Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW Hochschule für Soziale Arbeit HSA Bachelor-Studium in Sozialer Arbeit Männliche Sexarbeit und Stigmatisierung So vielfältig die Männer sind, die Sexarbeit ausüben, so vielfältig können sich auch die Auswirkungen einer doppelten Stigmatisierung zeigen. Verfasserin Mirjam Dionne Eingereicht bei Patrick Weber Eingereicht in Olten, im Januar 2021, zum Erwerb des Bachelor of Arts in Sozialer Arbeit Abstract Im öffentlichen Diskurs vergessen, von der Forschung vernachlässigt und mittels rechtlicher Einschränkungen im Verborgenen gehalten, dennoch existieren viele Klischees über sie: Männliche Sexarbeiter. Die Strasse, Bars, öffentliche Parkanlagen oder das Zuhause sind ihre Arbeitsplätze, sie gehen dieser Arbeit Voll-, Teilzeit oder nur bei einem kurzfristigen finanziellen Engpass nach. Daneben studieren sie, haben eine weitere Erwerbsarbeit, sie sind Schweizer, Migranten, bisexuell, hetero- oder homosexuell. Sie weisen einen proble- matischen Drogenkonsum auf oder nicht, sie sind mit grossen Problemen oder alltäglichen konfrontiert. Sie mögen ihre Arbeit sehr, nur manchmal, oder sie üben diese, wie so viele andere, für den Lohn aus, den sie damit verdienen, er dient der Existenzsicherung oder für den nächsten Urlaub. Sie sind wie alle anderen Menschen auch. Der gravierende Unter- schied ist, dass ihre Arbeit ein hartnäckiges Stigma aufweist, zusätzlich sind sie damit kon- frontiert, dass auch Homosexualität Stigmatisierung erfährt. Diese Arbeit setzt sich mit Stig- matisierung, Homosexualität und männlichen Sexarbeitern auseinander und zeigt die vielfältigen Auswirkungen, die eine doppelte Stigmatisierung auf männliche Sexarbeiter ha- ben kann. Inhaltsverzeichnis 1 EINLEITUNG .................................................................................................... 1 1.1 Herleitung der Fragestellung und Erkenntnisinteresse ................................................... 2 1.2 Relevanz für die Soziale Arbeit ........................................................................................... 3 1.3 Abgrenzung der Arbeit und Begriffsklärung ..................................................................... 4 1.4 Aufbau der Arbeit ................................................................................................................. 5 2 STIGMA ............................................................................................................ 7 2.1 Soziale Kategorisierung, Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung ........................... 7 2.2 Stigma - ein soziales und kulturelles Konstrukt ............................................................... 9 2.2.1 Ursachen und Funktionen von Stigmata und Stigmatisierung ......................................... 10 2.2.2 Formen von Stigmata und Stigmatisierung ...................................................................... 12 2.3 Bewältigungsstrategien ..................................................................................................... 13 2.4 Folgen von Stigmatisierung .............................................................................................. 15 3 HOMOSEXUALITÄT ...................................................................................... 16 3.1 Heteronormativität ............................................................................................................. 17 3.2 Homosexualität als eine Form von sexueller Orientierung/Identität ............................. 17 3.2.1 Homosexualität in der Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert ......................................... 18 3.2.2 Homosexualität im Verlauf der Sozialisation .................................................................... 19 3.3 Diskriminierung .................................................................................................................. 20 3.3.1 Homophobie ..................................................................................................................... 21 3.3.2 Internalisierte Homophobie .............................................................................................. 22 3.3.3 Rechtliche Diskriminierung in der Schweiz ...................................................................... 23 3.3.4 Minority-Stress-Modell ...................................................................................................... 23 3.3.5 Ein blinder Fleck als Beispiel für die Vielschichtigkeit von Diskriminierung ..................... 25 4 MÄNNLICHE SEXARBEIT ............................................................................. 26 4.1 Sexarbeit/Sexgewerbe und die rechtliche Situation in der Schweiz ............................. 26 4.2 Heranführung an das Thema männliche Sexarbeit ......................................................... 29 4.2.1 Wandlung der wissenschaftlichen Betrachtungsweise ..................................................... 29 4.2.2 Schätzungen und Annahmen zur männlichen Sexarbeit heute ....................................... 30 4.3 Arbeitssettings und Lebenslage der Sexarbeiter ............................................................ 31 4.3.1 Kontexte der Kontaktanbahnung ...................................................................................... 31 4.3.2 Sexuelle Orientierung ....................................................................................................... 34 4.3.3 Einstiegsgründe und Motive ............................................................................................. 34 4.3.4 Kunden ............................................................................................................................. 35 4.3.5 Gesundheitliche Risiken ................................................................................................... 36 5 SCHLUSSTEIL ............................................................................................... 39 5.1 Diskussion der Ergebnisse und Beantwortung der Fragestellung ............................... 39 5.2 Relevanz für die Soziale Arbeit ......................................................................................... 46 5.3 Kritisch-selbstreflexive Würdigung und weiterführende Gedanken ............................. 47 5.4 Danksagung ........................................................................................................................ 50 6 QUELLENANGABEN ..................................................................................... 51 6.1 Literaturverzeichnis ........................................................................................................... 51 6.2 Ehrenwörtliche Erklärung .................................................................................................. 68 1 Einleitung In der aktuellen fachlichen Diskussion zum Thema Prostitution und der Begrifflichkeit Sexarbeit, respektive dem Diskurs, ob Sexarbeit als Erwerbsarbeit von der Gesellschaft anerkannt werden soll oder nicht, fällt auf, dass dabei hauptsächlich von weiblichen Prota- gonistinnen die Rede ist. Pfister (2009: 20) hielt bereits vor mehr als zehn Jahren fest, dass männliche Sexarbeit nur geringe akademische Aufmerksamkeit erhält. Es zeigt sich bis heute, dass gerade im deutschsprachigen Raum aktuelle wissenschaftliche Literatur zur männlichen Sexarbeit nur begrenzt vorhanden ist. Hierbei stellen sich sofort Fragen: Greift dabei ein weit verbreitetes Denkmuster, dass zwischen Männern eine Transaktion auf Au- genhöhe stattfindet, während bei Frauen von Ausbeutung seitens der Männer ausgegan- gen wird? Muss überhaupt Opfer und Täter*in identifiziert werden oder haben nicht auch gesellschaftliche Normvorstellungen und damit einhergehend auch die Strukturen einen grossen Einfluss auf die Situation der Sexarbeiter*innen? Suter und Muñoz (2015: 112) stellen fest, dass obwohl Sexarbeit in der Schweiz eine legale Erwerbstätigkeit ist, Sexar- beiter*innen kaum Rechte zugesprochen werden. In diesem Gewerbe zu arbeiten bringt strukturelle wie auch gesellschaftliche Stigmatisierung mit sich (vgl. ebd.). Seit einiger Zeit wird in den Schweizer Medien und in der Politik über ein Verbot der Sexarbeit diskutiert. Die moderne Form dessen ist das sogenannte schwedische Modell, das den Kauf von se- xuellen Dienstleistungen verbietet, die Sexarbeiter*innen jedoch nicht bestraft (vgl. ebd.: 113). Die Einführung eines solchen Modells hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind. Sie werden in die Illegalität abgedrängt und damit vulnerabler in Bezug auf Gewalt und Ausbeutung (vgl. Fachstelle für Frauenhandel FIZ et al. 2020: 2f.). Eine weitere Folge ist, dass sie einer noch höheren Stigmatisierung ausge- setzt sind (vgl. ebd.: 1). In der Schweiz wird die Sexarbeit in manchen Kantonen mehr und in anderen weniger reguliert. Es wird von Fachleuten davor gewarnt, dass mit zunehmen- den Kontroll- wie auch Registrierungsmassnahmen Sexarbeiter*innen noch mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden (vgl. Suter/Muñoz 2015: 113). Bereits heute wird festgestellt, dass Sexarbeiter*innen durch bestehende Massnahmen weniger durch Unter- stützungsangebote erreicht werden können. So berichtet die Fachstelle Sexarbeit Xenia im Zusammenhang mit dem Berner Prostitutionsgesetz, dass die Sexarbeit in versteckten Pri- vatwohnungen zugenommen habe, was nebst erhöhten Risikofaktoren für die Sexarbei- ter*innen auch eine erschwerte Zugänglichkeit für die Mitarbeiter*innen von Xenia mit sich bringt, da meist nicht bekannt ist, in welchen Wohnungen Sexarbeit ausgeübt wird. Die Mitarbeiter*innen können damit weder Präventionsarbeit leisten noch die Sexarbeiter*innen Bachelor Thesis Mirjam Dionne 1 über ihre Rechte und Pflichten informieren, wie dies eigentlich ihr Auftrag wäre (vgl. Kom- mission für das Prostitutionsgewerbe 2017: 9). 