen sich implizite Konzepte kultureller Diffe- renz erkennen, an welche sich dann wiederum diskursive Mechanismen des «Zum-Anderen-machen» im Sinne von Othering anschliessen können. Wie im Folgenden ausgeführt wird, sind ähnliche Reproduktionsmuster auch für die Erfahrungen migrantischer Studierender an Fachhochschu- len kennzeichnend. Die Interviews mit migrantischen Student*innen ver- weisen auf stereotype Zuschreibungen und stigmatisierende Hürden auf- grund von Differenz. Sie erlauben zudem Einblick in Ausdrucksweisen von Andersheit, mit denen sich diese Studierenden an der Hochschule konfron- tiert sehen bzw. worauf sie sich selbst beziehen. Am Beispiel der Sprachanforderungen für die Zulassung zum Studium werden Otheringprozesse als unhinterfragte Normalität an den untersuchten Hochschulen in beiden Sprachregionen sichtbar. So themati- siert die Studentin S. Erdal an einer Deutschschweizer Hochschule in Bezug auf das Zulassungsverfahren, dass im Fachbereich Soziale Arbeit – neben einem sechsmonatigen Praktikum – der Nachweis von Deutschkenntnis- sen auf Niveau C2 des europäischen Referenzrahmens für Sprachen4 als Aufnahmebedingung vorausgesetzt wird. Dies wird ihrerseits als exklu- dierend wahrgenommen, da der Besuch von Sprachkursen im Vorfeld des Studiums hohe Kosten verursacht. Darüber hinaus absolvierte S. Erdal zur 82 Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit 27.20 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o d u k t i o n v o n D i f f e r e n z i m K o n t e x t … Erweiterung ihrer Sprachkenntnisse zusätzliche Praktika, woraus für sie neben dem finanziellen ein zeitlicher Mehraufwand entstand: Dafür muss man viel Geld investieren, damit man diesen Abschluss bekom- men kann. Dafür muss man viele Sprachkurse machen, also das finde ich eine hohe Hürde. (Z. 53–55) An einer Pädagogischen Hochschule in der Westschweiz thematisiert eine migrantische Studentin mit Erstsprache Deutsch den für angehende Pri- marlehrpersonen im ersten Studienjahr obligatorischen Französisch-Test. Gemäss Studienreglement attestiert die Prüfung den Studierenden die «Beherrschung von Französisch als Unterrichtssprache» und eine Fort- setzung des Studiums ist nur mit bestandener Prüfung möglich. Die Stu- dentin C. Durion berichtet, dass dadurch Professionalität sichergestellt würde und meint damit, «jeden Sachverhalt und Kommunikation klar rüberzubringen in Französisch» (Z. 259–260). Die Anforderung C2 für Studienanwärter*innen nicht deutscher Erstsprache, welche die Studien- berechtigung nicht in deutscher Sprache erworben haben, setzt für das Studium so genannt «muttersprachliche» Kenntnisse voraus, die wiede- rum mit perfekten Sprachkenntnissen gleichgesetzt werden. Dabei wird nicht mitbedacht, dass die Wissenschaftssprache Deutsch bzw. Franzö- sisch von allen Studierenden unabhängig von ihrer Erstsprache zu erler- nen ist (Knappik / Dirim 2013). Monolinguale Selbstverständnisse werden umgekehrt auch von Studierenden reproduziert. So betrachtet sich C. Durion als angehende Primarlehrerin in Bezug auf den Unterricht in ihrer Erstsprache Deutsch gegenüber ihren Mitstudierenden aus der Westschweiz als kompetenter: Sprache ist ja nicht nur reine Grammatik, sondern da kommt ja mehr mit, da kommt Kultur, sei es deutsche […]. Aber einfach was so mit deutscher Kultur- geschichte noch zusammenhängt […], aber dass ich da einfach authentisch bin und ich dann eine gute Lehrerin sein kann. (C. Durion, Z. 542–549) Die Sequenz verdeutlicht, wie sie sich selbst essentialisiert, denn ihres Erachtens kann sie aufgrund ihrer Erstsprache deutsche Kulturgeschichte «authentischer» bzw. wirklichkeitsnäher vermitteln als ihre französisch- sprachigen Mitstudierenden. Sie verschliesst damit aber den Blick auf abs olvierte Studienleistungen und