Das Magazin der Christoph Merian Stiftung Nr. 20 2023 Quartierleben 2 3 Editorial Forschung Die sozialen Folgen globaler Entwicklungen treten auf loka- ler Ebene besonders deutlich hervor. In den Quartieren sind beispielsweise die demografischen Veränderungen unmit- telbar sicht- und spürbar. Gleichzeitig bieten Quartiere eine Vielfalt an Möglichkeiten, wie diesen Herausforderun- gen begegnet werden kann. So ermöglichen Quartiere oder Nachbarschaften die Entstehung sozialer Ressourcen, das sind beispielsweise Beziehungen, Netzwerke oder Gemein- schaften. Sie bieten identitätsstiftende Momente und wir- ken somit stabilisierend. Und dies in Zeiten, in denen bislang zentrale integrative Bereiche wie der Arbeitsmarkt oder die Kernfamilie ins Wanken geraten. Quartiere und Nachbarschaften bieten Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen sowohl Gemeinschaft als auch die Möglichkeit zum Individualismus, Nähe wie Distanz, Öffentlichkeit und Anonymität. Gerade diese Am- bivalenz verdeutlicht, dass Quartiere vor allem durch ihre Bevölkerung, konkret durch deren Wertesysteme und All- tagspraktiken konstituiert werden. Quartiere als soziales Produkt Quartiere und Nachbarschaften existieren nicht per se, sondern sind sozial konstruiert und daher sehr vielfältig. Sie sind Produkte alltäglicher Vorstellungen, Handlungen und sozialer Beziehungen. Gleichzeitig dürfen Quartiere und Nachbarschaften nicht isoliert betrachtet werden, denn sie sind immer auch Teil eines grösseren Ganzen – einer Stadt, Als ich – da war ich noch etwas jünger – in Paris studierte, musste ich zuerst die Grossstadt mit allen ihren so verschiedenen Arrondissements und ihrer beeindruckenden Banlieue flächen- deckend erkunden. Nach einer gewissen Zeit aber erlahmte der Entdeckergeist, ich wollte nicht mehr als Tourist und Stadt- forscher durch Paris schweifen, sondern so leben wie alle Pari- serinnen und Pariser. Und so begann ich, mein Quartier zu ent- decken und lieb zu gewinnen. Ich fand meinen Lieblingsbäcker, ich wusste, in welcher Bar es das günstigste Bier gab, wo den guten Käse, die frischesten Fische und Fruits de mer. Ich spielte Volleyball im Quartier und ass in der muslimischen Quartier- mensa (weil dort das Essen am besten war). Ich fühlte mich als Teil des Quartiers, aber natürlich auch als Teil der ganzen, gros- sen Stadt und als Teil all dessen, was sie ausmachte. Das Quartier ist die kleine Welt, in der sich unser Alltag ab- spielt, es ist unsere Lebenswelt mit identitätsstiftender Funktion: Hier ist man zuhause, hier nimmt man Anteil am Quartierleben, erlebt, erkämpft, erduldet, erleidet, ersehnt man Veränderungen. Hier kennt man die Nachbarn, viele auch nicht (manchmal zum Glück …), man kennt die Schule, die Kinder, die Polizistinnen und die Pöstler und die quartierbekannten Faktoten. Weil das Quartier eine wichtige Rolle in unserer alltäglichen Lebenswelt spielt, weil es unser Leben und das unserer Familien prägt, engagiert sich die Christoph Merian Stiftung (CMS) für die verschiedenen Quartiere mit kleinen und grossen Beiträgen. Sie ermöglicht mit dem Lola im St. Johann und dem Union im Matthäusquartier zwei Quartiertreffpunkte und unterstützt vor allem das zivilgesellschaftlich-freiwillige, aber auch das profes- sionelle Quartierengagement. Und das ist gut und richtig so. Der Fokus aufs Quartier birgt allerdings auch ein Risiko. Leicht gewinnen die Partikularinteressen des Mikrokosmos Ober- hand über die gesamtstädtische Sicht. Gerade bei Themen wie der Entwicklung von Transformationsarealen, dem Verkehr, der Nutzungsverdichtung oder bei Infrastrukturprojekten darf es keine Deutungshoheit der Quartiere geben, keine Sankt-Florians- Politik, sondern es braucht eine gesamtstädtische Perspektive und Güterabwägung, ja oft den Blick aus einer regionalen, grenz- überschreitenden Warte. Und dann wäre in diesem gesamtstädtischen Kontext schliesslich noch das Herz Basels, die Innenstadt, zu erwähnen. Bei aller zentrifugalen Quartierbegeisterung müssen wir auch Sorge tragen zu unserem Zentrum – damit es so lebendig bleibt wie die Quartiere. Dr. Beat von Wartburg Direktor der Christoph Merian Stiftung Viele Quartiere – eine Stadt Durchs Quartier mit Leonie Rösler Für die zwanzigste Ausgabe des Stiftungsma- gazins hat die CMS die Comic-Zeichnerin Leonie Rösler mit der Illustration beauftragt. Es ent- stand ein Wimmelbild mit vielen bekannten Szenen und überraschenden Details, das Basel und seine Quartiere zeigt und zugleich kleine Geschichten über die Menschen in der Stadt, ihren Alltag und ihr Zusammenleben erzählt. Sie finden das Bild als Poster in der Heftmitte, Aus- schnitte davon illustrieren die Texte im ersten Bund. Leonie Rösler, geboren 1994, lebt und arbeitet in Basel. Neben Auftragsarbeiten zeichnet sie Comics für Magazine und veröffentlicht eigene Publikationen. Im Frühjahr 2020 gewann sie das Förderstipendium der Deutschschweizer Städte mit ihrer Graphic Novel «Wen kratzt Ava?», an deren Umsetzung sie aktuell arbeitet und die 2021 auch von Pro Helvetia gefördert wurde. Globale Phänomene wie der Klimawandel, technische und demografische Veränderungen sowie neue Migrationsdynamiken stellen Städte und Gemeinden vor grosse Herausforderungen. Quartiere spielen hierbei eine zentrale Rolle, denn sie sind die Knoten- punkte des Zusammenlebens. Am Institut Sozial- planung, Organisationaler Wandel und Stadtentwick- lung der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW wird zu den aktuellen Herausforderungen für Quartiere und Nachbarschaften sowie deren Möglichkeiten und Grenzen geforscht und gelehrt. einer Region, eines Landes – und werden, wie bereits er- wähnt, durch externe soziale, wirtschaftliche, bauliche und regulatorische Massnahmen beeinflusst. Dennoch ist die Definition von Quartier als soziales Produkt richtungswei- send, da sie bedeutet, dass die Arbeit im und am Quartier als Ko-Produktion verstanden werden muss. Eine Ko-Produk- tion, in der das lokale Wissen und die lokalen Bedürfnisse und Interessen wesentlich sind für gelingende Verständi- gungs- und Aushandlungsprozesse und folgerichtig alle «Betroffenen» zu «Beteiligten» gemacht werden müssen. In diesen Aushandlungs- und Verständigungsprozessen spielt die Soziale Arbeit eine zentrale Rolle, denn sie befasst sich seit jeher sowohl theoretisch wie auch konzeptionell und praxisbezogen mit den Bedingungen des Aufwachsens, Lebens und Älterwerdens im Quartier. Ihre Aufgabe besteht darin, sich an der sozialen und räumlichen Gestaltung der Quartiere zu beteiligen und gemeinsam mit der Bevölkerung den Alltag in ihrer Umgebung zu gestalten. Aus dieser Pers- pektive hat Quartierarbeit in erster Linie eine anwaltschaft- liche Rolle. Entsprechend macht sie auf die Themen sozial benachteiligter Menschen im Quartier aufmerksam, setzt sich für sie ein und ermächtigt sie, sich selbst für ihre An- liegen zu engagieren und ihre Rechte einzufordern. Die Aufgaben der Quartierarbeit Zudem stellt die Quartierarbeit Kommunikation und Ko- operation zwischen den unterschiedlichen Akteur:innen her, sie koordiniert und vermittelt proaktiv zwischen Quartier- bevölkerung, Vereinen, selbstorganisierten Gruppen, Stif- tungen, Verwaltung, Politik, Investor:innen und weiteren Stakeholdern und fördert so den Dialog und die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit. Um diese zwei unterschiedlichen Rollen zu erfüllen, die anwaltschaftliche und die vermittelnde, werden in der Quartierarbeit im besten Fall stationäre und mobile Ange- bote kombiniert, wie etwa niederschwellige Begegnungs- möglichkeiten in Quartiertreffpunkten sowie aufsuchende Soziale Arbeit auf Spielplätzen und in öffentlichen Parks. Sowohl in Stadtteilsekretariaten oder Quartiertreffpunkten als auch in der aufsuchenden, mobilen Quartierarbeit ini- tiieren und realisieren Fachleute zusammen mit lokalen Akteur:innen und der Quartierbevölkerung Veränderungs- und Gestaltungsprozesse. Sie mobilisieren die Bevölkerung, sich für eine bedarfs- und bedürfnisgerechte Gestaltung ihres Lebensumfeldes einzusetzen, indem sie ergebnisoffene, zielgruppengerechte sowie zeitlich und inhaltlich ange- messene Partizipation ermöglichen. Übergeordnetes Ziel der Quartierarbeit ist es somit, die materiellen (z.B. bezahl- baren