1.1 Herleitung der Fragestellung und Erkenntnisinteresse Geschichtlich gesehen schwankt die Betrachtungsweise von Sexarbeit stetig zwischen den beiden Perspektiven der Sexarbeit als soziales Phänomen oder soziales Problem (vgl. Bü- schi 2011: 38). Zudem wird seit mehr als 30 Jahren eine feministische Debatte zur Sexar- beit geführt (vgl. Grenz 2007: 12). Die Begründung für die verschiedenen Haltungen ist, dass Sexarbeit mit so komplexen wie auch heiklen Thematiken, so gesellschaftlichen Kon- flikten, Machtverhältnissen, Sexualität, ökonomischen Verhältnissen, Rassismus, Migration und Geschlechterverhältnissen, einhergeht (vgl. Macioti 2014: 1). Wenn Sexarbeit aus der problemorientierten Perspektive betrachtet wird, vollzieht sich damit eine Abgrenzung zu dem, was als gesellschaftlich selbstverständlich und der Norm entsprechend betrachtet wird und sie wird damit zu einem Gegenstand, der reguliert und diszipliniert werden muss (vgl. Ott 2018: 209). Bei Begegnungen von Professionellen der Sozialen Arbeit mit Sexar- beiter*innen wird "(…) die ausschliessende und stigmatisierende Wirkmächtigkeit von ge- sellschaftlicher Normalität (…)" sichtbar (ebd.: 211). Die Stigmatisierung zeigt ihre Auswir- kungen beispielsweise auf das soziale Leben von Sexarbeiter*innen. So kann es sich als schwierig erweisen, eine Wohnung zu finden. Häufig wird auch ein Engagement in der Sexarbeit gegenüber dem sozialen Umfeld verschwiegen, was zu einer enormen psychi- schen Belastung werden kann (vgl. FIZ 2017: 2). Hohmeier (1975: o.S.) bezeichnet ein Stigma als "(…) Sonderfall eines sozialen Vorurteils." Bei einer Stigmatisierung handelt es sich um die Wahrnehmung und negative Bewertung von bestimmten Merkmalen einer Per- son oder Personengruppe, welchen darüber hinaus weitere negative Eigenschaften zuge- ordnet werden. Die Gesellschaft reagiert darauf mit Abgrenzung und Rückzug, was nega- tive Konsequenzen für die stigmatisierten Menschen haben kann. Damit kann Stigmatisierung zu Diskriminierung führen (vgl. Schulze 2005: 123). Männliche Sexarbeit erfährt auch deswegen Stigmatisierung und Marginalisierung, weil sie mit Homosexualität assoziiert wird (vgl. Koken/Bimbi 2014: 226). In der heutigen Gesell- schaft herrscht ein soziales Klima das "(…) von wachsender ökonomischer Ungleichheit, Sexismus, Rassismus, Homo- und Transphobie (…) geprägt ist (vgl. Macioti 2014: 3). Ob- wohl das Stigma Homosexualität in westlichen Ländern mittlerweile weniger verbreitet ist (vgl. Koken/Bimbi 2014: 226), zeichnet folgende Feststellung der ILGA-Europe, einer Bachelor Thesis Mirjam Dionne 2 europäisch-zentralasiatischen Dachorganisation für die Gleichstellung von LGBTI1 Men- schen und die Umsetzung von Menschenrechten, ein anderes Bild: Im Jahr 2019 wurde in der Schweiz eine Zunahme an gewalttätigen Vorfällen, insbesondere gegen homosexuelle Männer, festgestellt (vgl. ILGA-Europe 2020: o.S.). Männliche Sexarbeiter können somit von den Auswirkungen einer doppelten Stigmatisierung betroffen sein: Sexarbeit und Ho- mosexualität (vgl. Vanweesenbeck 2013: 14). Angesichts dieser Ausgangslage soll in die- ser Arbeit ergründet werden, welchen Einfluss diese doppelte Stigmatisierung auf die Le- benslage von männlichen Sexarbeitern haben kann. Daraus ergibt sich folgende Hauptfragestellung: Welcher Zusammenhang zwischen Stigmatisierung und der Lebenslage von männlichen Sexarbeitern lässt sich unter Bezugnahme von Literatur herleiten? Um diese Fragestellung adäquat beantworten zu können, sind folgende Unterfragen weg- leitend: 1. Mit welchen Schwierigkeiten können stigmatisierte Menschen konfrontiert sein? 2. Welche Herausforderungen stellen sich homosexuellen Menschen in einer heteronorma- tiven Gesellschaft? 3. Wie sehen die Arbeitsbedingungen und die Lebenslage von männlichen Sexarbeitern aus? Die gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu dienen, den möglichen Einfluss einer doppelten Stigmatisierung auf die Lebenslage von männlichen Sexarbeitern aufzuzeigen und den Fo- kus der Sozialen Arbeit auch auf diesen Bereich der Sexarbeit zu lenken, sowie einen An- stoss zu Forschungsarbeiten in dieser Thematik zu geben. 1.2 Relevanz für die Soziale Arbeit Wie hergeleitet wurde, erfahren männliche Sexarbeiter eine doppelte Stigmatisierung in der Gesellschaft. Stigmatisierung wiederum kann negative Auswirkungen für Betroffene haben und zu Diskriminierung führen. Ausserdem wird festgestellt, dass männliche Sexarbeiter im Diskurs zur Sexarbeit seitens der Forschung, der Politik wie auch der Praxis kaum Beach- tung finden (vgl. Bryce et al. 2015: 245). Die Relevanz der vorliegenden Thesis für die So- ziale Arbeit ergibt sich somit aus der gesellschaftlichen Marginalisierung und 1 "Abkürzung aus den englischen Begriffen Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual, Queer. Je nach Kontext werden die Abkürzungen LGBTI oder LGBT verwendet." (Stadt Zürich Präsidialdepartement o.J.: o.S.) Bachelor Thesis Mirjam Dionne 3 Diskriminierung von männlicher Sexarbeit, wie auch der mangelhaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung diesbezüglich. Die Profession Soziale Arbeit ist gemäss Berufskodex dazu verpflichtet, Solidarität zu zeigen und soll "(…) sozialen Ausschluss, Ungerechtigkeit, Stigmatisierung, Unterdrückung (…)" anprangern (AvenirSocial 2010: 11). Weiter muss sie aktiv der "(…) Gleichgültigkeit gegenüber individueller Not, Intoleranz in den zwischen- menschlichen Beziehungen und Feigheit in der Gesellschaft (…)" entgegenwirken (ebd.). Ausserdem ist sie gemäss dem dritten Mandat nach Staub-Bernasconi (2012: 270) dazu aufgefordert, wissenschaftliches Wissen herzustellen und die Wissensproduktion zu reflek- tieren. Damit sollen "(…) die Unzulänglichkeiten der alltäglichen Erkenntnisprozesse und - mittel (…)" einer Korrektur unterzogen werden, um damit "(…) zu einer besseren Überein- stimmung zwischen mental konstruiertem Bild und der Realität zu gelangen (…)" (ebd.). Demzufolge ist es eine Aufgabe der Sozialen Arbeit, im Bereich der männlichen Sexarbeit Forschung zu betreiben, um damit sowohl die eigenen Vorstellungen bezüglich dieses Kon- texts zu reflektieren und zu überprüfen, als auch eine fundierte Wissensbasis für die Lehre und Praxis zu schaffen. Weiter hat die Soziale Arbeit dafür zu sorgen, dass das gewonnene Wissen dazu genutzt wird, sich in der Gesellschaft für Toleranz, Akzeptanz wie auch eine Gleichstellung auf allen Ebenen für die Sexarbeiter einzusetzen. Ebenso ist sie dazu beru- fen, bei eruiertem Bedarf, entsprechende unterstützende Angebote zu lancieren. 1.3 Abgrenzung der Arbeit und Begriffsklärung Wie dargelegt wurde, werden männliche Sexarbeiter aufgrund der Assoziation mit Homo- sexualität und der Ausübung von Sexarbeit doppelt stigmatisiert. Aktuelle wissenschaftliche Literatur findet sich meist im Kontext der weiblichen Sexarbeit, auch bezüglich deren Stig- matisierung und mögliche Folgen für die Betroffenen. Deswegen wird das Thema der vor- liegenden Bachelor Thesis auf die männliche Sexarbeit eingegrenzt. Aufgrund dessen, dass in den letzten Jahren in der Schweiz keine aussagekräftigen Daten zur männlichen Sexarbeit erhoben wurden, wird hauptsächlich mit der vorhandenen Literatur aus anderen westlichen Industrieländern gearbeitet und die Schweiz fast nur in Bezug auf das Recht betrachtet. Der Fokus liegt auf der Sexarbeit und damit wird der Menschenhandel nicht eingeschlossen, auf diese Abgrenzung wird im Unterkapitel 4.1 kurz eingegangen. Es wird auch auf das Thema der Zwangsprostitution verzichtet und nur ganz am Rande auf die Migrationsthematik eingegangen. Letztere weist eine derartige Komplexität im Rahmen der männlichen Sexarbeit auf, dass ihr aufgrund der Länge der Arbeit nicht gerecht werden kann. In dieser Arbeit wird der Begriff Sexarbeit verwendet. Er dient unter anderem dazu, um gemäss dem Global Network of Sexwork Projects (NSWP 2017: 1) darauf aufmerksam zu Bachelor Thesis Mirjam Dionne 4 machen, dass Sexarbeit eine Erwerbsarbeit und Sexarbeiter*innen weder Kriminelle noch Opfer oder Multiplikator*Innen von Krankheiten und/oder Sünder*Innen sind. Der Begriff Sexarbeit soll sie als reguläre Erwerbsarbeit rahmen und der moralisierenden Abwertung dieser Tätigkeit entgegentreten (vgl. Drössler/Kratz 1994: 10). Der Begriff Prostitution wird vermieden, da er mit einer grossen Anzahl von Interpretationen, Stigmatisierungen und Zu- sammenhängen gefüllt wird (vgl. Bastian/Billerbeck 2010: 6, Scott/MacPhail/Minichiello 2015: 86). Männliche Sexarbeiter erbringen sexuelle Dienstleistungen für homosexuelle wie auch heterosexuelle Männer sowie Frauen (vgl. Minichiello/Scott/Callander 2013: 264; Scott/Callander/Minichiello 2014: 156). Fest steht jedoch, dass sie meistens männliche Kundschaft haben (vgl. ebd.). Deswegen wird, da die Kundschaft hauptsächlich männlich ist und die Arbeit von männlichen Sexarbeitern ausgeübt wird, die männliche Form, also der Kunde und der Sexarbeiter verwendet und auf die in Fachkreisen verbreitete Termino- logie mann-männliche Sexarbeit verzichtet. 1.4 Aufbau der Arbeit Die Arbeit ist in fünf Teile gegliedert. In der Einleitung wird der aktuelle Diskurs zur Sexarbeit aufgegriffen, die Hauptfragestellung, die dazugehörigen Unterfragestellungen hergeleitet und das Erkenntnisinteresse aufgeführt, wie auch die Relevanz für die Soziale Arbeit dar- gelegt. Im zweiten Kapitel wird die Theorie der Stigmatisierung behandelt. Für ein besseres Verständnis wird deren Entstehungsprozess dargestellt, der von der sozialen Kategorisie- rung, über die Stereotype- und Vorurteilsbildung bis zur Diskriminierung erläutert wird, be- vor auf das Stigma an sich und die Stigmatisierung eingegangen wird. Es folgen Hypothe- sen zu den Ursachen wie auch Funktionen und die Unterscheidung nach der Form von Stigmata. Mit verschiedenen Bewältigungsstrategien und den möglichen Folgen einer Stig- matisierung schliesst das zweite Kapitel ab. Das dritte Kapitel setzt sich vertieft mit der Homosexualität auseinander und baut auf das Wissen aus dem zweiten Kapitel auf. Zunächst wird die Heteronormativität der Gesellschaft thematisiert, was als Basis dafür dient, die zweite Unterfrage umfassend beantworten zu können. Die Homosexualität als eine Form der sexuellen Orientierung, respektive sexuellen Identität wird definiert, worauf ein Ausschnitt über deren gesellschaftliche Betrachtungs- weise seit dem 19. Jahrhundert folgt. Anschliessend wird aufgezeigt, welche Herausforde- rungen Homosexualität bereits in der Sozialisation mit sich bringt. Schliesslich werden ver- schiedene Aspekte der Diskriminierung homosexueller Menschen thematisiert, begonnen wird mit den Auswirkungen von Diskriminierung auf Jugendliche, um an die Sozialisation anzuknüpfen. Danach wird festgehalten, welchen Einfluss Diskriminierung auch auf die Ge- sundheit Erwachsener haben kann. Anschliessend werden Erläuterungen zur Homophobie Bachelor Thesis Mirjam Dionne 5 und deren mögliche Hintergründe mit den Ursachen und Hypothesen zu den Funktionen von Stigmatisierung verglichen. Die internalisierte Homophobie und deren Auswirkungen werden aufgegriffen, worauf auf die rechtliche Diskriminierung von Homosexuellen in der Schweiz eingegangen wird. Das Minority-Stress-Modell wird vorgestellt und damit darge- stellt, wie Minderheitenstress entsteht und diverse Stressfaktoren zusammenwirken kön- nen. Das dritte Kapitel schliesst mit einem exemplarischen Beispiel, wie vielschichtig sich Diskriminierung auf das Leben von homosexuellen Männern auswirken kann. Das letzte Kapitel des Hauptteils dieser Arbeit wird aufgrund derer Relevanz für das Thema mit der Definition von männlicher Sexarbeit begonnen. Es werden allgemeine Informationen zur Sexarbeit und dem Sexgewerbe festgehalten und erläutert, wie sich die rechtliche Aus- gestaltung und Handhabung in der Schweiz darstellt. Die Heranführung an das Thema der männlichen Sexarbeit wird mittels der Wandlung deren wissenschaftlichen Betrachtungs- weise dargelegt, auch hier wird der Zeitpunkt ab dem 19. Jahrhundert wie bei der Homose- xualität gewählt, was sich aus der inhaltlichen Nähe der beiden Themen ergibt. Es folgen Schätzungen und Annahmen zu männlichen Sexarbeit heute, worauf das Kernstück des 4. Kapitels folgt: Die Arbeitssettings und die Lebenslage der Sexarbeiter. Zuerst werden die Orte definiert und voneinander abgegrenzt, an denen die Kontaktanbahnung zwischen Sexarbeitern und ihren Kunden erfolgt und anschliessend wird ein Überblick über diese einzelnen Settings wie auch deren Akteure gegeben. Die sexuelle Orientierung der Sexar- beiter, Einstiegsgründe und Motive, wie auch deren Kundschaft werden thematisiert. Ge- sundheitliche Risiken, die die Ausübung von männlicher Sexarbeit mit sich bringen können, schliessen das vierte Kapitel ab. Im Schlussteil werden die Hauptfragestellung wie auch die drei Unterfragestellungen noch- mals aufgeführt, die Inhalte der drei Hauptkapitel zusammengefasst und diskutiert, womit die Hauptfragestellung beantwortet wird. Sodann wird thematisiert, welche Relevanz das Thema für die Soziale Arbeit aufweist. Die Arbeit schliesst mit einer kritisch-selbstreflexiven Würdigung, weiterführenden Gedanken und offenen Fragen. Bachelor Thesis Mirjam Dionne 6 2 Stigma Im vorliegenden Kapitel werden die Begriffe soziale Kategorisierung, Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung eingeführt, deren Zusammenhänge aufgezeigt und damit der Entste- hungsprozess von Stigmatisierung erklärt. Die Bedeutung eines Stigmas und einer Stigma- tisierung in der Gesellschaft werden dargelegt, worauf mögliche Ursachen wie auch Funk- tionen von Stigmata erläutert werden. Wie Betroffene mit einem Stigma umgehen können und welche Voraussetzungen dafür von Vorteil sind, wird darauffolgend behandelt. Das Kapitel schliesst mit den möglichen Auswirkungen von Stigmatisierung auf die Betroffenen. 