Praxiserfahrungen, also auf im Rah- Revue suisse de travail social 27.20 83 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … men ihrer Bildungs- und Berufsbiografie erworbene Ressourcen und Kom- petenzen. Kritische Forschungsperspektiven monieren defizitäre Sichtwei- sen auf migrationsspezifische Mehrsprachigkeit aufgrund monolingualer Selbstverständnisse (Knappik / Dirim 2013; Kalpaka 2009). Dies widerspie- gelt sich in den Zulassungsanforderungen der untersuchten Fachhochschu- len. Sprachliche Zulassungsvoraussetzungen auf Niveau C2 zeigen sich in den Fachbereichen Soziale Arbeit und Pädagogik als weitgehend unhinter- fragte Norm. So wird die Konstruktion des «Anderen» aufgrund sprach- licher Anforderungen verfestigt. Dies bestätigt sich über sprachregionale Grenzen hinweg, indem die jeweils dominante regionale Erstsprache zur Norm wird, um nach formalen Kriterien zwischen Studierenden zu unter- scheiden. In den Fachbereichen Wirtschaft und Technik erfahren die Sprach- anforderungen an den untersuchten Hochschulen eine etwas andere Ge wichtung. Im Fachbereich Wirtschaft muss abhängig von den Bedin- gungen der jeweiligen Hochschulen für die Studienzulassung maximal das Sprachniveau C1 gemäss europäischem Referenzrahmen ausgewiesen werden. Im Fachbereich Technik gilt das Sprachniveau B2 als ausreichend. Umgekehrt ist das Studienangebot in englischer Sprache in diesen beiden Fachbereichen deutlich stärker ausgebaut und der Status von Englisch als «Lingua franca» weitgehend unhinterfragt. So wird bspw. an einer Hoch- schule für Wirtschaft festgehalten, dass «die Anforderungen einer zuneh- menden Internationalisierung zu erfüllen, u. a. gute Englischkenntnisse bedingt» (Dokument 51, S. 4). Diese hohe Bewertung der englischen Spra- che stellt zwar eine Alternative zur monolingualen Hochschule dar, setzt aber gleichzeitig das Muster der fehlenden Anerkennung für migrations- bedingte Mehrsprachigkeit fort. Während Englisch als «Schlüssel zur Welt» eine hohe Gewichtung erfährt, werden alle anderen Herkunftssprachen implizit abgewertet (Krüger-Potratz 2016, S. 34). Insoweit wird Mehrspra- chigkeit weiterhin als migrationsspezifisches Wissen dequalifiziert. Othering aufgrund des Aussehens und kulturellen Zuschreibungen Otheringprozesse kommen an den untersuchten Hochschulen ebenso in Bezug auf people of colour, Aussehen und religiöse Symbole zum Ausdruck. So dient das äussere Erscheinungsbild für Dozierende als Motiv, den Stu- dierenden aufgrund binärer Konstruktionslogiken Andersheit zu unter- stellen. Bei der Studentin Z. Anesani wird deren Hautfarbe sowie der von ihr getragene Turban von einigen Dozierenden als Anlass genommen, sie 84 Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit 27.20 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o d u k t i o n v o n D i f f e r e n z i m K o n t e x t … als Repräsentantin einer anderen Kultur zu markieren und ihr mangelnde Deutschkenntnisse zuzuschreiben. Als Studentin im Fachbereich Soziale Arbeit legt Anesani dar, wie ihr auf Hochdeutsch die Frage gestellt wurde, ob sie die Ausführungen in der Lehrveranstaltung nachvollziehen könne: Verstehen Sie mich? Und nachher, das ist so spannend, dass ein Akademiker nicht davon ausgeht, dass jemand, die so aussieht wie ich, auch hier soziali- siert werden kann. Als hätte er bereits eine feste Vorstellung im Kopf von Men- schen mit anderer Hautfarbe. (Z. 227–230) Auf eine ähnlich defizitäre Betrachtungsweise verweist A. Panou, die be richtet, wie ihr von einer Dozentin vorgehalten wurde, der Lehrveran- staltung nicht folgen zu können, weil sie «Ausländerin» sei. Die Studentin schildert, wie ihr aufgrund vermeintlicher Verständigungsschwierigkeiten in stereotypisierender Weis e kulturelle Andersheit unterstellt wurde: Ich ging nach