Wohnraum, Grünflächen), infrastrukturellen (z.B. Verkehrsberuhigung, Spielplätze) und immateriellen (z.B. Partizipation, Freizeit- und Bildungsangebote) Bedingun- gen zu verbessern, und das unter massgeblichem Einbezug der Quartierbevölkerung. Anspruchsvolle Fragestellungen Gegenwärtige Herausforderungen liegen hierbei, wie ein- gangs erwähnt, in den verschiedenen Formen des Wandels und deren Auswirkungen. Hinzu kommen die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen einer kapitalis- tisch orientierten Gesellschaft. Zudem ist die Quartierarbeit mit dem Dilemma konfrontiert, dass sich zwar die so- zialen, ökonomischen und ökologischen Folgen globaler Verhältnisse auf lokaler Ebene zuspitzen, zugleich aber systemisch-strukturelle Probleme kaum auf Quartierebene gelöst werden können. Für die Zukunft der Quartierarbeit bedeutet dies, die aktuellen Themen, Anliegen und Bedürf- nisse der Menschen im Quartier wahrzunehmen, auszu- formulieren und sichtbar zu machen – mit dem Ziel, die lokalen Folgen der globalen Entwicklungen fassbar zu machen und die breite Vielfalt an Möglichkeiten und Ressourcen im Quartier konstruktiv zu nutzen. So sollen sich schliesslich die Lebensbedingungen der gesamten Quartierbevölkerung verbessern. Quartierarbeit: Ein zentrales Handlungsfeld der Sozialen Arbeit 3 Quartiere aus wissen- schaftlicher Sicht 5 Begegnung beim Essen 8 Bewegung für Alt und Jung 9 Fokus Bachletten 10 Selbst gemacht 11 Im Austausch lernen 12 Schweres und Schwieriges teilen 13 Schulden in Basel: Überblick, Analysen, Empfehlungen 16 Bellevue 4 5 Engagement Essen und Trinken Der Beitrag der Wissenschaft Auch die Hochschulen tragen hierbei eine zentrale Verant- wortung. In der Forschung sowie in der Aus- und Weiterbil- dung setzen sie sich mit den lokalen Auswirkungen globaler Entwicklungen auseinander und tragen zu deren Bearbei- tung bei; so auch das Institut Sozialplanung, Organisatio- naler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Mit seinem Schwerpunkt Stadtentwicklung hat das Institut mit seinem interdisziplinären Team zahlreiche nationale und internationale Forschungs- und Dienstleistungsprojekte realisiert, in deren Rahmen Themen der Quartierarbeit er- forscht und in die Praxis transferiert werden. Etabliert hat sich die Tagung «Soziale Arbeit und Stadtentwicklung», an der sich Fachleute aus Forschung und Praxis austauschen, vernetzen und das Handlungsfeld Quartierarbeit weiter- entwickeln. Die nächste Tagung findet im Juni 2024 statt und beschäftigt sich mit den sozialen, politischen und ökonomischen Effekten der digitalen Transformation auf Quartiere und Nachbarschaften. Quellen: Becker, Martin (2020). Quartierarbeit als professionelle Soziale Arbeit zur Verminderung oder Verhinderung von Erfahrungen einer «Bürgerschaft 2. Klasse» aus sozialraumorientierter Perspektive. In: Bildungsforschung 1, S. 1–17. Drilling, Matthias, Simone Tappert, Olaf Schnur, Nadine Käser, Patrick Oehler (2022). Nachbarschaften in der Stadtentwicklung: Idealisierungen, Alltagsräume und professionelles Handlungswissen. Wiesbaden: Springer Verlag. Hinte, Wolfgang, Maria Lüttringhaus, Dieter Oelschlägel (2007). Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit: ein Reader zu Entwicklungslinien und Perspektiven. 2., aktualisierte Aufl. Weinheim: Juventa-Verlag. Oehler, Patrick, Matthias Drilling (2016). Soziale Arbeit und Stadtentwicklung: Forschungsperspektiven, Handlungsfelder, Herausforderungen. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer Verlag. Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit (2015). Grundlagenpapier der vbg und des Jugendamts der Stadt Bern zur Gemeinwesenarbeit. Zugriff am 05.07.2023 auf: https://www.vbgbern.ch/die-vbg/was-wir-machen. Arbeitsgruppe Quartierarbeit Plattform GSR (2016). Quartierarbeit in der Praxis, «was sie leistet und was sie braucht». Ergebnisse aus den vier Foren Quartierarbeit 2014–2016. Zugriff am 05.07.2023 auf https://docplayer.org/60865695-Quartier- arbeit-in-der-praxis.html. Nadine Käser Dozentin am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW sozialestadtentwicklung.ch tagung-stadtentwicklung.ch Gemeinsamkeit in den Quartieren: Das Engagement der CMS bsc Der soziale Zusammenhalt in der Stadt Basel ist der CMS ein besonderes Anliegen. Dazu spielen die sechzehn Quartiertreffpunkte eine tragende Rolle: Mit vielfältigen Angeboten bieten sie Anlässe für Geselligkeit, Dialog, Beratung und offerieren die verschiedensten Lernpro- gramme, für Benachteiligte, für Kinder, Jugendliche, Eltern und Senior:innen. 2022 wurden die Quartiertreffpunkte mit dem Basler Preis für sozialen Zusammenhalt ausge- zeichnet, getragen von der CMS, der Novartis, der Evan- gelisch-reformierten Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche Basel-Stadt. Zusätzlich bringen die Stadtteilsekretariate, Quartier- vereine und weitere Initiativen die Menschen in einer Nach- barschaft oder in einem Quartier zusammen – sie ermög- lichen Teilhabe und schaffen ein Gemeinschaftsgefühl. Zahlreiche Personen engagieren sich ehrenamtlich und frei- willig, damit ihre Quartiere lebendig und wohnlich sind und sich die Bevölkerung gerne austauscht. Es bedarf aber auch eines professionellen Kerns und einer angemessenen Infrastruktur, zudem wollen neue An- sätze erprobt werden: etwa die aufsuchende oder die digi- tale Quartierarbeit. Genau in diesen Bereichen ist die CMS mit ihrer Förderung tätig. Denn lokale Herausforderungen, städtische Entwicklungen und demografische Veränderun- gen führen dazu, dass das Quartier als Handlungsraum zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die CMS fördert Quartierentwicklung mit dem Ziel, das Selbstverständnis eines Quartiers, die Lebensqualität sowie die Standort- attraktivität positiv zu beeinflussen. Dies stärkt den gesell- schaftlichen Zusammenhalt, und die städtischen Entwick- lungen und Projekte nehmen vermehrt Rücksicht auf die Perspektive der verschiedenen Anspruchsgruppen. Die CMS unterstützt Akteur:innen der Quartierarbeit bereits seit vielen Jahren projektbezogen sowie mit Be- triebsbeiträgen. Im Sinne einer Aufwertung und in enger Abstimmung mit dem Kanton hat sie 2019 das Programm «Quartierentwicklung» erarbeitet. In diesem Rahmen hat sie für die Jahre 2020–2024 insgesamt CHF 2’185’000 für Projekte mit den Schwerpunkten Quartierarbeit, Mobile Quartierarbeit, Infrastruktur, Kurzfristige Interventionen sowie den Aufbau des Dachverbands VQB (Verband Quar- tiertreffpunkte Basel) gesprochen. Zusammen essen als Akt der Integration Austern auf dem Hebelplatz, Pizza auf dem Erlenmattareal oder Spezialitäten aus aller Welt am Mittagstisch im St. Johann: Das sind nur drei Beispiele unter vielen Angeboten in den sech- zehn Basler Quartiertreffpunkten. Sie zeigen, dass Integration nicht zuletzt auch durch den Magen geht. «Chromet süssen Anke!» und d’Sterne flimmere z’nacht. (…) «Chromet grüni Bohne!» und hen no alliwil meh. Was chost en Immis nit? ’s heisst numme: Mul, was witt? Pastetli, Strübli, Fleisch und Fisch, und Törtli und Makrone. dsp Was Johann Peter Hebel Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem alemannischen Gedicht «Die Marktweiber in der Stadt» beschrieb, passt ganz gut zum abendlichen Trei- ben auf dem Platz, der seinen Namen trägt. Wobei süsse Butter und grüne Bohnen hier nicht die Hauptrolle spie- len. Diese ist eher bei den Pasteten, bei Fleisch und Fisch zu finden. Oder in die Gegenwart übersetzt: Jeweils am ersten Donnerstag im Monat geniessen die Besucherinnen und Besucher des Abendmarkts auf dem Hebelplatz neben dem Einkauf von Gemüse aus der Region und Olivenöl aus Palästina frische Austern und Champagner – oder je nach Gusto einen Aperol Spritz. Hinter einem umgebauten Lastenvelo schenkt Arthur Clay Champagner aus und mixt Drinks. Hauptberuflich ist Clay Künstler und Informatik-Professor an der Hochschule Luzern. «Ich nutze meine Auftritte mit der Fahrbar hier und am Wettsteinmarkt auch zur Feldforschung für meine Arbeit», sagt er. Die Stimmung auf dem Platz ist am ersten Donnerstag im Juni heiter und entspannt, sicherlich auch geprägt vom Umstand, dass das Wetter nach düsteren Regentagen auf prächtige Art mitspielt. Das Ganze erinnert etwas an ein grosses Familientreffen. Alle Sitzplätze an den vielen Tischen sind besetzt – manche wurden von den Gästen selber angeschleppt. Dazwischen wuseln die Kinder der Nachbar- schaft herum, auf eigenen Beinen oder auf Trottinetten und anderem Rollmaterial. Der Abendmarkt auf dem Hebelplatz stellt eine Ausnahme im wachsenden Marktangebot in den Basler Quartieren dar, allein schon wegen des Umstands, dass er abends stattfindet und einen Hauch von Schickeria oder eines Stelldicheins der gutsituierten Nachbarschaft ver- strömt. Böse Zungen würden von einem Stück Gentrifizierung im einstigen Arbeiterviertel St. Johann sprechen. Wenige Hundert Meter weiter in Richtung Rhein geht es formloser zu. Auf dem Menüplan des Mittagstisches im Quartiertreffpunkt LoLa stehen an diesem Mittwoch Soba- nudeln mit Aubergine, als Vorspeise gibt es Frühlingsrollen. Im ersten Moment hat man das Gefühl, Gast in einem konventionellen Restaurant zu sein, was nicht allzu weit hergeholt ist. Denn das LoLa war unter dem Namen Lands- krongarten einst ein beliebtes Restaurant mit vorzüglicher Küche. Aber auch heute lohnt sich ein kulinarischer Abste- cher ins St. Johann. Die japanische Köchin – sie ist eine von dreien, welche die Mittagsküche am Laufen halten – garan- tiere authentische Küche, sagt Jan Götschi, Betriebsleiter des Quartiertreffpunkts. Für 13 Franken nur (wer vorreser- viert, erhält 2 Franken Rabatt) bekommt man einen feinen Hauptgang serviert. Das Angebot wird reichlich genutzt, wie Götschi sagt. Zu essen gibt es nicht nur mittags (von Montag bis Freitag), sondern auch abends – dies als kulinarische Begleitung von diversen kulturellen Anlässen. Das Publikum ist gut durch- mischt: Familien mit Kindern, ältere Menschen, Migrantin- nen und Schweizer. Genauso durchmischt wie die Kundschaft sei auch das Team der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Freiwil- ligen, erzählt Götschi. Es reiche von pensionierten Menschen über Leute, die im ersten Arbeitsmarkt mit Schwierigkeiten kämpfen, bis zu Migrant:innen, die ihr Deutsch aufbessern wollen. Über einen Mangel an ehrenamtlichen helfenden Händen kann sich das LoLa nicht beklagen – im Gegen- teil: «Wir müssen auch Leute abweisen, solche aus dem Quartier haben Vorrang vor jenen aus Riehen oder Reinach», sagt Götschi. Nicht ganz so zahlreich besucht sind die jeweils von Mittwoch bis Freitag angebotenen Mittagstische im Quar- tiertreffpunkt «Gleis58» auf dem Erlenmattareal. «Bei uns kommen die Leute, wenn wir spezielle Programme anbieten», sagt Betriebsleiterin Andrea Blattner. «Unsere Events sind gut besucht.» Das ist auch so, wenn abends der Pizzaofen angefeuert wird. Jeweils am Donnerstag und Freitag emp- fängt das Team von «Pomodorissimo» zahlreiche Gäste zu Pizza und Drinks. Dementsprechend gut bevölkert ist der Platz vor der ehemaligen Kantine der Deutschen Bahn am Familientag Ende Juni. Regierungspräsident Beat Jans ist höchstpersön- lich gekommen, um die speziellen «Olympischen Spiele» zu eröffnen – ein Akt, der ihm sichtlich Freude bereitet. Er bedankt sich bei Blattner mit warmen Worten für das gros- se Engagement, das solche für die Integration so wichtigen Anlässe ermögliche. 8 9 Kultur und UnterhaltungBewegung und Spiel Die Quartiertreffpunkte bringen viel Bewegung in die Basler Bevölkerung. Zu Besuch bei drei verschiede- nen Angeboten. rew Allzu lange kann er noch nicht laufen, der kleine Junge im braunen T-Shirt, doch sein Ziel hat er schon genau im Blick: die Bobby-Cars neben dem Pavillon des Kasernen- treffs. Während er darauf zuwankt, gerät er kurzzeitig in Rücklage, dann balanciert er aus und erreicht das anvi- sierte rote Rutschauto, ohne hinzuplumpsen. Kurz darauf bewegt sich der Bobby-Car: Beine und Oberkörper müssen viel arbeiten, es geht vor und zurück, vor und zurück. Tomi Zeller sorgt erstmal für Ordnung, bevor er den Quartiertreffpunkt nachmittags für die Kinder öffnet. «Frü- her musste ich eine ganze Stunde lang wischen, weil hier so viele Scherben lagen. Das ist viel besser geworden.» Das Kasernenareal ist heute familienfreundlich und sauber, unter anderem auch dank dem Engagement des Quartier- treffpunkts. «Schliesslich sind wir immer hier, und wenn es Konflikte gibt, kann ich vermitteln.» Im unteren Teil des Pavillons ist eine Art übergrosse Schublade eingelassen, aus der Zeller Gokarts, Velos und Laufräder holt. «Die Gokarts konnten wir von der Siegerprämie des Basler Preises für sozialen Zusammenhalt kaufen», freut sich der Leiter des Kasernentreffs. Kaum hat er sie aufgestellt, kommen schon Siar und Romy angerannt. Siar gibt eine Identitätskarte als Pfand ab, bekommt den Helm angepasst – und ab geht’s quer über den weiten Platz. Romy bringt das Velo bald zu- rück und zieht los zum frisch aufgefüllten Wasserbecken. Heiss umkämpft ist die Rampe vor dem Pavillon. Hier saust stundenlang hinunter, wer schon gut mit dem Bobby- Car unterwegs ist. Wenn Zeller gerade nicht angesprochen wird, geht er von sich aus auf die Eltern zu, die entweder im Schatten unter den Bäumen sitzen oder ihren Kleinen von der Schaukel zum Sandhaufen hinüber zur Kletterwand folgen. Heute klärt er eine Frau aus den Philippinen, die erst seit vier Tagen in der Stadt ist, über verschiedene Angebote auf, während ihr Sohn beim Erforschen des Treffpunkts mehr krabbelt als läuft, sich aber schon gross genug für die Kletterwand fühlt. Willst du mit mir tanzen? Tolle Stimmung auf der Tanzfläche Conny Hasler tanzt für ihr Leben gern. Das macht sie oft zu Hause, aber noch lieber gemeinsam mit anderen. Die Baslerin kommt zum Tanzen in die «Disco für Tanzinteres- sierte mit und ohne Behinderung», die viermal jährlich im barrierefreien Quartiertreffpunkt Bachletten stattfindet. Sie initiierte die Tanzabende zuerst mit Therese Portugal, der ehemaligen Geschäftsleiterin der Vereinigung Cerebral Basel. In deren Auftrag organisiert Hasler seither die Disco. Gefällt ihr ein Song, saust sie mit ihrem Rollstuhl auf die Tanzfläche. Dort rollt sie vor und zurück, bewegt Kopf und Arme rhythmisch in der Luft. Manchmal gibt sie den Rädern einen leichten Stoss und bewegt sich im Wegrollen mit ihrem Körper. «Willst du mit mir tanzen?», hört man immer wieder an diesen Abenden. Freiwillige vom Jungen Roten Kreuz tanzen mit und unterstützen die Disco auch hinter der Bar. «Die jungen Leute sind erstaunt, wie schnell bei uns gute Stimmung aufkommt – auch wenn sich erst zehn Leute auf der Tanzfläche befinden», erzählt Hasler. Vielleicht habe das unter anderem damit zu tun, dass auch Menschen mit geistiger Behinderung hierherkommen und weniger Hem- mungen hätten als andere. Viele bringen A4-Blätter voller Musikwünsche mit und belagern damit den DJ. Auch die Hoffnung, jemanden zum Flirten oder gar die grosse Liebe kennenzulernen, liegt in der Luft. Den Begriff Rollstuhldisco mag Hasler übrigens nicht, weil er nicht zutrifft. Manchmal kämen zwar ganze Wohn- gruppen, von denen viele im Rollstuhl sitzen, dann könne es auch mal eng werden auf der Tanzfläche, «in der Disco fühlen sich jedoch Menschen mit unterschiedlichsten Be- einträchtigungen wohl». Das Wichtigste ist: Hier können sich alle geben, wie sie sind. Café Bâlance: Fit im Alter «Wenn ich zu wild werde, bitte einfach melden!», sagt Natascha Beckerat zu dem silberhaarigen Trüppchen, das in bequemer Kleidung vor ihr steht. «Wir sind schliesslich nicht mehr 20!» Alle lachen. Tatsächlich sei das Durch- schnittsalter in ihren Kursen 80 plus, erklärt die erfahrene Tanz- und Bewegungspädagogin. Café Bâlance heisst der Seniorentreff des Gesundheitsdepartementes Basel-Stadt, der aktuell in Zusammenarbeit mit Pro Senectute beider Basel im Familienzentrum Gundeli, in sechs Quartierzentren und in weiteren Treffpunkten angeboten wird. Zu Beginn des fünfzigminütigen Workouts werfen sich die Teilnehmenden mit Granulat gefüllte Säckchen zu. Auf Koordinationsübun- gen folgen Kräftigungsübungen für alle Muskelgruppen im Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen. «Natürlich gehört auch die Sturzprävention zu unse- rem Trainingsziel», erklärt Beckerat. Bei den Übungen am Boden mögen nicht alle mitmachen. Dabei lernen die Frauen und Männer, wie sie nach einem Sturz wieder auf- stehen können. «Geh im Vierfüssler bis zum Stuhl, dann ab- stützen und aufstehen», leitet die Trainerin Margrit an, die gerade etwas unsicher wirkt und sich nach der Übung