2.1 Soziale Kategorisierung, Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung Die Stereotypisierung beginnt mit der sozialen Kategorisierung. Gruppen von Menschen, die im sozialen Miteinander oftmals zusammengefasst wahrgenommen, bewertet und dis- kutiert werden, bilden soziale Kategorien. Diese basieren auf äusserlichen Merkmalen wie beispielsweise der Hautfarbe, aber auch auf gemeinschaftlichen Überzeugungen, wie Re- ligionszugehörigkeit oder der Ähnlichkeit zu einem menschlichen Typus, wie z.B. die "Kar- rierefrau". Jedes Individuum gehört einer Vielzahl von Kategorien an (vgl. Klauer 2008: 23). Kategorisierung, ob von Objekten oder im sozialen Miteinander, dient dem Menschen zur Entlastung bezüglich einer Reizüberflutung. So muss nicht jeder Mensch individuell beur- teilt werden, die Einteilung in Kategorien verhilft zu Orientierung und gibt ein Gefühl von Kontrolle und Vorhersagbarkeit (vgl. Fischer/Jander/Krueger 2018: 116, Jonas/Stro- ebe/Hewstone 2014: 111f.). Da jeder sozialen Kategorie zugeteilt wird, welche typischen Attribute und Verhaltensweisen eine Person, respektive die gesamte Gruppe der Kategorie mitbringen, bestehen bereits Erwartungen diesbezüglich (vgl. Klauer 2008: 23). Dies pas- siert unbewusst und automatisch (vgl. Jonas et al. 2014: 112, Piontkowski 2011: 179). Ge- neralisierende Erwartungen bezüglich der Eigenschaften und Merkmalen von Angehörigen einer sozialen Gruppe werden Stereotype genannt (vgl. Fischer et al. 2018: 116). Dabei wird ausser Acht gelassen, ob Unterschiede zwischen den Gruppenmitgliedern bestehen (vgl. Piontkowski 2011: 174). Klauer (2008: 23) fasst prägnant zusammen: "Stereotype sind kognitive Schemata, die Hand in Hand mit vereinfachenden Verarbeitungs- und Urteilsheu- ristiken gehen." Zudem sind dabei vor allem diejenigen Stereotype von Bedeutung, welche die eine Gruppe von der anderen unterscheiden (vgl. Stangor 2016: 4). Das Zusammenge- hörigkeitsgefühl der Eigengruppe wird durch geteilte Stereotype gestärkt. Dies unterstützt ein positives Selbstbild und schafft eine verstärkte soziale Identität (vgl. Möller-Leimkühler 2005: 46f.). Stereotype können sowohl negativ wie positiv oder auch neutral sein (vgl. Fi- scher et al. 2018: 116). Sie haben einen beträchtlichen Einfluss darauf, wie Bachelor Thesis Mirjam Dionne 7 Gruppenmitglieder gesehen, beurteilt und letztlich behandelt werden (vgl. Dovidio et al. 2010: 8,14; Klauer 2008: 23). In diesem Zusammenhang ist wichtig, so Piontkowski (2011: 174), dass Stereotype "(…) gesellschaftliches und kulturelles Gut (..)" sind. Stereotype sind in einer Gesellschaft weit verbreitet (vgl. ebd.; Major/O'Brien 2005: 395). Rüsch et al. (2004: 4) geben an, dass Stereotype zu kennen nicht heisst, ihnen zuzustim- men. Um dies zu verdeutlichen, führen Corrigan und Watson (2006: 37) das Beispiel be- züglich verschiedener Ethnien an. Viele Menschen kennen die entsprechenden positiven, negativen oder auch neutralen Stereotype über bestimmte ethnische Gruppen, nicht alle stimmen ihnen jedoch zu. Andererseits fokussieren aber Personen, die Vorurteile haben, vor allem auf die negativen Stereotype einer bestimmten sozialen Gruppe und reagieren darauf mit negativen Affekten wie Angst oder Ärger (vgl. ebd.). Es existieren auch positive Vorurteile, allgemein wird der Begriff jedoch in Verbindung mit negativen Emotionen ver- wendet (vgl. Piontkowski 2011: 174). Vorurteile sind also eine verallgemeinerte Einstellung gegenüber einer Gruppe oder Mitglieder einer Gruppe, die meistens eine abwertende Kom- ponente enthält (vgl. Corrigan/Watson 2006: 37, Stangor 2016: 4, Güttler 2003: 111f.). Do- vidio et al. (2010: 7) fügen hinzu, dass Vorurteile eine Hierarchie zwischen sozialen Grup- pen wie auch ihren Mitgliedern herstellen oder aufrechterhalten. Zudem sind sie naturgemäss sehr resistent gegenüber einer Veränderung, da der Mensch über verschie- dene, teilweise unbewusste, aber auch bewusste Strategien verfügt, diese aufrechtzuerhal- ten. Dazu gehört die Wahrnehmungsverzerrung, die selektive Aufmerksamkeit oder auch die Auslegung sowie Vermeidungstendenzen (vgl. Güttler 2003: 114f.). Werden aus Vorurteilen Verhaltenskonsequenzen gezogen, führt dies zur Diskriminierung der betroffenen Bevölkerungsgruppe, respektive deren Mitgliedern (vgl. Klauer 2008: 24, Rüsch et al. 2004: 4). Petersen und Six (2008: 18) sprechen von Diskriminierung, wenn einem Menschen aufgrund dessen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, unabhängig seiner individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften, Negatives zugefügt oder Positives vor- enthalten wird. Wichtig ist, dass "(…) die für Diskriminierungen bedeutsamen kategorialen Unterscheidungen (…) Bestandteil historischer und gegenwärtiger gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Ungleichheiten (…)" sind (Scherr 2016: 8). Mittels Diskriminierung werden zwischen dominierenden und untergeordneten sozialen Gruppierungen Grenzen etabliert. Dies geschieht meistens zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der Minderheit. Diskriminierung grenzt Menschen aus, die der gesellschaftlichen Konformität nicht entspre- chen, die Gleichwertigkeit aller Menschen wird bestritten. Denjenigen, welche sie aberkannt wird, werden negative Attribute zugeordnet. Diskriminierung hat Auswirkungen auf die Selbstachtung der betroffenen Menschen und verweist sie in benachteiligte Positionen im Bachelor Thesis Mirjam Dionne 8 gesellschaftlichen Gefüge (vgl. ebd.: VII). Zudem ist Diskriminierung eng mit Stigmatisie- rung verbunden, die beiden Phänomene verstärken und legitimieren sich gegenseitig (vgl. Aggleton et al. 2005: 11). Stigmatisierung ist die Basis für Diskriminierung und wiederum fördern und verstärken diskriminierende Praktiken die Stigmatisierung (vgl. ebd.). 2.2 Stigma - ein soziales und kulturelles Konstrukt Die Stigmatisierung befindet sich auf der Ebene der Einstellungen (vgl. Cloerkes 2000: o.S.). Was bedeutet, dass sie wie alle Einstellungen eine kognitive, eine affektive und eine Verhaltenskomponente aufweist (vgl. Piontkowski 2011: 174). Der Zusammenhang zwi- schen den vorgängig besprochenen Begriffen, also Stereotype, Vorurteile und Diskriminie- rung mit Stigmatisierung lässt sich folgend erklären: Kommt der kognitive Aspekt, die Ste- reotypisierung, mit dem emotionalen, dem Vorurteil und dem Verhaltensaspekt, der Diskriminierung zusammen, führt dies zu einer Stigmatisierung. Folgend wird auf die Be- griffe Stigma und Stigmatisierung Bezug genommen (vgl. Rüsch et al. 2004: 4). Ursprünglich aus dem Griechischen stammend, bezeichnete der Begriff Stigma ein Brand- oder Wundmal (vgl. Berger 2012: 8). Dieses diente dazu, Sklaven als unreine Menschen zu kennzeichnen, damit sie gemieden werden konnten (vgl. ebd.). Ein Stigma diente da- mals und heute "(…) als Ausdruck gesellschaftlicher Ächtung." (Berger 2012: 8). Den Be- griff "Stigma" hat Goffman im Jahre 1963 in seinem Buch "Stigma: Notes of the Manage- ment of spoiled identiy" in den soziologischen Diskurs eingeführt (vgl. Koken/Bimbi 2014: 227). Hillmann (2007: 846) hält im Wörterbuch für Soziologie folgende Definition fest: Stigma (lat.=Brand-, Schandmal), physisches oder soziales Merkmal, durch das eine Person sich von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe (oder Gesellschaft) negativ un- terscheidet und aufgrund dessen ihr soziale Deklassierung, Isolation oder sogar allge- meine Verachtung droht (Stigmatisierung). Zumindest eingeschränkte soziale Kommu- nikation und Akzeptierung erleiden z.B. Blinde, Vorbestrafte, psychisch Kranke, Angehörige radikaler oder als radikal eingestufter Glaubensgemeinschaften, Parteien oder Subkulturen, mitunter auch (je nach vorherrschender weltanschaulich-politischer Strömung) Vertreter abweichender Auffassungen, Wertorientierungen, Meinungen und Zielvorstellungen. Stigmata sind also Merkmale oder Attribute eines Menschen oder einer Gruppe, welche mit den jeweiligen Identitätsnormen oder -standards der Mehrheitsgesellschaft unvereinbar zu sein scheinen. Dabei geht es prinzipiell weniger um das Merkmal selbst, sondern um des- sen negative Zuschreibung (vgl. Cloerkes 2001: 147). So bestimmt der Kontext, ob ein Merkmal tatsächlich ein Stigma ist oder nicht (vgl. Knigge 2009: 50). Zudem kann sich ein Stigma nur in der sozialen Interaktion darstellen, da ein Merkmal erst dadurch zu einem Stigma wird, wenn es negativ definiert wird und damit eine Abwertung erhält (vgl. Hohmeier Bachelor Thesis Mirjam Dionne 9 1975: o.S.). Eine Stigmatisierung zeigt sich im non-verbalen oder verbalen Verhalten, wel- ches gegenüber Menschen mit einem Stigma gezeigt wird. Potentiell können alle objektiven Merkmale unter bestimmten Bedingungen stigmatisiert werden (vgl. ebd.). Somit ist Stig- matisierung kontext- sowie beziehungsspezifisch (vgl. Major/O'Brien 2005: 395). Zudem unterliegen Stigmatisierungsprozesse intra- und interkulturellen wie auch historischen Ein- flüssen (vgl. Tröster 2008: 141). Zentral dabei ist, dass sich eine Stigmatisierung nur im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Machtkontingenten entfalten kann. Link und Phelan (2001: 367) verwenden den Begriff Stigmatisierung, wenn Unter- scheidung, Stereotypisierung, Ausgrenzung, Diskriminierung und Statusverlust im Zusam- menhang mit Machtkontingenten auftreten und sich so die einzelnen Komponenten eines Stigmas entwickeln können. Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass Ausgangspunkt von Stigmatisie- rung die Wahrnehmung und Benennung bestimmter vorhandener Merkmale ist, welche in der Gesellschaft negativ definiert sind und denen überdies weitere negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Sie sind Normabweichungen und die Betroffenen fallen damit aus dem gesellschaftlichen Rahmen. Die Gesellschaft begegnet daraufhin den betroffenen Per- sonen gegenüber mit Abgrenzung und Rückzug, woraus Diskriminierung erfolgen kann (vgl. Schulze 2005: 23). Dieser Prozess kann sich nur durchsetzen, wenn ein Machtgefälle zwischen den Involvierten besteht (vgl. Link/Phelan 2001: 367, Rüsch/Angermeyer/Corri- gan 2005: 223). 