dem Unterricht zu ihr, und sie [die Dozentin] hat mir ein Etikett gegeben. Ja du, du bist Ausländerin, deshalb weisst du nicht (…). (Z. 409–410) Die Kontrastierung der Fachbereiche verweist auf Konfigurationen von Andersheit aufgrund von Sprache, race und äusserem Erscheinungsbild. Die Schilderungen der Studierenden thematisieren Situationen, in denen diskursiv zugeschriebene körperliche oder kulturelle Merkmale als herab- würdigende Unterscheidung zwischen «uns» und den «anderen» Wirkung entfalten. Dabei lassen sich Kontinuitäten beobachten, welche «kulturel le Andersheit» als Abweichung von der Mehrheitsgesellschaft betrachten. Dies zeigt sich über alle Fachbereiche hinweg in ähnlicher Weise. Dies obwohl bspw. gerade in der Sozialen Arbeit der Auftrag darin bestünde, «essentialisierende Perspektiven und stigmatisierende Effekte» kritisch zu hinterfragen (Mecheril / Melter 2010, S. 126). Fazit Die Aktivitäten und Programme zur Entwicklung von Internationalität sind prinzipiell auf Mobilitätsförderung ausgerichtet und reproduzieren die binäre Logik von «internationalen» und «einheimischen» Studieren- den. Damit gerät die Komplexität internationaler Verhältnisse an Hoch- schulen tendenziell aus dem Blick. Gleichzeitig eröffnet sich über implizite Konzepte der kulturellen Differenz ein Raum für Fremdheitszuschreibun- gen, die von den befragten Expert*innen in unterschiedlicher Weise wahr- Revue suisse de travail social 27.20 85 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … genommen werden. Die Erfahrungen migrantischer Studierender verwei- sen auf Ein- und Ausgrenzungsprozesse aufgrund unterschiedlicher Ach sen der Differenz. Hierbei zeigen sich institutionelle Hürden insbeson- dere auch im Bereich der tendenziell monolingualen Verhältnisse im Fach- hochschulkontext und den damit verbundenen formalen Anforderungen. Aus dieser Perspektive verdeutlichen die Daten, wie binäre Differenzord- nungen sowohl seitens der institutionellen Akteur*innen als auch der Stu- dierenden in ähnlicher Weise reproduziert werden. Die Ausklammerung migrationsgesellschaftlicher Zugänge aus dem Themenfeld der Internationalisierung veranschaulicht Widersprüche und Paradoxien pädagogischen Handelns im tertiären Bildungskontext sowie die fehlende Beachtung von Ressourcen und Potenzialen migranti- scher Studierender (Karakaşoğlu 2016). Insbesondere im Bereich der Inter- nationalisierung «at home» würden sich für Hochschulen Möglichkeiten bieten, differenzreflexive Perspektiven in die Curricula einzubringen. Ent- sprechende Ansätze implizieren sowohl die Frage nach einer kritischen Auseinandersetzung mit Differenzverhältnissen im Kontext von Interna- tionalisierung als auch die Bereitschaft, Ausgrenzungsprozessen auf der symbolischen und strukturellen Ebene entgegenzutreten. Die Ergebnisse der hier vorgestellten Studie lassen jedoch wenig Entwicklungen in diese Richtung erkennen. Die Untersuchung weist auf Möglichkeiten hin, Internationali- sierung an Hochschulen in ihren unterschiedlichen Facetten zu verste- hen und zugrundeliegende Machtstrukturen ins Blickfeld zu rücken. Die Studie führt Forschungsansätze zur Internationalisierung von Hochschu- len mit theoretischen Perspektiven auf gesellschaftliche Differenzordnun- gen zusammen und verschränkt damit Dimensionen der Internationali- sierungsdynamik, die in der Literatur bisher noch kaum auf diese Weise ausgelotet wurden. Dieser Zugang ermöglicht, Leerstellen wie jene der Ver- nachlässigung migrationsgesellschaftlicher Verhältnisse an Hochschulen sowie die Kontinuität von Otheringprozessen gegenüber migrantischen Studierenden sichtbar zu machen. L i t e r a t u r Emre Arslan & Kemal Bozay (Hrsg.), Arslan, Emre (2016). Reflexion eines Projek- Symbolische Ordnung und Bildungsun- tes zur Mehrsprachigkeit in der uni ver- gleichheit in der Migrationsgesellschaft. sitären symbolischen Ordnung. 