erst- mal setzen und erholen muss. Auch die letzte Aufgabe hat es in sich: Im Stuhlkreis reichen die Senior:innen einander zwei grosse Bälle nach links und nach rechts weiter, wäh- rend sie gleichzeitig mit den Füssen einen Lappen zur Nach- barin weiterschieben müssen. Am Ende der Stunde gibt es jeweils Kaffee und Kuchen – nur heute nicht, weil die gute Fee, die ihn sonst kredenzt, krank ist. Stattdessen zeigt Helen auf ihrem Handy Fotos ihres neuen Hundes. «E Siidebölleli», stellen die Damen fest, die sie umringen. Auch vom Kurs sind die Frauen begeistert – ebenso wie Jari, der einzige Mann in dieser Gruppe. Er habe ein Rückenleiden und versuche mit konservativen Mitteln, also mit viel Bewegung, eine Operation zu vermeiden. «Die Gruppe hier hat mir aber auch moralisch sehr geholfen, als ich einen schweren Verlust erleiden musste.» Am Vormittag koste es ihn viel Überwindung, in Gang zu kommen, am Nachmittag jedoch fühle er sich dank dem Seniorentreff schon viel beweglicher. Jetzt streckt er seine Beine. «Ja, wirk- lich schon besser!», sagt er, greift zu seinen Stöcken und blickt beim Weggehen noch einmal lächelnd zurück. Seit vielen Jahren sorgen der Radiojournalist Bernard Senn und Karin Fardel, Spezialistin für Freiwilligen- arbeit, für ein lebendiges kulturelles und gesellschaft- liches Leben im Bachlettenquartier. Dabei können sie im grosszügigen Quartierzentrum auf die Mitarbeit und das Engagement vieler kulturaffiner Einwohnerin- nen und Einwohner zählen. dsp Das Stück der Strasse, die den Quartiernamen trägt, entspricht so gar nicht dem Klischee, mit dem man die gehobene Wohngegend westlich von Viaduktstrasse und Steinenring in Verbindung bringt. Gemeint ist das Bild von stattlichen Villen und Reihenhäusern aus der Jugendstil- zeit – gediegene Wohn- und Rückzugsräume ohne sicht- bare Belebtheit. Ganz anders präsentiert sich die Bachlettenstrasse zwischen der Ringstrasse und der Birsigstrasse, die zum Zolli hinunterführt: mit einer Bäckerei, einem italienischen Delikatessengeschäft, einer ehemaligen Drogerie (die ihr Schaufenster mit einem Holzfigurenspektakel aus dem Erzgebirge inszeniert) und einer Buchhandlung – und dem geräumigen Quartierzentrum Bachletten, QuBa abgekürzt. «Früher war eine Coop-Filiale hier drin, zwischenzeit- lich ein Zentrum für Asylbewerberinnen und -bewerber», erklärt Karin Fardel, «bis wir mithilfe zahlreicher Spenden aus dem Quartier unseren Anteil am Haus kaufen konnten.» Wobei das mit dem «wir» und dem «kaufen» etwas kom- plizierter ist: «Unser Teil gehört der dafür gegründeten ‹Stif- tung QuBa›, die die Räume an uns weitervermietet.» Aber Hauptsache, der Raum ist da und kann auf viel- fältige Art genutzt werden. Nicht nur das, er ist auch gross genug zum Tanzen. Ein Flügel weist darauf hin, dass hier Mu- sikanlässe der unterschiedlichsten Art stattfinden. Die Bar lädt ein zum gemeinsamen Diskutieren und Plaudern, zum Beispiel nach den regelmässigen Radiofeature-Abenden unter dem Titel «HörBar». Hier werden im Winterhalbjahr auch Filme gezeigt, hier lädt der kochende Antiquar Alain Moirandat zweimal pro Monat zur kulinarischen Weltreise, und sehr vieles mehr. Und die Menschen im Quartier kommen hier zusam- men: sowohl als Publikum – rund 22’000 Besuche pro Jahr – als auch als Produzent:innen. «Es leben viele professionelle Musikerinnen und Musiker im Quartier, die hier auftreten», sagt Fardel. Einer davon – wohl der bekannteste unter ihnen – wohnt gleich gegenüber: der Schlagzeug-Künstler Fritz Hauser. Karin Fardel ist Geschäftsleiterin des QuBa und neben weiteren Vorstandsmitgliedern seit Beginn mit von der Par- tie. Als Inhaberin einer Agentur für Corporate Volunteering ist sie gewissermassen die Idealbesetzung für diese Auf- gabe. Ihr zur Seite steht der Präsident des QuBa, Bernard Senn. Der bekannte Radiojournalist von SRF 2 Kultur ist eben- falls bereits seit vielen Jahren aktiv dabei. «Ich zog 1999 von Zürich herkommend ins Quartier und war sogleich angetan von dem, was hier passierte», sagt er. Seine Frau sei bald in die Mütterberatung eingestiegen, erzählt Senn. Er selber rief einen Papi-Binggis-Zmorge ins Leben, den er sechs Jah- re lang leitete, bis dieser aus dem Programm verschwand. Es folgte der kulturelle Durchbruch mit der «HörBar». «Einmal pro Monat präsentiere ich vor einem treuen Publi- kum ausgewählte Radio-Features», so Senn. Die «HörBar» ist einer der kulturellen Programmpunkte, die als spezielle Veranstaltungen über die Quartiergrenzen hinausstrahlen. Das quicklebendige Wohn- zimmer im gediegenen Wohnquartier «Es ist ein einzigartiges Angebot hier», sagt Senn nicht ohne Stolz, gibt aber gerne zu, dass er das Konzept aus Berlin übernommen hat. Und zitiert einen Sinnspruch, der die Wand über der Kaffeemaschine in der Bar schmückt: «Herz- blut ist unser Kapital – Ihr Herzklopfen unser Lohn». Fardel und Senn gehören zusammen mit der Quartier- zentrumsmutter Maria d’Aujourd’hui zur Gründergeneration des QuBa. «Umso mehr freut es uns, dass nun die nachkom- mende Generation einzusteigen beginnt», sagt Fardel. Aber die Stammkundschaft ist nach wie vor etwas älter. Es sind viele dabei, die in den Achtzigerjahren vergebens gegen die Überbauung Bachletten-Dreieck gekämpft ha- ben – ein Engagement, welches das Quartier zusammen- geschweisst habe, wie Fardel sagt. Besonders aktiv sind die Grauen Panther, unter anderem mit einer eigenen Jazz- band. Dazu kommen die Expats: der belgische Verein mit Konzerten und einer Ausstellung zu belgischen Besonder- heiten, organisiert durch die Honorarkonsulin, die japani- sche Gesellschaft mit einer Lesung und Sake-Degustation, das China Forum mit regelmässigen Vorträgen. Der Katalog der Veranstaltungen ist lang und vielfältig. Er reicht vom Ballettunterricht über die Rollstuhl-Disco zu einer Informa- tionsveranstaltung über Migration und Rassismus, einem Kunsthandwerksmarkt und dem Demenz-Café. Fardel und Senn betonen unisono, es sei eine glückliche Fügung, die verschiedene Talente sowie letztlich auch Spezialistinnen und Spezialisten an diesem Ort zusammen- gebracht habe. Und sie freuen sich auf das Quartierfest im August, das sie organisieren. Das Fest wird verbunden mit einer Sammelaktion für ausgediente Velos, die nach Afrika verschifft werden sollen. 10 11 Bildung und VermittlungWerken und Gestalten Lernen ein Leben lang – gezielt oder auch ganz nebenbei Sprachkurse, Unterricht am Computer, Inputs zur Erziehung oder zum Bewerbungsgespräch: In den Basler Quartiertreffpunkten lässt sich vieles lernen. Austausch und Gespräche führen manchmal auch ganz unerwartet zu neuem Wissen. mag Binta* hat Angst. Nächste Woche ist ein Termin in der Schule ihrer Tochter vereinbart. Es geht darum, einen Be- richt des Schulpsychologischen Dienstes zu besprechen. Eine wichtige Angelegenheit. Doch Binta fürchtet, dass sie ihre Fragen im entscheidenden Moment nicht gut formu- lieren kann. Dass über ihre Tochter entschieden wird, ohne dass sie sich als Mutter einbringen kann. Diese Sorge erzählt sie der Leiterin im Eltern Kind Zentrum MaKly am Clara- graben, bevor dort ihr Deutschkurs beginnt. Am nächsten Tag geht eine Mitarbeiterin des Quartiertreffpunkts den Bericht zur Tochter mit Binta durch. Sie übersetzen Fach- wörter, besprechen Bintas Fragen und schreiben die wich- tigsten auf. Nun ist Binta vorbereitet. Die Angst lässt nach. «Mit kleinen Inputs erzielen wir eine grosse Wirkung», sagt MaKly-Leiterin Mireille Lingg, als sie die Begegnung mit Binta schildert. Sie hat im vergangenen Jahr im MaKly das «Lernzentrum» aufgebaut. Hier gibt es Inputs zu Bewerbun- gen, Mietrecht oder Erziehung. Telefongespräche werden in Rollenspielen geübt, Formulare gemeinsam ausgefüllt, und für Recherchen steht ein Computer bereit. Bildung ist mehr als Schul-Unterricht Bildung ist in der Schweiz Staatsaufgabe. Doch Bildung um- fasst weit mehr, als wir alle in der Schule gelernt haben; wir bauen auch auf einem Alltagswissen auf, das sich aus gelernter Erfahrung (der eigenen und der Familie) bildet. Dabei entstehen im Alltag immer wieder neue Situationen, die wir meistern müssen. In gewissen Phasen ist das an- spruchsvoller als in anderen: Wenn wir zum Beispiel in ein anderes Land umziehen, eine Fremdsprache erlernen oder eine neue Stelle suchen. Wenn wir in der Schule Lücken