2.2.1 Ursachen und Funktionen von Stigmata und Stigmatisierung Um Stigma und Stigmatisierung besser nachvollziehen zu können, ist es zentral, sich mit den Bedingungen sowie den Ursachen ihrer Entstehung auseinanderzusetzen und den Zu- sammenhang herzustellen, welche Faktoren dafür entscheidend sein könnten, dass sie sich in der Gesellschaft durchsetzen. Dazu werden Hypothesen von Hohmeier (1975: o.S.) dargelegt, da in der aktuelleren Stigma-Forschung kaum neue Erkenntnisse gewonnen wurden. Anschliessend werden die Funktionen von Stigmata und Stigmatisierung erörtert. Eine Voraussetzung für ein Stigma ist der Verstoss gegen eine Norm (vgl. Hohmeier 1975: o.S.). Normen brauchen bestimmte soziale Gruppierungen, welche diese durchsetzen wol- len und dies auch vermögen. So ist, wie bereits erwähnt, politische und ökonomische Macht vonnöten, um allgemeingültige Vorstellungen und Definitionen von "Normalität" und damit auch Stigmata festzulegen (vgl. Grausgruber 2005: 23). Mittels Stigmatisierung können sich globale gesellschaftliche Institutionen und Interessengruppen Vorteile verschaffen. Auch die Gesellschaftsstruktur und deren stetigen Veränderungen können Einfluss auf die Bachelor Thesis Mirjam Dionne 10 Ursache wie auch die Entstehung von Stigmata nehmen. Neue Normen, die sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen herauskristallisieren, bringen auch neue Normverstösse und damit Möglichkeiten zur Stigmatisierung mit sich. Stigmata, so eine weitere Annahme, bilden sich vermehrter und ausgeprägter in leistungs- und konkurrenzgeprägten Gesell- schaften, wie auch in Gesellschaften mit grossen Spannungen zwischen sozialen Gruppie- rungen (vgl. Hohmeier 1975: o.S.). Folgend wird auf die Funktionen von Stigmata eingegangen. Da Stigmata auf der Ebene von Individuen und auf der Gesellschaftsebene regulierende Wirkungen in Bezug auf das soziale Zusammenleben aufweisen, wird danach unterschieden (vgl. Grausgruber 2005: 24). Stigmata dienen, wie dies bereits bei der sozialen Kategorisierung im Kapitel 2.1 auf- geführt wurde, als kognitive Entlastung und zur erleichterten Orientierung im sozialen Mit- einander. Allerdings bewirken sie eine verzerrte und selektionierende Wahrnehmung und machen neue Erfahrungen nur schwer möglich (vgl. ebd.). Auch können sie auf der indivi- duellen Ebene als Identitätsstrategie aufgefasst werden, also als eine Verhaltensstrategie, welche dazu dient, das eigene, potentiell gefährdete oder gestörte psychische Gleichge- wicht (wieder-) herstellen zu können. Die Begegnung mit einem stigmatisierten Menschen kann an die eigene Abweichung von der Norm erinnern, etwa weil eine Person mit Abwei- chungstendenzen kämpft. Indem nun die Abgrenzung vom stigmatisierten Menschen be- tont wird, kann die persönliche Stabilität wiedererlangt und die eigene Normalität betont werden. Zudem weist der Mensch generell eine gewisse Angst vor der Andersartigkeit auf und ist stets versucht, seine eigene "Normalität" unter Beweis zu stellen. Dies kann ihn dazu bewegen, sich vom Unbekannten mittels Interaktionsvermeidung und Ablehnung ab- zugrenzen (vgl. Hohmeier 1975: o.S.). Stigmata, so stellen Crocker, Major und Steele (1998: 508) in ihrer Forschung fest, dienen den Menschen dazu, ihr Weltbild aufrechterhal- ten zu können. Menschen wollen daran glauben, dass das Leben übersichtlich und vorher- sehbar ist. Stigmatisierte Menschen stören dieses Weltbild, weil sie davon abweichen. Mit- tels einer Absonderung von Stigmatisierten aus der Gesellschaft, wird das als einzig richtig erachtete Weltbild wiederhergestellt (vgl. ebd.). Stigmata tragen auch zur Selbstwerterhö- hung derer bei, die nicht davon betroffen sind. Ist jemand schlechter gestellt, kann daraus eine Eigenaufwertung generiert werden (vgl. Hohmeier 1975: o.S.). Diese Funktion kann auch auf Gruppen übertragen werden. Durch die Erniedrigung einer Fremdgruppe kann der Wert der Eigengruppe gesteigert werden. Mittels dieser Wert- und damit Bedeutungsstei- gerung ist zudem die Legitimation der Diskriminierung von Fremdgruppen gegeben (vgl. Bottlender/Möller 2005: 25, Crocker et al. 1998: 508f.). Bachelor Thesis Mirjam Dionne 11 Auf der gesellschaftlichen Ebene können Stigmatisierungen die Funktion erfüllen, den so- zialen Verkehr zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu regeln. So wird damit zum Beispiel der Zugang zu knappen Gütern, etwa Status und Berufschancen, reguliert (vgl. Hohmeier 1975: o.S.). Zusätzlich können Stigmatisierungen systemstabilisierend wirken, indem sie von gesellschaftlichen und sozialen Problemlagen ablenken. Bei einem Mangel an Arbeits- plätzen beispielsweise, kann sich die dabei entstandene Frustration auf eine bestimmte stigmatisierte Bevölkerungsgruppe kanalisieren, womit das bestehende System stabilisiert wird. Darüber hinaus wird durch Stigmatisierung die Normkonformität von Personen ohne Stigma belohnt. Auch die Herrschaftsfunktion von Stigmatisierung nennt Hohmeier (ebd.) und meint damit, dass Stigmatisierung als Mittel zur Unterdrückung von Gruppen dient, deren politische oder wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit eingeschränkt oder eine Teilhabe an der Gesellschaft abgesprochen werden soll. 2.2.2 Formen von Stigmata und Stigmatisierung Einige Stigmata sind leicht sichtbar, wie zum Beispiel Fettleibigkeit oder eine körperliche Entstellung (vgl. Major et al. 2017: 5). Diese Menschen erleben, dass ihr stigmatisierendes Attribut ein primäres Schema ist, durch das sie von ihren Mitmenschen betrachtet werden, was die Gefahr erhöht, Diskriminierung ausgesetzt zu sein. Menschen mit einem sichtbaren Stigma sind sich dessen bewusst, weswegen sie in sozialen Interaktionen häufig bereits im Vorfeld erwarten, diskriminiert zu werden. Diese Erwartungshaltung hat wiederum einen Einfluss darauf, wie die Betroffenen ihre sozialen Interaktionen gestalten. Andere Stigmata jedoch, wie psychische Erkrankungen oder ein früherer Haftaufenthalt, sind nur unter ge- wissen Umständen sichtbar. Verbergen diese Menschen ihr Stigma, können sie sozial in- teragieren, ohne dass ihr Stigma die Reaktionen des Gegenübers beeinflusst (vgl. ebd.). Wenn das Stigma jedoch entdeckt oder offenbart wird, kann es eine soziale Abwertung mit sich bringen, weshalb auch diese Form von Stigma das Leben von Betroffenen sehr prägen kann (vgl. Quinn/Chaudoir 2009: 635). Im sozialen Umgang müssen sie jeweils neu ent- scheiden, ob sie ihr Stigma offenbaren oder geheim halten, sie sind also gefordert, ein In- formationsmanagement zu betreiben (vgl. ebd.: 637). Bezüglich Stigmatisierung wird zwischen der öffentlichen Stigmatisierung und der Selbst- stigmatisierung unterschieden. Öffentliche Stigmatisierung bedeutet die Reaktionen der Gesellschaft gegenüber einer spezifischen sozialen Gruppe, welche auf den Stigmata be- züglich dieser Gruppe beruhen (vgl. Rüsch et al. 2004: 22). Es wurde bereits ausgeführt, dass es ein gewöhnlicher Vorgang ist, soziale Gruppen in der Allgemeinbevölkerung zu unterscheiden und diesen Gruppen verschiedene Attribute zuzuordnen. Der Vorgang der öffentlichen Stigmatisierung ist jedoch nicht selbstverständlich. So werden manche Bachelor Thesis Mirjam Dionne 12 Unterschiede zwischen Menschen nicht hervorgehoben und sind von daher sozial irrele- vant. Jedoch andere Attribute, wie die Hautfarbe oder die sexuelle Orientierung, zeigen sich als relevant für das persönliche soziale Erscheinungsbild. So werden offensichtlich Unter- schiede gemacht zwischen Merkmalen, welche sozial relevant sind und solchen, die nicht beachtet werden. Kulturelle Einstellungen gegenüber gewissen Attributen, wie beispiels- weise einer psychischen Erkrankung oder der sexuellen Orientierung, können sich im Laufe der Zeit erheblich verändern, da sie von den aktuellen gesellschaftlichen Diskursen und Moralvorstellungen geprägt sind (vgl. ebd.). Von Selbststigmatisierung wird gesprochen, wenn Personen einer stigmatisierten Gruppe die negativen Stereotype und Vorurteile der Gesellschaft gegenüber der eigenen Gruppe teilen (vgl. Rüsch/Angermeyer/Corrigan 2005: 223). Diese Menschen befinden die öffentliche Stigmatisierung ihrer Gruppe als legitim und werten damit sich selbst ab (vgl. Rüsch et al. 2004: 6). 2.3 Bewältigungsstrategien Cloerkes (2000: o.S.) geht davon aus, dass jemand mit einem Stigma nahezu unweigerlich zu einem negativen Selbstbezug gelangen muss und damit zu einer Identitätskrise. Ihm zufolge existieren auf zwei Ebenen Strategien, welche angewendet werden können, um eine Identitätskrise zu umgehen. Der stigmatisierte Mensch kann entweder den negativen Bewertungen im sozialen Umgang widersprechen, ihnen ausweichen oder diese verleug- nen, dies nennt der Autor den schützenden Umgang vor Selbstentwertung mit Stigmatisie- rung im "Sozialen Selbst". Im "Privaten Selbst" kann eine stigmatisierte Person bewusst die negativen Bewertungen wahrnehmen, aber sie kann diese entweder ablehnen oder "(…) sie als relativ unwichtig (…)" ansehen (ebd.). Versagen diese Strategien jedoch oder wer- den nicht angewendet, passt sich das "Selbst" an die negativen Zuschreibungen der Ge- sellschaft an und es liegt eine Beschädigung der Identität vor, die das Selbstwertgefühl der Betroffenen beeinträchtigt (vgl. ebd.). Folgend werden diese und weitere Bewältigungsstra- tegien nach Major und Eccleston (2005) ausgeführt, die Stigmatisierte anwenden können, um ihren Selbstwert und ihre Identität zu schützen. Tröster (2008: 142) führt nach Major und Eccleston (2005) Bewältigungsstrategien für stig- matisierte Menschen auf. Betroffene können ihre Attraktivität im sozialen Austausch stei- gern, indem sie ihr Stigma verschweigen oder sich einer kosmetischen Operation bei einer physischen Entstellung unterziehen (vgl. ebd.). Das Meiden von sozialen Situationen oder Kontakten, in welchen eine Stigmatisierung stattfinden könnte, ist eine andere Strategie. Es kann weiter auf eine enge soziale Bindung verzichtet werden, in der von einer Stigmatisie- rung ausgegangen wird (vgl. Tröster 2008: 142). Auch können Betroffene sich von den Erwartungen und Aufgaben lösen, welche in für sie stigmatisierenden Lebensbereichen Bachelor Thesis Mirjam Dionne 13 stattfinden. Eine weitere Vorgehensweise kann sein, dass sich stigmatisierte Menschen verstärkt sozialen Beziehungen zuwenden, in welchen ihnen Respekt und Wertschätzung entgegengebracht wird. Stigmatisierte Personen können sich auch mit der eigenen Gruppe zusammenschliessen, was einen positiven Effekt auf ihren Selbstwert haben kann. Hier wird darauf hingewiesen, dass diese Strategie nur wirksam ist, wird innerhalb dieser Gruppe gegen die erlebte Diskriminierung und Stigmatisierung vorgegangen. Ebenfalls sollten da- bei die negativen Stereotypisierungen in positive umgedeutet werden, wie beispielsweise "black is beautiful" (ebd.). Als letzte Strategie wird die externale Attribution genannt. Aus- grenzungen und Ablehnung von aussen können von den stigmatisierten Menschen anstatt auf die eigene Person, auf