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Anme r k ung en tionshintergrund» und bezieht sich 1 Das vom Schweizerischen National- auf eine Selbstpositionierung im Kon- fonds finanzierte Projekt «Internatio- text von Emanzipationsbestrebungen. nalisierung an Fachhochschulen: Zur Dieses Attribut ist – im Gegensatz zur Bedeutung von Geschlecht und Migra- angeblichen homogenen Herkunft der tion für Bildungs(un)gleichheit» wurde Mehrheitsgesellschaft – offen für sämt- in Kooperation mit der Hochschule für liche Phänomene, die in relativ unbe- Soziale Arbeit (HSA), der Pädagogischen stimmter Form mit Migration in Bezug Hochschule (PH) und der Hochschule stehen (Polat et al. 2014). für Angewandte Psychologie (APS) der 3 Das gesamte Datenmaterial wurde ano- Fachhochschule Nordwestschweiz nymisiert. Französisch- und englisch- (FHNW) durchgeführt. Neben den in sprachige Aussagen wurden für den vor- diesem Beitrag vorgestellten qualitati- liegenden Beitrag übersetzt. ven Untersuchungsbereichen beinhal- 4 Der Referenzrahmen umfasst die tet es auch eine Studierendenbefragung Niveaus A1 für «Anfänger» bis C2 für (Vollerhebung) in den vier untersuchten «annähernd muttersprachliche Kennt- Fachbereichen. nisse». Vgl. https://www.europaeischer- 2 Das Adjektiv «migrantisch» steht hier als referenzrahmen.de/. Synonym für die Bezeichnung «Migra- B i og r a f i s c h e A ng ab en forschung. Ihre neueren Arbeiten Susanne Burren, Dr. rer. soc., ist Senior be schäftigen sich mit unterschiedlichen Re searcher und Leiterin Gleichstel- Aspekten von Ungleichheit im (höheren) lung und Diversity an der Pädagogi- Bildungswesen. schen Hochschule der FHNW. Nach Maritza Le Breton, Dr. phil., ist Professo- einem Lizentiat in Ethnologie hat sie rin am Institut Integration und Partizi- in Soziologie promoviert. Ihre Arbeits- pation der Hochschule für Soziale Arbeit schwerpunkte liegen in den Bereichen FHNW. Sie ist Sozialwissenschaftlerin Hochschul- und Wissenschaftssozio- und beschäftigt sich seit vielen Jahren logie, Gender Studies und Diversitäts- mit Geschlechter-, Diversity- und Mig- Revue suisse de travail social 27.20 89 B u r r e n e t a l . Z u r R e p r o du k t i o n v o n D i f f e r e n z im Ko n t e x t … rationsforschung. Ihre Arbeiten widmen punkte liegen in der Migrations-, Gen- sich geschlechter-, migrations- und bil- der- und Diversitätsforschung. dungssoziologischen Fragestellungen, Martin Böhnel, Mag. M. Sc., hat 2010 einen insbesondere den Ursachen und Mecha- Magisterabschluss in Internationaler nismen von Geschlechterungleichheit Entwicklung an den Universitäten Wien im globalen Kontext am Beispiel von und Lyon erworben und 2016 einen Mas- Frauenhandel und Sexarbeit sowie Dif- ter of Science in Sozialer Arbeit an der ferenzverhältnissen aufgrund von Mig- Zürcher Hochschule für Angewandte ration und Geschlecht – und anderen Wissenschaften ZHAW. Er verfügt über Strukturkategorien – im Fachhochschul- Berufserfahrung in der internationa- kontext. len Entwicklungszusammenarbeit und Celestina Porta, M. A., ist seit 2012 als wissen- Non-Profit Organisationen insbesondere schaftliche Assistentin bzw. Mitarbei- zu Themen der Migration. Seit Herbst terin an der Pädagogischen Hochschule 2016 ist er als wissenschaftlicher Assis- FHNW tätig. Bis 2016 engagierte sie sich tent am Institut Integration und Partizi- an der Professur Interkulturalität und pation der Hochschule für Soziale Arbeit Sozialisationsprozesse des Instituts Pri- FHNW mit den Themenschwerpunkt marstufe, seither am Institut Forschung Bildung im Kontext von Migration und und Entwicklung. Ihre Arbeitsschwer- Gender tätig. 90 Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit 27.20