hatten, die nie gefüllt wurden, wenn wir krank werden, Kinder bekommen oder plötzlich ohne den Partner oder die Partnerin leben müssen. In den Quartiertreffpunkten können Menschen ihre Fragen aus dem Alltag einbringen und das Wissen erwerben, das ihnen in der konkreten Situation fehlt. Dies geschehe auf zwei Arten, sagt Claudia Greter, Leiterin der Kontaktstelle für Quartierarbeit beim Kanton Basel-Stadt: «Einerseits bieten die Quartiertreffpunkte konkrete Veranstaltungen an, etwa Sprachkurse. Andererseits sind sie Begegnungs- orte und damit auch Lern-Orte. Jemand, der Austausch sucht, nimmt aus der Begegnung vielleicht auch neues Wissen mit, bekommt wie nebenbei Antworten und Anregungen und er- wirbt neue Kompetenzen.» Diese Definition bestätigt Mireille Lingg aus dem MaKly: «Die Themen für unser Lernzentrum entstehen im Austausch mit den Gästen. Wenn wir hören, was die Eltern beschäftigt, können wir Themen bündeln und ein Angebot dazu schaffen.» Vielfalt an Angeboten Die Vielfalt an Angeboten im Bereich Bildung und Vermitt- lung in den Basler Quartiertreffpunkten ist gross. Da gibt es Deutsch- und weitere Sprachkurse, zum Teil parallel dazu Kinderbetreuung. Schüler:innen erhalten Begleitung bei den Hausaufgaben, Senior:innen üben sich in Acht- samkeit. Kinder bauen in Kursen Roboter und produzieren Filme. Eltern bekommen Inputs zu gesunder Ernährung und zur Zahnpflege ihrer Kinder. Ein Quartiertreffpunkt bietet Diskussionsrunden zu philosophischen Texten an, ein an- derer eine Lesegruppe, ein dritter lädt zum Referat zum Thema Gleichstellung. An mehreren Orten gibt es Hilfe im Umgang mit dem Computer, an anderen ist das sexual- pädagogische Präventionsprojekt «Zyklus Show» zu Gast. Fragen dürfen ungeniert gestellt werden Zum Teil erarbeiten die Quartiertreffpunkte die Angebote selbst oder in Zusammenarbeit mit dem Kanton, zum Teil werden externe Anbieter beigezogen. Immer geht es im Kern darum, dass Menschen ihren Alltag selbstständig meistern können. Und dass Fragen ohne Scham gestellt werden dürfen. «Manchmal ist es zum Lernen wichtig, dass gegenüber keine Mitarbeitenden der kantonalen Ver- waltung und keine Lehrerin sitzen, sondern jemand, der die eigenen Erfahrungen teilt», sagt Priska Purtschert, die beim Kanton das Projekt «Femmes-Tische» leitet. Femmes- Tische und Männer-Tische sind Gesprächsrunden zu den Themen Gesundheit, Familie und Integration in verschie- denen Sprachen, die sich an Migrantinnen und Migranten richten und nach dem Peer-to-Peer-Ansatz funktionieren. Die Moderator:innen haben selbst ähnliche Erfahrungen wie die Teilnehmer:innen gemacht und sprechen deren Muttersprache. Bei allen Themen steht der Erfahrungsaus- tausch im Vordergrund. Die Moderator:innen vermitteln Grundwissen zum gewählten Thema und informieren über passende Fachstellen. Hier wird im Austausch nicht nur gelernt, sondern auch gelacht. Die Femmes-Tische werden von Quartiertreffpunkten regelmässig gebucht. Wissen hilft im Alltag Binta, die ihre Fragen fürs Schulgespräch im MaKly notiert hat, ist nach dem Termin erleichtert. Der Austausch mit der Schulpsychologin hat gut geklappt. Und Binta hat viel gelernt: Sie hat nicht nur Antworten auf ihre Fragen zur Tochter bekommen. Sondern sie weiss nun, wie sie ein Ge- spräch vorbereiten und erfolgreich meistern kann. * Name geändert Handwerk, Geschick und kreatives Miteinander Zusammen stricken, werken, falten, basteln, formen, zeichnen und reparieren: Kreative Angebote bilden einen Schwerpunkt im Programm der Basler Quartier- treffpunkte. So vielfältig wie die Techniken und Materialien, so verschieden sind auch die Niveaus und Ansprüche der kleinen und grossen Künstlerinnen, Handwerker, Bastlerinnen und Tüftler. rew Lädt der Quartiertreffpunkt Bachletten zum Stammtisch ein, werden keine Bierhumpen gehoben, vielmehr wird hier die japanische Kunst des Papierfaltens zelebriert. Wer am Origami-Stammtisch mittun möchte, bringt eigenes Papier mit, lauscht aufmerksam den Anweisungen der Instruk- torin – und staunt nach wenigen Minuten über die drei- dimensionalen Pinguine, Schwäne, Hunde und Frösche, die im Handumdrehen entstanden sind. Basteln ist in den Basler Quartiertreffpunkten derzeit schwer angesagt. Gemeinsam wird gekleistert, gekritzelt, gemalt, geknetet, geschnitten, gerissen und geklebt. In der LoLa-Kontaktstelle im St. Johann etwa ist der Besuch der Eltern-Kind-Werkstatt kostenlos und das Material wird zur Verfügung gestellt. Jede und jeder darf der Kreativität freien Lauf lassen. Auch im Gundeli sind regelmässig unzählige kleine und grosse Hände mit viel Eifer am Werk. Was beim Eltern- Kind-Basteln im Familienzentrum FAZ entsteht, passt zur jeweiligen Jahreszeit. Schliesslich sind auch im Iselinquar- tier besonders Vorschulkinder kreativ beschäftigt, spiele- risch entwickeln sie am Basteltisch ihre motorischen und sozialen Fähigkeiten. Aquarelle und Karikaturen Etwas grössere Kinder, die ihren sechsten Geburtstag schon gefeiert haben, können sich in der Quartier-Oase Bruderholz im Aquarellmalen versuchen. Für Klein und Gross ist auch das offene Mal-Atelier im Quartiertreffpunkt Rosental Erlenmatt gedacht: Einmal pro Woche behandelt der Kurs verschiedene Themen –  vom Karikaturzeichnen bis zur Landschaftsmalerei. Der Quartiertreffpunkt KLŸCK wiederum richtet sich mit seinem kostenlosen Malkurs an Erwachsene, die von sich glauben, nicht malen zu können. Hier können sie sich unter sachkundiger Leitung vom Gegenteil überzeugen lassen. Auch der Treffpunkt Breite bietet ein Kreativatelier für gestalterisch Interessierte. In einer kleinen Gruppe werden Techniken ausprobiert und Ideen ausgetauscht. Stricken, sticken, häkeln und flicken Am Freitagvormittag hört man es jeweils im Foyer des KLŸCK klappern: Im Strick-Café des Quartiertreffpunkts darf natürlich auch gehäkelt werden. Profis wie Anfänge- rinnen sind in der Handarbeitsgruppe Rosental Erlenmatt willkommen, wenn es heisst: «Stick, strick und häkle dich warm – und triff neue Freunde!» In der reparierBar, die regelmässig im Quartiertreff- punkt Wettstein zu Gast ist, werden zum Beispiel kaputte Reissverschlüsse ersetzt: Wer einen defekten Gegenstand hat, bringt das Stück einfach mit. Freiwillige aus den Be- reichen Schneiderei, Elektronik und Holzbau sind vor Ort. Ihnen kann man über die Schultern schauen und dabei lernen, wie man seine Kaffeemaschine oder das Holzspiel- zeug beim nächsten Mal selbst flickt. «Breitefang» – Selbstgemachtes aus der Nachbarschaft Was Baslerinnen und Basler in den Quartiertreffpunkten mit ihren eigenen Händen schaffen und erschaffen, ist beein- druckend vielfältig. Es werden Körperpeelings hergestellt, Pflanzenrabatten angelegt, Kerzen gezogen – sogar Seifen- kisten wurden schon gezimmert. Welche Talente und Res- sourcen im Quartier sonst noch schlummern, zeigt der Design- und Kunsthandwerksmarkt im Treffpunkt Breite: Am beliebten «Breitefang» präsentiert die Quartierbevöl- kerung ihre selbst genähten Kleider, Schmuck, Karten, Bilder, Keramik, Spielzeug, Skulpturen und vieles mehr. Das nächs- te Mal am 18. und 19. November 2023, von 11 bis 17 Uhr im Treffpunkt Breite. 