die Vorurteile gegenüber ihrer sozialen Gruppe bezogen werden. Eine Benachteiligung wird also nicht persönlich genommen und auf die Zugehörigkeit zu einer abgewerteten Gruppe externalisiert (vgl. ebd.). Wie die beiden letzten Bewältigungsstrategien nach Major und Eccleston (2005) aufgezeigt haben, kann es von Bedeutung sein, ob und inwieweit sich der stigmatisierte Mensch mit der Eigengruppe identifiziert. Laut Tajfel (1982: 102) gehört die soziale oder auch kollektive Identität zum Selbstkonzept eines Menschen. Sie wird aus dem Bewusstsein darüber ge- bildet, zu einer sozialen Gruppe zu gehören wie auch über die empfundene Wertschätzung bezüglich der Verbundenheit mit dieser Gruppe. Die kollektive und die persönliche Identität sind zwei Enden eines Kontinuums der menschlichen Identität (vgl. ebd.). Der Mensch, welcher eher zur kollektiven Identität tendiert, sieht sich mehr als ein austauschbares Mit- glied einer bestimmten sozialen Kategorie denn als eigenständige Persönlichkeit, welche sich durch ihre Unterscheidung von anderen definiert. An welchem der beiden Enden sich das Individuum orientiert macht aus, wie seine Einstellung, seine Haltung und sein Verhal- ten sind (vgl. Turner et al. 1987: 50). Demnach ist dies ein entscheidender Faktor, wie diese Person Situationen sowie Andere wahrnimmt, interpretiert, bewertet und auf sie reagiert (vgl. Major et al. 2017: 8). Major et al. (ebd.) nennen als Beispiel für die kollektive Identität gehörlose Menschen. Die Weltvereinigung der Gehörlosen bezeichnet sie als sprachliche Minderheit. Die Lebenser- fahrung dieser Menschen wird als ein Kollektiv gesehen und manifestiert sich in der Gehör- losen-Kultur. Weltweit identifizieren sich also Gehörlose mit einer eigenen Kultur und Spra- che (vgl. ebd.). Vielen anderen Stigmatisierten jedoch fehlt eine solche kollektive Identität, so sind dies etwa psychisch kranke oder auch stark übergewichtige Menschen. Ob ein Stigma über ein breites Kollektiv verfügt oder eher im persönlichen Bereich angesiedelt ist, kann sich verändern. Schliessen sich stigmatisierte Menschen zusammen und leisten akti- ven Widerstand gegen ein Stigma, so erschliessen sich ihnen diverse psychologische und Bachelor Thesis Mirjam Dionne 14 soziale Ressourcen, welche Schutz vor negativen gesundheitlichen Folgen der Stigmati- sierung bieten können. Gerade das Gefühl der Gruppenidentifikation und der sozialen Un- terstützung seitens der Gruppe haben einen grossen Anteil daran (vgl. ebd., Herek/Garnets 2007: 363). Zudem sehen stigmatisierte Menschen, die sich im Kollektiv organisiert haben, Ablehnung und Diskriminierung auch vermehrt als illegitim an, was sie wiederum darin un- terstützt, sich nicht selbst zu stigmatisieren (vgl. Major et al. 2017: 8). Auch Corrigan und Watson (2006: 36f.) halten spezifisch zur Selbststigmatisierung und dem Zugehörigkeits- gefühl zu einer Gruppe fest, dass wichtig ist, ob und inwieweit sich eine Person der Gruppe zugehörig fühlt ausmacht, ob sie sich selbst stigmatisiert oder nicht. 2.4 Folgen von Stigmatisierung Stigmatisierung kann nicht nur Auswirkungen auf die soziale Teilhabe an der Gesellschaft haben, sondern auch weitere negative Folgen auf das physische und psychische Wohlbe- finden. Depressionen, Angst- und Schamgefühle sind häufig, jedoch auch eine erhöhte An- fälligkeit für weitere psychische Krankheiten nebst Beeinträchtigungen der allgemeinen Ge- sundheit (Quinn/Chaudoir 2009: 647). Stigmatisierung kann auch den Zugang zu gesundheitsrelevanten Ressourcen einschränken (vgl. Major/Mendes/Dovidio 2013: 514). Weiter kann sie auf viele Aspekte im täglichen Leben eines Menschen wirken, so beispiels- weise auf die Wohnverhältnisse, die Erwerbsarbeit wie auch den Bildungserfolg (vgl. Quinn/Chaudoir 2009: 635). Stigmatisierte Menschen können zudem Ziele von Belästigung und physischer Gewalt sein (vgl. Herek 2000: 21). Bezüglich der Auswirkungen von Stig- matisierung wird eine Unterscheidung gemacht zwischen sichtbaren und verborgenen Stig- mata wie auch deren Kontrollierbarkeit, weswegen diese Einflüsse nachfolgend betrachtet werden. Menschen mit einem sichtbaren Stigma haben oft ein "(…) Gefühl von kulturellem Miss- trauen (…)" in sozialen Interaktionen (Stangor 2016: 10f.). Sie erwarten also häufig, dass sie aufgrund ihres Stigmas Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren (vgl. ebd.). Garcia und Crocker (2016: 69) nennen dazu eine Studie von Mendoza-Denton et al. (2002), welche aufzeigte, dass Afroamerikaner*innen, die ständig befürchten diskriminiert zu werden, dazu neigen, jegliche Ablehnung verstärkt wahrzunehmen, auf ihr Stigma zurückführen und da- rauf heftig zu reagieren (vgl. ebd.). Dies löst einerseits grossen Stress in sozialen Interakti- onen aus und andererseits kann dadurch der Effekt der Selbsterfüllenden Prophezeiung auftreten: Das Verhalten der Betroffenen, also die Anspannung und Nervosität, führt zu einer negativen Reaktion und nicht das Stigma an sich (vgl. ebd., Crocker/Major 1989: 610, Stangor 2016: 11). Die nachteiligen Effekte auf die Gesundheit, welche die Angst vor Ab- lehnung mit sich bringt, sind zudem potentiell höher, handelt es sich um Menschen mit Bachelor Thesis Mirjam Dionne 15 einem Stigma, welches verborgen werden kann (vgl. Quinn/Chaudoir 2009: 647). Die kon- stante Erwartung, dass das Stigma entdeckt werden könnte, weist einen direkten Zusam- menhang mit dem psychischen wie auch physischen Wohlbefinden auf (vgl. ebd.: 645). Selbst ohne direkt erfahrene Diskriminierung kann sich Stigmatisierung also schädigend auf die Gesundheit auswirken. Je grösser die erwarteten Auswirkungen der Aufdeckung des Stigmas eingeschätzt werden, desto mehr negative Effekte auf die betroffenen Men- schen konnten festgestellt werden (vgl. ebd. 647). Major et al. (2017: 5) nennen einen zu- sätzlichen Stressor: In sozialen Situationen kann das Verbergen eines Stigmas dazu füh- ren, dass das Gefühl aufkommt, nicht sich selbst sein zu können. Auch wurde festgestellt, dass Menschen mit einem Stigma, dass sie nicht offenbaren wollen, weniger gesundheitli- che Unterstützung in Anspruch nehmen (vgl. ebd.). Bei der Betrachtung von potentiellen Auswirkungen von Stigmata wird ausserdem bezüglich deren realen oder wahrgenomme- nen Kontrollierbarkeit unterschieden (Major et al. 2017: 6). Manchmal ist klar ersichtlich, in welchem Zusammenhang ein Stigma entstanden ist, so zum Beispiel bei einem Autoun- fall und darauffolgend einer körperlichen Beeinträchtigung. Das gilt als Stigma, welches nicht kontrollierbar ist. In vielen Fällen ist dies nicht gegeben, beispielsweise bestehen be- züglich Suchterkrankungen verschiedene Ansichten. Wenn Menschen ein Stigma haben, das von ihrer Umwelt als kontrollierbar angesehen wird, sei dies in Bezug auf den Erwerb des Stigmas oder auch dessen Überwindung, so können diese Personen für das Stigma selbst verantwortlich gemacht werden. Dies hat Einfluss darauf wie mit ihnen umgegangen wird. Sie werden teilweise weniger bemitleidet, sind weniger beliebt und erhalten damit ge- ringere Unterstützung als Menschen, deren Stigma als nicht kontrollierbar erachtet wird. Major et al. (vgl. ebd.: 6f.) stellen fest, dass die herrschenden Überzeugungen bezüglich der Kontrollierbarkeit eines Stigmas auch einen massgeblichen Einfluss auf die Qualität der Gesundheitsversorgung der stigmatisierten Personen haben. Angestellte des Gesundheits- wesens sind weniger dazu bereit, Menschen mit einem Stigma zu versorgen, bei dem sie annehmen, es sei durch eigene Schuld erworben worden, beispielsweise eine durch Fett- leibigkeit verursachte Diabetes Erkrankung (vgl. ebd.: 7). 3 Homosexualität Das dritte Kapitel hat zum Ziel, die Herausforderungen von homosexuellen Menschen in einer heteronormativen Gesellschaft aufzuzeigen. Als Basis dient die Darlegung des Kon- zeptes der Heteronormativität. Die Begriffe sexuelle Orientierung und sexuelle Identität wer- den für die vorliegende Arbeit geklärt, worauf auf die Homosexualität und deren historischen Betrachtungsweisen seit dem 19. Jahrhundert eingegangen wird. Mit dem Kapitel zur So- zialisation von homosexuellen Kindern und Jugendlichen wird der Übergang geschaffen zur Bachelor Thesis Mirjam Dionne 16 Diskriminierung von sexuellen Minderheiten und deren Auswirkungen. Die Begriffe Homo- phobie und internalisierte Homophobie werden dargelegt. Die Diskriminierung von Homo- sexuellen im schweizerischen Recht wird aufgegriffen und das Minority-Stressmodell von Meyer (2003) vorgestellt. Das Kapitel schliesst mit einem Beispiel, das aufzeigt, wie viel- schichtig Auswirkungen von Diskriminierung im Leben von homosexuellen Männern wirken können. 3.1 Heteronormativität Im Laufe des 18. Jahrhunderts begannen gesellschaftliche Geschlechterdiskurse, die sich bis zum 19. Jahrhundert durchsetzen konnten und dabei zwei vollkommen unterschiedliche Geschlechtscharaktere konstruierten (vgl. Degele 2008: 60f.). Diese wurden derart popula- risiert, dass sie bis heute die gesellschaftlichen Vorstellungen des Geschlechts prägen (vgl. Ehlert 2012: 23). Das Schema der Heteronormativität, und das wird das folgende Kapitel aufzeigen, durchzieht "(…) sowohl individuelle Handlungsweisen (…)" und wird "(…) über gesellschaftliche Strukturen institutionalisiert und reproduziert (…)" (Klapeer 2015: 29). Ur- sprung dessen ist die christliche Morallehre, welche die lebenslange und treue Ehe mit der klaren Rollenverteilung, der Mann das Oberhaupt, die Frau untergeordnet, in welcher Se- xualität alleine zur Fortpflanzung dient, zur gottgegebenen, natürlichen Ordnung erklärt (vgl. Wagenknecht 2007: 19). Das Konzept besagt, dass Heterosexualität als Norm sowohl die gängige Lebenspraxis als auch die sinnbildliche Ordnung und Organisation der Gesell- schaft strukturiert. Alle Individuen werden in zwei Geschlechter aufgeteilt, die körperlich wie auch hinsichtlich ihrer sozialen Rolle klar voneinander abgegrenzt sind und deren sexuelles Verlangen sich natürlicherweise nur auf das jeweils andere Geschlecht richtet (vgl. Wagen- knecht 2007: 17, Klapeer 2015: 28). Heteronormativität legt damit den sozialen Status und die Deutungshoheit innerhalb der Gesellschaft fest (vgl. Wagenknecht 2007: 18). Viele Ver- haltensnormen entspringen dieser Ordnung und diejenigen, welche der Heteronormativität nicht entsprechen, sind häufig Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt (vgl. ebd.: 17). Die heteronormative Logik erzeugt in den Menschen den Druck, sich einem bestimmten Geschlecht und einer bestimmten sexuellen Orientierung zuzuordnen, wobei diese Zuord- nung klar hierarchisiert ist und ausschliesslich Heterosexualität der gesellschaftlichen Norm entspricht (vgl. ebd.). 3.2 Homosexualität als eine Form von sexueller Orientie- rung/Identität Bezüglich der Definition, was sexuelle Orientierung ist und ob die sexuelle Identität das gleiche oder ein Oberbegriff darstellt, respektive die Orientierung der Oberbegriff ist oder doch beides eigenständige Kategorien sind, scheiden sich die wissenschaftlichen Geister Bachelor Thesis Mirjam Dionne 17 (vgl. Rimml 2017: 17). Aufgrund deren weiten Verbreitung in der Fachliteratur, richtet sich diese Arbeit nach folgender Definition: "Die sexuelle Orientierung wird mehrheitlich in drei Dimensionen gemessen: Sexuelle Anziehung (romantische Gefühle), sexuelles Verhalten und sexuelle Identität (d.h. die Identifizierung mit seiner sexuellen Orientierung)." (Gesund- heitsförderung Schweiz 2017: 5) Die sexuelle Identität ist ein Teilaspekt unter vielen Facet- ten der persönlichen Identität (vgl. Watzlawik 2014: 1). Zu deren Entwicklungsprozess ge- hört in der Jugend, sich selbst darüber klar zu werden, wie die eigene Sexualität gelebt werden soll und die Definierung eigener Werte, wie das Sexualleben gestaltet werden soll (vgl. ebd.: 3). Die Erwartungen des sozialen Umfeldes sowie die pubertären Veränderungen nehmen dabei starken Einfluss (vgl. Watzlawik 2003: 30). Die sexuelle Identität bildet sich also nicht isoliert, sondern in sozialen und kulturellen Kontexten und dementsprechenden Herausforderungen (vgl. Cass 1996: 248). Im Kapitel 3.3.2 zur Sozialisation wird darauf vertiefter eingegangen. Die sexuelle Identität und damit auch das oder die Geschlechter, von denen sich eine Person angezogen fühlt, kann sich im Laufe des Lebens verändern (vgl. Kann et al. 2016: 2, Reitman et al. 2013: 507). Die Heterosexualität, also gegenge- schlechtliche Orientierung, wurde bereits im Kapitel 1.1 erwähnt. Bezüglich der homosexu- ellen Orientierung existieren eine Vielzahl von Bedeutungszuschreibungen und Definitio- nen (vgl. Friedmann 1993: 4). Das hervorgehobene Merkmal ist jedoch die gleichgeschlechtliche Partner*Innenwahl (vgl. Brunner/Schweizer 2016: 3). Aufgrund der Heteronormativität der Gesellschaft führt eine homosexuelle Identität zur Abgrenzung von der Mehrheit und der Zuordnung zum Terminus sexuelle Minderheit (vgl. ebd.). Im deut- schen Sprachraum ist für Männer bezüglich Homosexualität der Begriff schwul und für Frauen lesbisch verbreitet (vgl. Jagiella/Albarzawi 2020: o.S.). Der Begriff Bisexualität be- deutet eine gegen- und gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung (vgl. regenbogenpor- tal.de o.J.: o.S.). Auf weitere sexuelle Orientierungen, respektive Identitäten, wird in der vorliegenden Arbeit nicht eingegangen. 3.2.1 Homosexualität in der Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert Obwohl Homosexualität in sämtlichen Gesellschaften gegenwärtig ist und war, entwickelte sich die Vorstellung, Homo- und Heterosexualität zu definieren wie auch voneinander ab- zugrenzen und damit Menschen bezüglich ihrem Sexualverhalten zu kategorisieren, in der Medizin erst im 19. Jahrhundert (vgl. Herek/Garnets 2007: 355, Plummer 1992: 9). Darauf- folgend entstand eine beispiellose Pathologisierung der männlichen Homosexualität, wel- che sich an dieser Stelle aufgrund der Kürze dieser Arbeit nur unter folgenden Stichpunkten erwähnen lassen: Kriminalisierung, Homosexualität als psychische Krankheit, Herleitung von Kausalität zwischen männlicher Homosexualität und Pädophilie, "Heilungsversuche" mittels Medikamenten oder medizinischen Eingriffen bis hin zur Kastration und der Bachelor Thesis Mirjam Dionne 18 Ermordung von homosexuellen Männern im Zuge der Rassenhygiene zur Nationalsozialis- tischen Zeit (vgl. Mildenberger 2008: 81-102). Erst im Jahre 1973/74 wurde die Homosexu- alität aus dem Katalog der psychischen Erkrankungen der American Psychiatric Associa- tion gestrichen, was auch Folgen im europäischen Diskurs zeigte. Dennoch blieben gesellschaftliche Vorurteile bestehen (vgl. ebd.: 102). Die frühen 80er Jahre brachten ein neues Thema im Zusammenhang mit männlicher Homosexualität hervor: AIDS, eine Krank- heit die vom HI-Virus (HIV) ausgelöst wird (vgl. Rimml 2017: 117). Im Jahr 1981 wurde zum ersten Mal ein AIDS-Fall in den USA dokumentiert und von den Medien zum Ausgangs- punkt einer Krankheit, die ausschliesslich homosexuelle Männer betraf, gemacht (vgl. ebd.: 116f.). Unter dem Deckmantel von gesellschaftlichen Moralvorstellungen wurde AIDS als eine gerechtfertigte Strafe für homosexuelle Männer betrachtet und Erkrankte wie auch HIV-Infizierte wurden stigmatisiert (vgl. Rimml 2017: 116f.). Davor jedoch fand mit dem Stonewall-Aufstand in New York 1969, respektive dem Aufbau der Emanzipationsbewe- gung von Schwulen und Lesben im darauffolgenden Jahr, der aktive Widerstand gegen die Stigmatisierung in der Gesellschaft ihren Anfang. Diese Emanzipationsbewegung existiert in vielfältigen Formen bis heute (vgl. queer.de 2020: o.S.). An dieser Stelle wird auf die Bewältigungsstrategien in Bezug auf Stigmata im Kapitel 2.3 verwiesen: Der Bildung von Kollektiven. Sie können einen grossen Einfluss darauf ausüben, gesellschaftliche Stigmata abzubauen. 3.2.2 Homosexualität im Verlauf der Sozialisation Kinder und Jugendliche nehmen bereits früh in ihrem Leben ihre Gefühle bezüglich einer gleichgeschlechtlichen Orientierung wahr (vgl. Kugler/Nordt 2015: 207, Häusermann 2014: o.S.). Aufgrund von Angst bezüglich Ablehnung und Ausgrenzung geben sie ihre Gefühle jedoch häufig lange nicht preis, da für sie die Erwartungen seitens der diversen Erziehungs- instanzen, wie Eltern, Schule und Freizeitinstitutionen, bezüglich dem, was als Lebensform sozial erwünscht ist, eine zentrale Rolle spielen. Durch eine heteronormativ geprägte Sozi- alisation wird vermittelt, dass die Welt hauptsächlich zwei Geschlechter kennt und diesen darüber hinaus divergierende Rollenerwartungen zugrunde liegen. Beispielsweise sind die Gestaltung von Schulbüchern, Spielen und Kinderfilmen heteronormativ geprägt (vgl. ebd.: 208, Häusermann 2014: o.S.). Demnach wird im Sozialisationsprozesses eine eindeutige, gesellschaftlich und kulturell geprägte Wertung vermittelt, dass Heterosexualität als er- wünschte sexuelle Orientierung gilt und folglich Homosexualität unerwünscht ist (vgl. Rimml 2017: 6). Aufgrund dessen, dass Homosexualität von der Heteronormativität abweicht, fin- det im Leben von homosexuellen Menschen ein Coming-Out Prozess statt. Dieser Pro- zess umfasst ein inneres Coming-Out, wenn sie sich ihrer sexuellen Orientierung bewusst werden und das äussere Coming-Out, falls sie ihre soziale Umwelt darüber unterrichten Bachelor Thesis Mirjam Dionne 19 (vgl. Anglowski 2000: 33, Watzlawik 2003: 46). Das Coming-Out ist eine äusserst markante Station im Leben von homosexuellen Menschen (vgl. Rauchfleisch 2011: 76). Einerseits umfasst es den Punkt des bewussten Erkennens der eigenen sexuellen Präferenzen, also einen Vorgang, welcher innerpsychisch stattfindet und zur Gewissheit führt, schwul oder lesbisch zu sein. Andererseits gehört eine soziale Dimension dazu, es wird entschieden, wie damit in der Gesellschaft umgegangen werden soll (vgl. ebd.). Diese beiden Dimensi- onen bedingen einander: Ist sich das Individuum bewusst und sicher über seine sexuelle Orientierung, erst dann gelingt das Ausleben und Vertreten eines selbstbestimmten Le- bensstils in der Gesellschaft, was zu einer homosexuellen Identität führt. Gleichzeitig festigt ein selbstbestimmter Lebensstil die homosexuelle Identität als Teil der eigenen Identität (vgl. ebd.: 73). 3.3 Diskriminierung Welche Auswirkungen heteronormative Sozialisation auf gleichgeschlechtlich orientierte Jugendliche haben kann wird folgend behandelt. Dem schliessen sich Zahlen und Fakten zur Diskriminierung sexueller Minderheiten und deren Auswirkungen an. Die Homophobie, mit deren möglichen Ursachen eine Verbindung mit den Funktionen und Ursachen von Stig- matisierungsprozessen hergestellt wird, sowie die internalisierte Homophobie werden er- läutert. Das Minority-Stress-Modell von Meyer (2003) wird vorgestellt, welches einen kon- zeptuellen Rahmen darstellt, um abzubilden, wie verschiedene Stressfaktoren bei sexuellen Minderheiten zusammenwirken können. Die Ausführungen zur häuslichen Ge- walt zeigen schliesslich exemplarisch die Verknüpfungen einer heteronormativen Gesell- schaft und den darin erlernten Schemata, wie Situationen betrachtet und darauf reagiert wird. Ein wahrscheinlich häufiges Phänomen erhält aufgrund dessen wenig Beachtung und Betroffene kaum Unterstützung. Oft werden Jugendliche, die sexuellen Minderheiten angehören, in ihrer eigenen Familie mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert, vermehrter noch im Bildungskontext (vgl. Kugler/Nordt 2015: 208). In der Schule erfahren sie Mobbing durch ihre Mitschüler*innen, zudem kaum Unterstützung der Lehrpersonen und Diskriminierung seitens des Schulper- sonals (vgl. Schmidt 2014: 259). Nachfolgend wird auf die Studie der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA 2020) eingegangen, da davon ausgegangen wird, dass in der Schweiz Jugendliche, die von der Heteronormativität abweichen mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind (vgl. Gesundheitsförderung Schweiz 2017: 2). Laut der FRA-Studie (2020: 38) wurden insgesamt 47% aller Befragten zwischen 15 und 17 Jahren bezüglich ihrer sexuellen Orientierung belästigt. Oftmals fand dies im Bildungsbereich statt (vgl. FRA 2020: 42). Negative Erlebnisse mit der sozialen Umwelt sowie der Widerspruch Bachelor Thesis Mirjam Dionne 20 zwischen erlernten Moralvorstellungen und persönlichen Gefühlen und Bedürfnissen, füh- ren bei homo- und bisexuellen Jugendlichen häufig zu erhöhten psychosozialen Belastun- gen (vgl. Kugler/Nordt 2015: 209, Kann et al. 2016: 1). Stronski Huwiler (2013: 17) schreibt: "Psychosoziale Probleme wie Isolation, Depression, Suizid, Missbrauch psychotroper Sub- stanzen sind mögliche Folgen." Diskriminierung findet für Angehörige sexueller Minderheiten in einer Vielzahl von Lebens- bereichen statt. Insgesamt 43% der Befragten der FRA-Studie (2020:10) gaben an, sich in allen Lebensbereichen, welche aufgelistet wurden - so zum Beispiel am Arbeitsplatz, im Freizeitbereich, in Bildungsinstitutionen oder auch im Gesundheitswesen – diskriminiert ge- fühlt zu haben. Diese Zahlen haben sich seit 2012 verschlechtert (vgl. ebd.). Diskriminie- rung von sexuellen Minderheiten führt, wie dies in Bezug auf die Jugendlichen genannt wurde, auch bei Erwachsenen zu einer höheren Prävalenz von Depressionen und Suizid- versuchen. Mehrere Studien in der Schweiz zur Gesundheit von homo- und bisexuellen Menschen haben dies bestätigt (vgl. Wang et al. 2012: 983). Auch konnte ein Zusammen- hang beobachtet werden zwischen gesundheitlich risikoreichen Verhalten, nicht nur bei Ju- gendlichen (vgl. Kann et al. 2016: 1), sondern auch bei Erwachsenen (vgl. Chaudoir/Fisher 2017: 5-9). So gelten homo- und bisexuelle Männer als gefährdete Gruppe in Bezug auf hohen Drogenkonsum, was an sich bereits ein gesundheitlicher Risikofaktor ist. Damit ein- her geht jedoch ein mangelhaftes Schutzverhalten bezüglich einer Infektion mit HIV oder einer anderen STI (vgl. Deimel et al. 2016: o.S.). Chaudoir und Fisher (2017: 9) bringen ungeschützten Sex nicht zwingend mit Drogenkonsum in Zusammenhang, eher können anhaltende Diskriminierung- und Marginalisierungserfahrungen dazu führen, dass situative Selbstregulierungsprozesse im Hinblick auf das Risikoverhalten eingeschränkt werden. 