12 Begegnung und Beratung Ein offenes Ohr für die Menschen im Quartier Offen für alle und doch ein geschützter Raum: Die Kontaktstelle Eltern und Kinder St. Johann mga Die Sonne brennt auf die Wiese zwischen den Wohn- blocks in Klybeck Mitte. Fritz Rösli und Christoph Wüthrich stehen im Schatten unter einem Baum, als ihnen quer über das Areal ein Mann zuwinkt. Er kommt herüber und stellt sich zu den beiden. «Ich habe den Schlüssel vergessen», sagt er und lacht. Rösli und Wüthrich kennen den Mann. Mehrmals pro Woche sind sie oder ihre Teamkolleginnen von der mobilen Quartierarbeit im Klybeck und in Kleinhüningen unterwegs und kümmern sich um die vielfältigen Anliegen und Bedürf- nisse der Menschen im Quartier. In Klybeck Mitte geht es bei ihren Gesprächen oft ums Wohnen. Aktuell werden die Wohnblocks saniert, die Mieten steigen. Auch das Gespräch mit dem Mann, der den Schlüs- sel vergessen hat, dreht sich bald um dieses Thema. «700 Franken mehr pro Monat», sagt er, schaut zu den Fenstern des Wohnblocks hinüber und schüttelt den Kopf. Bei vie- len Fragen, die sich in so einer Situation stellen, können die Mitarbeitenden der mobilen Quartierarbeit helfen. Was sind die Rechte von Mieter:innen? Welche Papiere sind wichtig bei einer Kündigung, was steht im Kleingedruckten, welche Fristen gelten? mga «Hallo, darf ich reinkommen?» Eine Frau mit zwei Kindern steht im Eingangsbereich der Kontaktstelle Eltern und Kinder St. Johann. «Ja, einfach reinkommen», sagt Gabriele Steinmann von der Co-Leitung der Kontaktstelle, und ab hier geht alles leicht. Die Kinder, vier und andert- halb Jahre alt, scheinen sich sofort wohlzufühlen in dem Raum mit den blauen Matten auf dem Boden, der Rutsch- bahn und den Stofftieren. Das Mädchen kocht der Mutter in der Puppenküche einen Cappuccino. Wie die richtige Kaffeemaschine funktioniert, erklärt Gabriele Steinmann. Den Kaffee kann die Mutter brauchen. «Wir hatten eine anstrengende Nacht», sagt sie. Mehr Worte sind im Moment nicht nötig. Kann sein, dass sich eines Tages ein Gespräch über das Schlafverhalten der Kinder ergibt, viel- leicht aber auch nicht. «Beim ersten Besuch im offenen Treffpunkt kommen die meisten nicht, weil sie eine Beratung wünschen», sagt Steinmann. «Sie schauen sich erst mal um.» Aber die Möglichkeit, sich mit Fragen ans Team zu wenden, besteht jederzeit und wird auch genutzt. Wenn genug Vertrauen aufgebaut ist, kommen Themen zur Sprache, die Eltern mit Kindern im Alter bis vier Jahre herausfordern. Da kann es darum gehen, dass das Kind nicht lernt, aufs WC zu gehen, um Trotzanfälle, ums Stillen, um die Eingewöhnung in der Kita oder Streit unter Geschwistern. «Wir können viele Fragen beantworten und vermit- teln Wissen zur Entwicklung von Kindern», erklärt Gabriele Steinmann. Zwar hätten Eltern auch ausserhalb der Kon- taktstelle viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Doch gerade in der digitalen Informationsflut sei das individuelle Gespräch wichtig. «Es gibt keine absolut richtigen Lösungen, die für alle funktionieren. Wir stärken Eltern darin, ihren eigenen Weg zu finden und auf ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.» Mobile Quartierarbeit: Vertraulich, unkompliziert – und nah bei den Menschen Die mobile Quartierarbeit gibt es bereits seit 2012, damals noch aufs Klybeck beschränkt. «Es hat sich gezeigt, dass viele Menschen den Weg zum Quartiertreffpunkt oder zu anderen Anlaufstellen nicht gefunden haben, teils aus Un- wissen, aber auch wegen Berührungsängsten oder Sprach- barrieren. Diese Lücke können wir schliessen», sagt Fritz Rösli. Heute sind Treffpunkt und mobile Arbeit in der Quar- tierarbeit KLŸCK vereint. In den kurzen Begegnungen im öffentlichen Raum signalisieren Rösli, Wüthrich und ihre Kolleginnen den Men- schen, dass sie ein offenes Ohr für deren Anliegen haben. Daraus kann Vertrauen entstehen, aus dem sich dann informelle Beratungsgespräche ergeben, zum Beispiel zu finanziellen und rechtlichen Schwierigkeiten, Konflikten in der Nachbarschaft oder gesundheitlichen Problemen. Wo die Mitarbeitenden der mobilen Quartierarbeit nicht wei- terhelfen können, weisen sie auf bestehende Angebote hin. Bei gesundheitlichen Themen etwa auf die Beratungen, die der Verein Pro Salute wöchentlich im Quartiertreffpunkt KLŸCK anbietet. Die Gespräche sind vertraulich und kostenlos. Statt- finden können sie überall, wo sich die Menschen im Quartier aufhalten: am Ufer der Wiese, wo eine «Plauderbank» steht; im Einkaufszentrum Stücki; am Kinderplanschbe- cken im Giesslipark. Ab und zu geht das KLŸCK-Team von Tür zu Tür und fragt, wie es den Bewohnerinnen und Bewoh- nern geht. Manchmal legen sie auch nur Flyer mit ihren Natelnummern aus, die rege genutzt werden. Oft kommen in den Gesprächen Probleme zur Spra- che – aber nicht nur. Auch neue Ideen fürs Quartier können entstehen. Zum Beispiel bei den mobilen Quartierspiele- nachmittagen, aus denen eine Jassgruppe entstand, die sich bis heute wöchentlich trifft. Zusätzlich zum offenen Treffpunkt hält die Kontaktstelle wei- tere Beratungsangebote bereit: Auf demselben Stockwerk bietet der Verein Elternberatung Basel-Stadt Einzelberatun- gen für Eltern mit Kindern von der Geburt bis fünf Jahre an. Auch Termine für Hausbesuche können vereinbart werden. Jeden Monat findet eine Informationsveranstaltung statt. Und einmal pro Woche steht zusätzlich eine Heilpädagogin vom Zentrum für Frühförderung zur Verfügung. Die Mutter, die heute zum ersten Mal da ist, hat von den Beratungsangeboten schon gehört. Momentan aber interes- siert sie der leckere Geruch, der in die Räume der Kontaktstelle dringt. Im Quartiertreffpunkt St. Johann / LoLa – er befindet sich unter demselben Dach wie die Kontaktstelle – steht der Mittagstisch bereit. Dorthin zieht es die Mutter mit ihren Kin- dern. Denn nach einer Nacht mit wenig Schlaf hilft ein gutes Mittagessen manchmal mindestens so viel wie ein guter Rat. 13 Leben mit Schulden Tito Ries war ein erfolgreicher Unternehmer, bis acht Kunden nicht bezahlten. Jahrelang kämpfte er gegen seine Schulden, verlor seine Familie, verfiel dem Alkohol und wurde obdachlos. «Ich habe 25 Jahre lang erlebt, was es bedeutet, durch Schulden in die Armut zu rutschen und aus der Gesellschaft ausgestossen zu sein. Mein Weg vom Unter- nehmer zum Obdachlosen verlief über Schulden. Nach meinem zweiten Lehrabschluss als Sanitärplaner machte ich mich mit einer Firma in der Haustechnikbranche selbstständig. Später baute ich zwei weitere Firmen im Bereich Personalberatung auf. Alle drei Firmen liefen erfolgreich. Meine Schuldensituation begann 1996, als acht Baufirmen nicht bezahlen konnten. Sie schuldeten mir 250’000 Franken. Die Folge waren unzählige Betrei- bungen und Pfändungen. Zwei Monate später kam mein erster Sohn auf die Welt. Ich erlitt ein Burnout. Mein jahrelanger Kampf, meine Schulden in den Griff zu be- kommen, endete 2001 mit der Trennung von meiner Frau. Ich hatte keine Arbeit, keine Familie und lebte unterhalb des Existenzminimums. Ich war knapp 40 Jahre alt, als der Alkohol die nächsten zehn Jahre mein Leben be- stimmte: Ich wollte meine Schuldgefühle betäuben, was eine jahrelange Abwärtsspirale zur Folge hatte. Zwar hatte ich immer wieder kleine Aufträge und bewarb mich für Stellen, jedoch ohne langfristigen Erfolg. Einen weiteren beruflichen Neustart musste ich wegen starker Rückenschmerzen und Lähmungserscheinungen «Die Schuldenspirale ist ein Teufelskreis» abbrechen. Ich konnte meine Miete nicht mehr bezahlen und war ab Mitte 2011 über zwei Jahre lang obdachlos. Ich hatte Glück und fand über persönliche Kontakte ein möbliertes Zimmer. 2015 kam ich mit meiner jetzigen Partnerin zusammen – sie ist seit 20 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt. Zwei Jahre lang suchten wir vergeblich eine Wohnung. Mit den vielen Betreibungen war es un- möglich, eine günstige und rollstuhlgängige Wohnung zu finden. Uns drohte die gemeinsame Obdachlosigkeit. Ich war verzweifelt – eine gewalttätige Auseinandersetzung führte zu einem Gefängnisaufenthalt. Heute leben meine Partnerin und ich ein einfaches und gutes Leben. Das Leben mit Schulden ist bis heute ein schwieriges Kapitel für mich. Der ursprüngliche Schul- denberg von 250’000 Franken verfolgt mich bis heute. Weil ich wegen meiner jahrelangen Alkoholsucht und Obdachlosigkeit die Steuererklärung nicht ausgefüllt hatte, stiegen meine Schulden aufgrund der willkürlichen Einschätzungen der Steuerverwaltung auf heute über 600’000 Franken. Auf meinen Touren als Sozialer Stadtführer durch Basel erzähle ich darüber, wie der Weg mit Schulden und Betreibungen zurück in die Gesellschaft verschlossen ist: Denn ohne Job und mit vielen Betreibungen findet man keine Wohnung – ohne Wohnung bekommt man aber keine Arbeit. Ein grosses Problem ist die nicht regulierte Inkassobranche mit ihren oft nicht nachvollziehbaren oder widerrechtlichen Gebühren. Für mich bedeutete es, dass mein Schuldenberg immer grösser wurde. Aus eige- ner Erfahrung weiss ich: Wer wenig Geld hat, kann früher oder später die laufenden Lebenshaltungskosten nicht mehr decken. Überschuldung führt meist in die Armut – und Armut führt oft zu Schulden. Die Schuldenspirale ist ein Teufelskreis, aus dem es fast kein Entkommen gibt. 1998 ging ich das erste Mal zur Schuldenberatungs- stelle. Dort erfuhr ich, dass ich meine Schuldensituation nicht lösen kann. Ein Privatkonkurs war an Bedingungen geknüpft, die ich damals und auch heute nicht erfüllen kann. Wer hierzulande verschuldet ist, erhält bis heute keine Chance für eine neue Lebensperspektive. Nicht nur ich, auch meine Familie hatte keine Chance auf einen Neuanfang. Ein Leben in Schulden und ohne Hoffnung auf einen Schuldenschnitt macht krank – das kann ich anhand meiner eigenen Erfahrungen bestätigen. Die Fol- gekosten der Verschuldung trägt auch die Gesellschaft – in meinem Fall ist dies inzwischen ein Betrag von rund 2 Millionen Franken, wenn man auch die jahrelangen Unterstützungsleistungen berücksichtigt. Stellt man die- sem Betrag dem ursprünglichen Verlust von 250’000 Franken gegenüber, wird klar, dass sich dringend etwas ändern muss. Ein Restschuldbefreiungsverfahren hätte mein Schuldenproblem nach ein paar Jahren gelöst – wahrscheinlich wären mir und meiner Familie die gravie- renden Folgen erspart geblieben.» Wer in der Schweiz verschuldet ist, bleibt oft jahr- zehntelang in dieser prekären Lebenssituation. Zudem haben Armutsbetroffene ein grösseres Risiko, sich zu verschulden. Der Surprise-Stadtführer Tito Ries er- zählt auf Sozialen Stadtrundgängen von seinem Weg in die Armut und dem Kampf gegen die Verschuldung. Ein Auszug aus der CMS-Publikation «Schulden – Überblick, Analysen und Empfehlungen von Fachpersonen und Betroffenen» (2023). Aufgezeichnet von Sybille Roter, Leiterin der Sozialen Stadtrundgänge von Surprise 14 15 Interview Wenn Schulden krank machen Interview Schulden Die Publikation «Schulden – Überblick, Analysen und Empfehlungen von Fachpersonen und Betroffenen» ist im Mai 2023 erschienen. Gedruckte Exemplare bestellen Sie kostenlos unter: https://www.cms-basel.ch/publikationen/soziales Für die Online-Version scannen Sie den QR-Code. RADAR: Warum war das Thema Schulden Ihre erste Wahl in der neuen Publikationsreihe? A: Schulden sind ein Problem mit vielfachen Ursachen und weitreichenden sozialen Konsequenzen. Insofern sind sie ein spannendes Thema für unsere Publikationsreihe, das zudem politisch aktuell ist: Auf eidgenössischer Ebene wird diskutiert, ob und bis zu welchem Grad überschulde- ten Personen ein Teil der Schulden erlassen werden kann, und auf kantonaler Ebene über eine Initiative zum direkten Abzug der Steuern vom Lohn. Zudem unterstützt die CMS seit über 20 Jahren die Schuldenberatung plusminus. R: Was lässt sich über die Schuldensituation – statistisch – im Kanton Basel-Stadt sagen? A: Schulden sind in unserer Gesellschaft weit verbrei- tet. Hypotheken für Wohneigentum oder Autoleasings gelten als Schulden, daher hat statistisch gesehen jede zweite Person Schulden. Aber längst nicht alle Schulden gehen mit sozialen Problemen einher. Problematisch wird es etwa, wenn Steuer- oder Krankenkassenschulden bestehen, dies betrifft immerhin 7,5 % der Bevölkerung bei Steuern und 5,5 % bei Krankenkassen. Oder wenn die Schulden so hoch sind, dass sie nicht in absehbarer Zeit zurückbezahlt werden können und wegen Schuldzinsen immer weiter anwachsen. In dieser Falle stecken rund 4,2 % der Bevölkerung. Sie sind überschuldet ohne Aus- sicht auf einen baldigen Ausweg. R: Wie steht Basel im schweizweiten Vergleich da? A: Leider gibt es kaum statistische Daten auf kanto- naler Ebene, die einen guten Vergleich zulassen würden. Der Dachverband Schulden Schweiz erhebt jedoch Daten bei Schuldenberatungsstellen aus der ganzen Schweiz. Daraus wird ersichtlich, dass in Basel häufiger als anders- wo Steuer- und Handyrechnungen nicht beglichen werden. Oder dass die Gründe für Überschuldung in Basel häufiger mit Unfällen oder Gesundheitsproblemen begründet werden und seltener mit riskanter Geld- planung oder gescheiterter Selbstständigkeit. Zudem spielen Autoleasings in Basel kaum eine Rolle, in ländli- chen Gebieten ist das eher der Fall. Basel hat also ein paar Besonderheiten hinsichtlich Schuldenart und Ursa- chen. Es lässt sich hingegen nicht sagen, dass Schulden ein geringeres oder stärkeres soziales Problem wären als im Rest der Schweiz. R: Warum ist die Erzählung von Tito Ries auf Seite 13 eine typische Schuldengeschichte? A: Das Porträt ist insofern drastisch, als die Ver- schuldung Tito zeitweilig in die Obdachlosigkeit geführt hat. Schulden sind bei obdachlosen Menschen zwar weit verbreitet, aber Obdachlosigkeit ist keine häufige Folge von Überschuldung. Ries’ Geschichte zeigt jedoch exem- plarisch auf, welche Probleme mit einer Überschuldung einhergehen können: Stellenverlust, gesundheitliche Probleme und familiäre Zerwürfnisse sind typisch für überschuldete Personen. R: Was sind weitere Ursachen, dass jemand so stark in die Schuldenspirale gerät? A: Aus der Sozialforschung ist bekannt, dass kriti- sche Lebensereignisse wie Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung, ungeplante Schwangerschaften, Krankheit oder Tod eines Haushaltsmitglieds die häufigsten Treiber von Verschuldung sind. Und aus der Psychologie gibt es die Erkenntnis, dass mangelndes Selbstvertrauen und geringe Selbstkontrolle das Überschuldungsrisiko erhö- hen. Auch wenn Menschen den Umgang mit Geld in der Kindheit nicht gelernt haben, können sich kritische Lebensereignisse besonders auswirken und eine Schul- denspirale begünstigen. R: Eine Verschuldung kann starke gesundheitliche Konsequenzen haben. Wie äussern sich diese? A: Verschuldung löst bei den Betroffenen häufig Stress und negative Gefühle wie Mutlosigkeit, Depression, Angst- zustände aus und kann zu sozialem Rückzug führen. Bei länger anhaltender Verschuldung werden auch die Krank- heitsbilder chronisch. Verschuldung macht daher krank, und die Krankheit verschlimmert die Überschuldung. R: Wie steht es um die rechtliche Situation von Verschuldeten? A: Der rechtliche Umgang mit Schulden ist überaus komplex. Es gibt eine Reihe von Bestimmungen, die bspw. bei der Vergabe von Krediten sicherstellen sollen, dass diese nicht zur Überschuldung führen. Sie werden jedoch nicht ausreichend überprüft. Wenn dann ein Kredit nicht zurückbezahlt werden kann, der eigentlich gar nicht hätte vergeben werden dürfen, haben die Gerichte auch nur beschränkte Mittel, das zu überprüfen. Es bedarf guter Beratung oder einer anwaltlichen Vertretung, damit Verschuldete zu ihrem Recht kommen. Aber beides fehlt häufig. R: Basel hat ein engmaschiges soziales Netz: Warum können die vorhandenen Beratungsstellen nicht genügend gegen eine langjährige Verschuldung tun? A: Eine grosse Hürde ist sicher, dass sich verschuldete Menschen überhaupt an eine Beratungsstelle wenden. Häufig werden Beratungsstellen erst dann aufgesucht, wenn diese nicht mehr viel ausrichten können. Für Men- schen ohne gutes Einkommen, und wenn Schuldenberge nicht zuletzt wegen Schuldzinsen laufend anwachsen, gibt es bisher kaum einen rechtlichen Ausweg. Anders ist dies im benachbarten Ausland, wo bereits seit Längerem rechtliche Verfahren zum Schuldenerlass bestehen. R: Hat die Politik bis jetzt beim Thema Verschul- dung zu wenig hingeschaut? A: Man kann nicht sagen, dass zu wenig hingeschaut wird. Ein Blick auf die politischen Geschäfte auf eidge- nössischer und kantonaler Ebene zeigt eine Fülle von Diskussionen zu allen möglichen Aspekten von Über- schuldung, deren Ursachen und Konsequenzen. Es zeigt sich aber auch, dass die Interessen der Verschuldeten nicht besonders hoch gewichtet werden. Wenn man sich intensiver mit dem Thema befasst, ist der von falschen Bildern und Vorurteilen geprägte Umgang mit Schulden hingegen schwer nachvollziehbar. Das liegt auch daran, dass eine systematische statistische Aufarbeitung der Thematik fehlt. Erst wenn diese vorliegt, wird eine sach- liche Diskussion in der Politik möglich. R: Die neue Publikation gibt Empfehlungen ab. Was sind für Sie die wichtigsten? A: Aus den Beiträgen und dem Austausch der ein- geladenen Fachpersonen ist ein breites Spektrum von Empfehlungen hervorgegangen. Manche liegen im Detailbereich, andere verlangen grössere Paradigmen- wechsel. Am hilfreichsten für die Verschuldeten – aber politisch am schwierigsten – wäre die Einführung eines juristischen Verfahrens zur Restschuldbefreiung. Zudem sollten die rechtlichen Bestimmungen, auf die man sich bereits einigen konnte, konsequenter überprüft und durchgesetzt werden. Längerfristig ist der wirksamste Hebel aber ein Fokus auf präventive Massnahmen, indem bspw. die Steuern direkt vom