3.3.1 Homophobie Eine Schweizer Umfrage die 2019 publiziert wurde, zeigt die Einstellung von 2111 zufällig befragten Personen bezüglich Homosexualität (vgl. Baier 2019: 87). Gegen eine Ehe für homosexuelle Paare sprechen sich über 50% aus und homophobe Einstellungen vertreten mehr als 20% der Befragten der Stichprobe (vgl. Baier 2019: 75). Homophobie wird um- schrieben mit "(…) der irrationalen Furcht vor oder Feindseligkeit gegenüber Homosexuel- len, die sich in mangelnder Unterstützung, Diskriminierung bis zur Gewaltanwendung zei- gen kann." (Stronski Huwiler 2013: 18) Ausserdem wird sie nicht mehr als tatsächliche Angst verortet, sondern vermehrt im Kontext der Marginalisierung und Stigmatisierung von Homosexuellen in der Gesellschaft verwendet (vgl. Plummer 1992: 19). Bachelor Thesis Mirjam Dionne 21 Eine Vielzahl an möglichen Begründungen für homophobe Einstellungen sind fachlich dis- kutiert worden (vgl. Rauchfleisch 2011: 159). Darunter finden sich verwandte Hypothesen wie diejenigen im Kapitel 2.2.1 bezüglich der Funktionen und Ursachen von Stigmata. Angst ist eine der zentralsten Hypothesen, warum Menschen negativ auf Homosexualität reagie- ren (vgl. Rauchfleisch 2011: 159). Diese kann unter mehreren Faktoren verortet werden, einer davon ist die konsequente Ablehnung der eigenen Homosexualität einhergehend mit einer heterosexuellen Lebensführung. Homophobie kann auftreten, wenn Personen ihre eigenen negativ eingestuften Wünsche und Bedürfnisse, die sie nicht ausleben, auf dieje- nigen projizieren, die diese befriedigen (vgl. ebd. 161). Hier kann die Stigma-Funktion er- kannt werden, die dem Individuum dazu dient, das potentiell gefährdete Gleichgewicht be- züglich der Identität herzustellen, da die Stigmatisierten an eigene Abweichungsgelüste erinnern (vgl. Hohmeier 1975: o.S.). Homophobie kann begründet werden mit der Angst im Zuge der Infragestellung von gesellschaftlichen Normvorstellungen, wie die Struktur der traditionellen Familie und der hegemonialen Geschlechterordnung (vgl. ebd.: 163-172). Diese Hypothese weist mit der Stigma-Forschung von Crocker et al. (1998: 508) Gemein- samkeiten auf: Das eigene Weltbild muss durch Ausgrenzung und Diskriminierung Abwei- chender, also Homosexuellen, wieder in Ordnung gebracht werden. Eine der vermuteten Funktionen von Stigmatisierungsprozessen ist, dass damit das bestehende System stabili- siert wird und auch die Herrschaftsverhältnisse der Gesellschaft gefestigt werden (vgl. Hohmeier 1975: o.S.). Daraus kann abgeleitet werden, dass Homophobie dazu beiträgt, heteronormative Vorstellungen der Gesellschaft und damit die Vormachtstellung des hete- rosexuellen Mannes zu stärken. Zudem sind homosexuelle Männer in der Minderheit und oft dienen diese als Zielscheibe zum Abbau von Aggressionen (vgl. Rauchfleisch 2011: 173). Auch damit erfolgt eine Systemstabilisierung, Wut und Aggression können mittels ei- ner Ausgrenzung und Stigmatisierung von Homosexuellen, und damit der Homophobie, abreagiert werden (vgl. Hohmeier 1975: o. S.). Plummer (1992: 18) hält fest, dass sich homophobe Einstellungen im Kontext innerhalb sowie zwischen Gesellschaften und Indivi- duen ändern. Wie bereits im Unterkapitel 2.2 erwähnt wurde, unterliegen auch Stigmatisie- rungsprozesse den kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen und können sich somit im Laufe der Zeit wandeln (vgl. Tröster 2008: 141). 3.3.2 Internalisierte Homophobie Die internalisierte Homophobie ist eine Form von Selbststigmatisierung bei homosexuellen Menschen, wie sie bereits im Kapitel 2.2.2 ausgeführt wurde (vgl. Newcomb/Mustanski 2010: 1020). Die internalisierte Homophobie umfasst nicht nur die negativen Gefühle ge- genüber der eigenen sexuellen Orientierung, sondern auch das Unbehagen, sich dazu öf- fentlich zu bekennen. Zudem grenzen sich Betroffene gegenüber anderen Homosexuellen Bachelor Thesis Mirjam Dionne 22 ab und empfinden unangenehme Gefühle bezüglich gleichgeschlechtlicher Aktivitäten. Un- ter internalisierter Homophobie leidet der Selbstwert und Selbstverachtung kann eine Folge sein (vgl. ebd.). Die Auswirkungen von internalisierter Homophobie können Drogenkonsum, Depressionen, soziale Isolation bis hin zu suizidalen Handlungen sein (vgl. Stronski Huwiler 2013: 18). 3.3.3 Rechtliche Diskriminierung in der Schweiz Seit dem 1. Januar 2007 ist das Bundesgesetz über die gleichgeschlechtliche Partnerschaft (PartG) in Kraft getreten. Damit wurde es möglich, dass gleichgeschlechtliche Paare sich beim Zivilstandesamt eintragen lassen können. Bezüglich Steuern, Erbrecht, Sozialversi- cherungen, beruflicher Vorsorge und ausländerrechtlichen Regelungen wurde eine Gleich- stellung der eingetragenen Partnerschaft im Vergleich mit der Ehe erreicht. Jedoch bestan- den noch erhebliche Diskrepanzen: So war die Adoption, auch diejenige von Stiefkindern, verboten, ebenso wurden medizinische Fortpflanzungsverfahren und bei binationalen Paa- ren die erleichterte Einbürgerung nicht gestattet (vgl. Grohsmann/Hausammann/Vinogra- dova 2014: 16). Nun ist es gleichgeschlechtlichen Paaren seit dem 1. Januar 2018 erlaubt, Stiefkinder zu adoptieren. So können also die Kinder einer der beiden Parteien adoptiert werden, falls der zweite leibliche Elternteil sich einverstanden erklärt, nicht bekannt oder verstorben ist (vgl. humanrights.ch 2017: o.S.). Bis heute bestehen die Ungleichheiten be- züglich der erleichterten Einbürgerungen in binationalen Partnerschaften und Adoption ist nur bei leiblichen Kindern einer der Parteien der eingetragenen Partnerschaft erlaubt. Glei- ches gilt bezüglich der Hinterlassenenrente bei lesbischen Paaren, dort wird die Partnerin nicht gleichbehandelt wie verheiratete Frauen. Auch erhalten lesbische Paare keinen Zu- gang zu Samenspenden. Dies soll mit der "Ehe für alle" geändert werden (vgl. Pink Cross 2021: o.S.). Seit einiger Zeit wird dazu eine parlamentarische Initiative verhandelt, die Ende 2020 vom Parlament angenommen wurde. Im Moment sammeln rechtskonservative Kräfte die erforderlichen Unterschriften für ein Referendum. Gelingt es diesem Komitee 50'000 Unterschriften zu sammeln, so kommt es zu einer Volksabstimmung über das Gesetz (vgl. ebd.) 3.3.4 Minority-Stress-Modell Stigmatisierung und Diskriminierung schaffen ein derart negatives und feindliches gesell- schaftliches Klima, dass es zu erhöhten Stressfaktoren für Menschen, die sexuellen Min- derheiten angehören, führen kann (vgl. Meyer 2003: 674). Stress im Allgemeinen ist jegli- cher Zustand, der das Potenzial aufweist, Anpassungsleistungen der davon betroffenen Person zu fordern (vgl. Pearlin 1999: 163). Sozialer Stress, ergänzt Meyer (2003: 675), sind Stressquellen, die mit gesellschaftlichen Bedingungen einhergehen und sich negativ auf die psychische und/oder physische Gesundheit der Betroffenen auswirken können. Bachelor Thesis Mirjam Dionne 23 Minderheitenstress entsteht aus den Nachteilen, welche Betroffene aufgrund deren Posi- tion im sozialen Gefüge erfahren (vgl. ebd.). Meyer (2003: 647) gelang es mit dem Minority- Stress-Modell, den Zusammenhang zwischen Homosexualität und einer erhöhten Prä- valenz bezüglich Depressionen abzubilden. Meyer (2003: 676) unterscheidet in seinem Modell zwei Ebenen von Stressoren. Distale Stressfaktoren sind objektive Ereignisse und Bedingungen, wie Stigmatisierungs-, Diskri- minierungs- und Gewalterfahrungen. Die proximalen Stressfaktoren sind subjektive, indivi- duelle Prozesse, welche auf persönlichen Einschätzungen und Eindrücken beruhen, wie die Erwartungshaltung, dass die beschriebenen Ereignisse eintreffen könnten. Sie können also je nach Person erheblich variieren. Die beiden letzten proximalen Stressfaktoren sind die Verinnerlichung von negativen Vorurteilen der Gesellschaft, also internalisierte Homo- phobie und das Verbergen der sexuellen Orientierung. Minderheitsstressprozesse be- schreibt Meyer (2003: 676) als Resultat eines Kontinuums von diesen distalen und proxi- malen Faktoren. Objektive, also distale Stressoren können unabhängig der persönlichen Zuordnung zu einem Minderheitenstatus wirken: So kann ein Mann, der sich nicht als schwul identifiziert, aber mit einem anderen Mann eine intime Beziehung führt, in der Ge- sellschaft als homosexuell betrachtet werden. Daher können Stressoren auf ihn wirken, die mit den negativen Einstellungen der Gesellschaft gegenüber Homosexualität verbunden sind (vgl. ebd.: 676). Die proximalen Stressfaktoren jedoch sind direkt mit der Person ver- bunden. Sie sind subjektiv und hängen eng mit der Selbstidentifikation bezüglich der sexu- ellen Orientierung zusammen. Diese Identifikation mit der eigenen Homo- oder Bisexualität unterscheidet sich bezüglich der sozialen und individuellen Bedeutungen, welche damit ein- hergehen und dem subjektiven Stress, den diese Bedeutungen je nach Individuum auslö- sen (vgl. ebd. 676f.). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Minderheitenstress einzigartig ist in seiner Form und er addiert sich auf allgemeine Stressfaktoren, mit denen alle Individuen umzugehen haben (vgl. Meyer 2003: 676). Minderheitenstress zeigt sich nicht nur akut, wie bei einem erlebten Vorfall von Diskriminierung, sondern vor allem chronisch, weil er mit relativ gefestigten gesellschaftlichen Strukturen zusammenhängt. Weiter basiert Minderhei- tenstress auf sozialen Prozessen, Strukturen und Institutionen (vgl. ebd.). Meyer (2003: 674) resümiert, dass diese Stressfaktoren die Vulnerabilität von sexuellen Minderheiten be- züglich psychischer Erkrankungen erhöhen. Auch hier wird festgehalten, wie dies bereits in den Unterkapiteln 2.3 und 3.2.1 aufgeführt wurde, dass die soziale Eingebundenheit eines betroffenen Menschen in ein Kollektiv, das seine Erfahrungen teilt, durch die damit einher- gehenden Gruppenressourcen einen positiven Einfluss auf seine Stressresistenz haben Bachelor Thesis Mirjam Dionne 24 kann (vgl. Meyer 2003: 677f.). Wichtig ist zudem, so Meyer (2003: 690), dass Angehörige sexueller Minderheiten keinesfalls als homogene Gruppe betrachtet werden sollten. Die Reaktionen auf die beschriebenen Stressfaktoren sind so verschieden wie die davon be- troffenen Menschen (vgl. ebd.). 