Lohn abgezogen oder einkommensschwache Haushalte von Krankenkassen- prämien entlastet werden. R: Was will die CMS künftig in diesem Bereich tun? A: Wir möchten unsere Förderung noch stärker auf niederschwellige Beratungen ausrichten, damit möglichst viele Personen mit Schulden von professioneller Unter- stützung profitieren können. Und weil mit der Beratung dann am meisten erreicht werden kann, wenn sie möglichst früh ansetzt, sollen auch Ansätze zur Schulden- prävention und Früherkennung gefördert werden. R: Welchem Thema widmen Sie die nächste Publikation? A: Wir arbeiten aktuell an einer Ausgabe zum Thema Existenzminimum. Was braucht jemand im Minimum, um Teil unserer Gesellschaft zu sein? Wie können wir das überhaupt bemessen? Und weshalb beantworten wir als Gesellschaft diese Frage aktuell so unterschiedlich für asylsuchende, verschuldete, invalide oder alte Men- schen? Das Thema ist für die CMS mit ihrem Fokus auf Armutsbekämpfung von Bedeutung, es hat eine grosse sozialpolitische Relevanz und rechtfertigt unterschied- liche Betrachtungsweisen. Schulden bestehen an sich in vielen Haushalten, man denke an Hypotheken und Leasingverträge. Proble- matisch werden sie dann, wenn sie nicht zurückbezahlt werden können. Die Folgen von Schulden können für die betroffenen Personen verheerend sein: Nicht selten führen sie zu familiären Spannungen, Betreibungen, Lohnpfändungen, Armut, Vereinsamung oder chroni- schen Erkrankungen. Doch was sind die Ursachen von Schulden? Wie viele Menschen geraten in eine Schuldenspirale? Wie können Verschuldungen verhindert werden? Diesen Fragen geht eine neue Publikation der Christoph Merian Stiftung (CMS) nach. Expert:innen aus verschiede- nen Fachrichtungen beantworten relevante Fragen und formulieren Empfehlungen an Institutionen und Behörden. Die Publikation «Schulden – Überblick, Ana- lysen, Empfehlungen» ist die erste in einer Reihe zu sozialen Themen. Die CMS möchte damit Advocacy (soziale Anwaltschaft) betreiben und einen ganzheit- lichen Blick auf soziale Fragestellungen ermöglichen. Alexander Suter ist Leiter der Abteilung Soziales bei der CMS und hat die neue Publikationsreihe ins Le- ben gerufen. RADAR hat mit ihm über das verbreitete Thema Schulden und die Erkenntnisse aus der Zusammen- arbeit der verschiedenen Fachpersonen gesprochen. 16 Bellevue St. Alban-Vorstadt 12 4052 Basel + 41 61 226 33 33 kommunikation@cms-basel.ch cms-basel.ch Redaktion: Carlo Clivio, Elisabeth Pestalozzi, Matylda Walczak Texte: Miriam Glass (mga), Bettina Schucan-Birkhäuser (bsc), Dominique Spirgi (dsp), Regula Wenger (rew) Gestaltung: BKVK, Basel – Ladina Ingold, Beat Keusch Korrektorat: Rosmarie Anzenberger, Basel Druck und Bildbearbeitung: Gremper AG, Basel / Pratteln Dieses RADAR wurde klimaneutral gedruckt: climatepartner.com/53229-2307-1008 Auflage September 2023: 4’000 Exemplare; erscheint dreimal jährlich Bildnachweis: Leonie Rösler (Cover und erster Bund), Kathrin Schulthess (S. 13), Lisa Eggenschwiler (S. 16, rechts), Derek Li Wan Po (S. 16, links), Nachlass Burkhard Mangold (S. 16, unten) Chris Ware und Art Spiegelman im Cartoonmuseum Basel Chris Ware ist einer der bedeutendsten Künstler der neunten Kunst. Der 1967 in Omaha, Nebraska gebore- ne Comicautor und -zeichner erzählt seine Geschich- ten mit einer unverwechselbar präzisen ‹Ligne claire› in komplexen Panels. Seine weit verzweigten Storys, in deren Mittelpunkt sensibel und präzise beobachtete Nobodys stehen, fordern Neugier, Zeit und Aufmerk- samkeit und geben von Empathie umrahmte Einblicke in die Lebenswege gewöhnlicher Menschen zurück. Ein grosses Glück für das Cartoonmuseum Basel und die zahlreichen Gäste war der Besuch des Künst- lers (in der Bildmitte) zusammen mit seiner Familie zur Vernissage von «Chris Ware. Paper Life» am 30. Juni. Erst kurz vor dem Anlass bestätigte sich das Kommen von zwei weiteren Gästen, die dem Comic unschätz- bare Impulse verliehen haben: Art Spiegelman (zweiter von links), Schöpfer der Holocaustfabel «Maus», und seine Lebenspartnerin Françoise Mouly (ganz rechts), Art Director beim «New Yorker». Spiegelman und Mouly gründeten das legendäre Comicmagazin «RAW», das sie in den Achtzigerjahren herausgaben und das zu einem einzigartigen Sprungbrett für unzählige Künst- lerinnen und Künstler wurde. Art Spiegelman hielt eine berührende Laudatio auf Chris Ware, den die beiden dreissig Jahre zuvor mit viel Gespür und Weitsicht ein erstes Mal in «RAW» publiziert hatten. Spiegelman hat sich zudem interessiert gezeigt, sein Werk in Basel auszustellen. Wir sind begeistert, bleiben dran und hoffen, diesen grossen Autoren und Zeichner bald in unser Haus zu holen! Die Ausstellung von Chris Ware ist noch bis am 29. Oktober 2023 im Cartoonmuseum Basel zu sehen. Burkhard Mangold – Wiederentdeckung eines Basler Künstlers Kaum ein anderer Künstler hat das Bild der Stadt Basel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so stark ge- prägt wie Burkhard Mangold. Zu seinem 150. Geburts- tag präsentiert die Publikation «Burkhard Mangold – Ein Basler Künstlerleben» von der Briefmarke bis zum Wandbild die ganze Spannbreite seiner künstlerischen Tätigkeit, die von einer beeindruckenden technischen und stilistischen Vielfalt zeugt. Burkhard Mangold war der erste Basler Plakat- künstler und zugleich ein Schweizer Pionier dieser Kunst. Obwohl er viele kommerzielle Plakate schuf und zahl- reiche Aufträge für Wandmalereien und Glasfenster realisierte, lohnt es sich, auch einen Blick auf seine kleineren, handlichen Arbeiten zu werfen, wie Werbe- karten, Kleindrucksachen und Buchkunst. Mangolds spürbare innige Verbundenheit zu seiner Vaterstadt ist aus seinem Werk nicht wegzudenken. Umso schöner, trifft man ihn überall in Basel an: am Spalenberg, im ehemaligen SBB-Bahnhofbuffet, in der einstigen Hauptpost – oder auf den Verpackungen der ältesten Basler «Leckerly»-Manufaktur. Sie wirbt bis heute mit dem Motiv des St. Johanns-Tors, das Man- gold 1920 als Holzschnitt hergestellt hat. Auch aus der Basler Fasnachtsgeschichte ist Mangold nicht weg- zudenken: Als diese nach dem Ersten Weltkrieg einen Aufschwung erlebte, wirkte er in der Gestaltung von Laternen, Larven und Kostümen mit. Die Merian Gärten und das weltweite Iris-Netzwerk Die Irissammlung der Merian Gärten umfasst rund 1’500 Sorten und geht auf Helen von Stein-Zeppelin zu- rück. Sie betrieb eine Gärtnerei im Markgräflerland und war eine leidenschaftliche Irissammlerin und -züchte- rin. Seit der Schenkung der Irissammlung vor über 50 Jahren sind jedoch einige Sorten verloren gegangen. Die Merian Gärten wollen nun die ursprüngliche Sammlung wieder aufbauen. Doch die Beschaffung der fehlenden Pflanzen ist nicht einfach, weil viele der historischen Sorten selten geworden und im Han- del nicht mehr erhältlich sind. Hier kommt das Iris- Netzwerk ins Spiel: In den USA gibt es die Historic Iris Preservation Society (HIPS), die sich für die Erhaltung historischer Irissorten einsetzt. Bereits 2021 konnte die HIPS den Merian Gärten 26 verloren gegangene Iris- sorten aus den USA schicken. Diese haben sich sehr gut entwickelt und diesen Frühsommer üppig geblüht. Aufgrund der guten Erfahrungen wird die Zusammen- arbeit jetzt ausgebaut: Die Merian Gärten haben der HIPS eine Wunschliste mit Irissorten zugestellt, welche die ursprüngliche Sammlung vervollständigen würden. In der Folge startete die HIPS einen Aufruf an ihre Mitglieder in den USA und wird den Merian Gärten im Spätsommer Rhizome von 45 gewünschten Sorten zuschicken können, die dann ausgepflanzt werden. Im Gegenzug überlassen auch die Merian Gärten den HIPS-Mitgliedern in den USA gesuchte und erwünsch- te Irissorten aus ihrer Sammlung. Über seinen schöpferischen Mittelpunkt in Basel hinaus entstanden auch viele Auftragsarbeiten in Zürich, Bern, Davos, Chur und Neuchâtel. Burkhard Mangold prägte zudem in seiner Tätigkeit als Lehrer für Lithografie und Gestaltung die nächste Generation. Unter anderem war er ein Vorbild für Niklaus Stoecklin, den späteren Exponenten der Neuen Sachlichkeit. Die vorliegende Publikation des Christoph Merian Verlags ist eine Einladung zur Wiederentdeckung von Mangolds reichem Schaffen und ordnet den Künstler darüber hinaus politisch, künstlerisch und gesellschaft- lich in das Basel seiner Zeit ein.