3.3.5 Ein blinder Fleck als Beispiel für die Vielschichtigkeit von Diskri- minierung Am Beispiel von häuslicher Gewalt in männlichen Paarbeziehungen wird aufgezeigt, wie sich Diskriminierung und Heteronormativität durch ein ganzes Phänomen ziehen und be- trächtliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können. Häusliche Gewalt ist ein "(…) gewaltvolles, nicht-einvernehmliches Handeln zwischen mindestens zwei Personen, die sich in Beziehungsformen begegnen." (Gabriel/Lippl/Rüger 2018: 6) Sie muss sich nicht unbedingt in physischer Gewaltanwendung zeigen, sondern umfasst auch psychische Ge- walt (vgl. ebd.). Häusliche Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen ist in der For- schung erst seit kurzer Zeit präsent aufgrund der so weit verbreiteten, wie falschen An- nahme, dass sie nahezu ausschliesslich in heterosexuellen Paarbeziehungen, mit dem Muster männlicher Täter und weibliches Opfer, stattfindet (vgl. Buntin 2015: 686). Damit haben heteronormative Denkschemata verhindert, dass dieses Phänomen fokussiert wurde. Ausserdem führen diese Denkschemata dazu, dass gleichgeschlechtliche Gewalt oft verborgen bleibt, da die Gesellschaft und auch staatliche Instanzen wie die Polizei, ge- schlechtsspezifische Gewalt erwarten und inadäquat reagieren. Es erstaunt demnach nicht, dass Opfer grosse Mühe bekunden, sich diesbezüglich zu öffnen und anzuvertrauen. Un- terstützungsangebote sind meist auf Frauen ausgerichtet. Für Männer findet sich kaum spezialisierte professionelle Hilfe (vgl. ebd.). Jedoch gerade in männlichen Paarbeziehun- gen ist häusliche Gewalt ein grosses Thema (vgl. Gabriel et al. 2018: 4). Zur Begründung dessen existieren zwei Hypothesen, welche auch gleichzeitig auftreten können. Erstens können geschlechtstypische gesellschaftliche Rollenbilder bei schwulen Männern in der Beziehung gelebt, respektive ausgedrückt werden. Diejenige Person, welche als schwä- chere und somit mehr "weiblichere" Person gilt, wird durch die stärkere, also "männlichere", Person mittels häuslicher Gewalt herabgewürdigt (vgl. ebd.: 6). Die zweite Hypothese be- trifft die idealisierten gesellschaftlichen Vorstellungen der Vormachtstellung des männlichen Geschlechts, also eines weiteren Aspektes der Heteronormativität. Die Verinnerlichung die- ser Vorstellungen kann zu einer Selbstabwertung, also internalisierter Homophobie führen, die sich wiederum am Partner entladen kann (vgl. ebd.: 6f.). Es wird somit auch bezüglich der gewalttätigen Akteure angenommen, dass heteronormative Denkmuster und verinner- lichte Bilder, was als männlich gilt, einen grossen Einfluss darauf haben, dass Gewalt aus- geübt wird. Internalisierte Homophobie wiederum spiegelt, wie dies ausgeführt wurde, die Bachelor Thesis Mirjam Dionne 25 negativen Vorurteile und Stigmatisierungen der Gesellschaft wider. Dies führt zur Ableh- nung der eigenen sexuellen Orientierung, was zu Aggressionen dem Partner gegenüber führen kann. Diese Stressoren summieren sich auf den vorgängig beschriebenen Minder- heitenstress und erhöhen damit den Stresslevel der betroffenen Personen beträchtlich (vgl. Gabriel et al. 2018: 6-8). Genaue Zahlen dazu sind nicht bekannt, es wird jedoch davon ausgegangen, dass aufgrund des Minderheitenstatus homosexueller Männer, häusliche Gewalt einem doppelten Tabu unterliegt: Dem Stigma Homosexualität und demjenigen, in einer gewaltvollen Beziehung zu leben. Diese zweifache Abwertung kann dazu führen, we- der Unterstützung zu holen noch häusliche Gewalt zu melden (vgl. Gabriel et al. 2018: 4). Also kann auch in Bezug auf die Unterstützung für die Opfer der Gewalt Auswirkungen von Stigmatisierung und damit Diskriminierung verortet werden. Es wird davon ausgegangen, dass das Ausmass von häuslicher Gewalt in männlichen Paarbeziehungen unterschätzt wird und die Dunkelziffer um einiges höher ausfällt als die gemeldeten Vorfälle (vgl. ebd.: 5). 4 Männliche Sexarbeit Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit der Lebenslage und der Arbeitssituation der Sexarbeiter. Dazu werden allgemeine Informationen zur Sexarbeit und zum Sexgewerbe in der Schweiz zusammengefasst und die Gesetze und Verordnungen diesbezüglich betrach- tet. Es folgt ein Überblick darüber, wie und mit welchen Begründungen die Wandlung der wissenschaftlichen Perspektiven auf die männliche Sexarbeit seit dem 19. Jahrhundert voll- zogen wurde. Die Arbeitsbedingung und die Lebenslage der Sexarbeiter werden dargelegt. Der Fokus liegt dabei auf verschiedenen Aspekten, wie den diversen Kontexten der Kon- taktanbahnung, der sexuellen Orientierung der Sexarbeiter und die Gründe, warum sie in der Sexarbeit tätig sind. Auch die Kundenseite wird thematisiert. Das Kapitel schliesst mit den diversen gesundheitlichen Risiken, die mit einem Engagement in der Sexarbeit einher- gehen. 4.1 Sexarbeit/Sexgewerbe und die rechtliche Situation in der Schweiz Unter Sexarbeit wird im Schweizerischen Strafrecht folgendes verstanden: Das "(…) gele- gentliche oder gewerbsmässige Anbieten und Preisgeben des eigenen Körpers an belie- bige Personen zu deren sexueller Befriedigung gegen Geld oder geldwerte Leistungen (…)" (Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartement 2015: 11). Wichtig bei dieser Definition ist deren Abgrenzung vom Menschenhandel, welche durch den Wortlaut "Involviertheit des eigenen Körpers" und nicht "Verkauf des Körpers" vollzogen wird (vgl. ebd.). Mit was Bachelor Thesis Mirjam Dionne 26 gehandelt wird ist also nicht die Person an sich, sondern die Dienstleistung (vgl. FIZ 2017: 1). Menschenhandel ist ein Straftatbestand und Sexarbeit, zumindest in der Schweiz, eine legale Erwerbsarbeit. Auch wird aufgezeigt, dass Sexarbeit entweder als Haupteinnahme- quelle dienen kann oder nur gelegentlich ausgeübt wird. Genaue Daten zum Sexgewerbe in der Schweiz sind nicht bekannt, jedoch wird von einem kontinuierlichen Wachstum aus- gegangen (vgl. Le Breton 2011: 48). Schätzungen besagen, dass im schweizerischen Sex- gewerbe, von dem nicht nur Sexarbeiter*innen, sondern auch Anwält*innen, Agenturen, Immobilienbesitzer*innen, Taxifahrer*innen, Geschäftsinhaber*innen usw. leben, ein Jah- resumsatz von einer halben bis zu einer Milliarden Franken erwirtschaftet wird, wovon nur der kleinste Teil an die Sexarbeiter*innen geht (vgl. FIZ 2017: 2). Wie mit Sexarbeit gesellschaftlich umgegangen wird, hat sich im Laufe der Zeit verändert, was auch im Recht abgebildet ist. In den so populären wie gegensätzlichen Systemen be- züglich der Regelungen der Sexarbeit in Europa, werden Sexarbeiter*innen heutzutage entweder als autonome Erwerbstätige betrachtet oder im Kontext gesellschaftlicher Miss- stände als Opfer dargestellt (vgl. Schultheiss 2017: 37). Die Legalisierung der weiblichen Sexarbeit erfolgte in der Schweiz 1942, die männliche Sexarbeit war bis zu einer Straf- rechtsreform im Jahre 1991 verboten (vgl. Walser 2013: o.S.). Allgemein gilt, dass wer in der Sexarbeit tätig sein will, mindestens 18jährig sein muss. Wer aus dem Ausland stammt, muss zusätzlich diverse ausländerrechtliche Vorschriften einhalten, so benötigen diese Sexarbeiter*innen eine Niederlassung- oder Aufenthaltsbewilligung, respektive eine Ar- beitsbewilligung (vgl. Suter/Muñoz 2015: 113). Das Sexgewerbe wird in der Schweiz auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene geregelt (vgl. Koller 2017: 27). Der Bund kann grundsätzlich Regelungen zur Ausübung von Sexar- beit erlassen, macht er dies jedoch nicht umfassend, so obliegt es den einzelnen Kantonen, diese selbst zu gestalten. Einzig dürfen diese dem Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit der Bundesverfassung nicht widersprechen und Sexarbeit nicht verbieten (vgl. Simmler/Biber- stein 2017: 14). Auf Bundesebene sind Regelungen zur Sexarbeit im Strafrecht, Auslän- derrecht, Sozial- und Steuerrecht, sowie im Vertragsrecht festgehalten (vgl. Reinschmidt 2016: 24). Da es zurzeit kein Bundesgesetz darüber gibt, unter welchen Bedingungen und örtlicher wie auch zeitlicher Beschränkung die Sexarbeit ausgeübt werden darf, regeln dies die jeweiligen Kantone und können auch Kompetenzen den Gemeinden abgeben (vgl. Reinschmidt 2016: 24, 32). Besonders im Fokus ist bei den Verordnungen und Gesetzen die Einhaltung der öffentlichen Ordnung, Sicherheit und Ruhe (vgl. Koller 2017: 14). Diese Regelungen betreffen beispielsweise Bordelle, welche unter eine Genehmigungspflicht ge- stellt werden, Registrierungen von Sexarbeiter*innen und Kontrollen ihrer gesundheitlichen Bachelor Thesis Mirjam Dionne 27 Verfassung (vgl. Dabek 2009: 66). Mehrere Kantone, darunter beispielsweise Bern, Tessin und Freiburg, haben Gesetze zur Regulierung der Sexarbeit erlassen, weitere Kantone wie auch Städte haben Regelungen in ihren Gesetzen festgehalten (vgl. Schwander 2015: 206). Die erheblichen Einschränkungen der Sexarbeit sind auffällig, Koller (2017: 23) bezeichnet diese als versteckte Repression. Beispielsweise darf im Kanton Zürich in Gebieten mit mehr als 50% Wohnanteil keine Räumlichkeit zur Sexarbeit benutzt werden (vgl. Koller 2017: 23, 25, FIZ 2013: 3). Eigentlich ist für maximal zwei Sexarbeiter*innen in Zürich die Ausübung ihrer Arbeit in einer Wohnung erlaubt, es muss jedoch eine Baubewilligung vorliegen, wel- che beispielsweise in der Zürcher Innenstadt aufgrund der vorgängig genannten Vorschrift nicht erteilt wird (vgl. Reinschmidt 2016: 40). Zudem wird festgestellt, dass kein anderes Gewerbe einer derart präventiven Kontrolle unterworfen wird (vgl. Koller 2017: 26). Das Obligationenrecht weist eine weitere Benachteiligung von Sexarbeiter*innen auf. Ver- träge zwischen Sexarbeiter*innen und ihrer Kundschaft werden als sittenwidrig eingestuft (vgl. Schultheiss 2017: 36). Sie sind also nichtig, was konkret bedeutet, werden Sexarbei- ter*innen für die erbrachte Dienstleistung nicht bezahlt, können sie ihren Lohn auch nicht einklagen (vgl. Schwander 2015: 205). Ebenso stellen sich schwierige Fragen zum vertrag- lichen Verhältnis von angestellten Sexarbeiter*innen und ihren Vorgesetzten hinsichtlich deren Weisungsrecht. Aufgrund des Selbstbestimmungsrechts der Sexarbeiter*innen ist dies eine komplexe Angelegenheit und noch stets umstritten betreffend Zulässigkeit eines solchen Arbeitsverhältnisses (vgl. Schultheiss 2017: 36). Bei der Anwendung des Freizü- gigkeitsabkommens in Bezug auf Angehörige der EU/EFTA Staaten erhalten zudem kan- tonale Behörden einen derart grossen Handlungsspielraum, dass die jeweiligen Praktiken für die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen für Sexarbeiter*innen eine grosse kantonale Varianz aufweisen (vgl. Koller 2017: 17, Reinschmidt 2016: 31). Zudem führen bei Perso- nen aus den sogenannten Drittstaaten rigide ausländerrechtliche Bestimmungen dazu, dass sie häufig über keine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung verfügen und damit illegal in der Sexarbeit tätig sind. Aus Drittstaaten darf zum Zweck der Ausübung von Sexarbeit gar nicht eingereist werden (vgl. Le Breton 2011: 55). Hürlimann (2004: 152f.) schreibt dazu: "Wer sich prostituiert, gilt in der Schweiz als unerwünschter Ausländer, über den oder die eine Einreisesperre verhängt werden darf." Ausländische Sexarbeiter*innen werden durch solche und weitere Bestimmungen ungleich behandelt (vgl. Schultheiss 2017: 37). Diese Ausführungen liefern Anhaltspunkte dazu, warum Koller (2017: 23) auch im Ausländerrecht repressive Tendenzen gegenüber Sexarbeiter*innen ausmacht. In manchen Bereichen je- doch wird die Sexarbeit wie andere Erwerbsarbeit behandelt. Der Verdienst aus der Bachelor Thesis Mirjam Dionne 28 Sexarbeit gilt als Erwerbseinkommen und unterliegt der Anwendung des Sozialversiche- rungsrechts, Sexarbeiter*innen sind also sozialversichert (vgl. ebd.: 29). Abschliessend muss festgehalten werden, dass der rechtliche Umgang und die Ausgestaltung der schwei- zerischen Rechtsordnung ein erhebliches Mass an Widersprüchen aufweisen. Darin kön- nen "(…) Ausdrücke überwunden geglaubter Wertungshaltungen (…)" festgestellt werden (Schultheiss 2017: 36). Einerseits die Ausgestaltung der verschiedenen Rechtsgebiete, welche Einfluss auf das Sexgewerbe haben und dass andererseits Bund, Kantone und Ge- meinden Kompetenzen haben, bringen grosse regionale Ungleichheiten bis hin zur Diskri- minierung für das Sexgewerbe in der Schweiz mit sich (vgl. Koller 2017: 27, Reinschmidt 2016: 31). 4.2 Heranführung an das Thema männliche Sexarbeit Die Betrachtungsweise der Sexarbeit in der vorliegenden Arbeit, wie auch deren Begrün- dung, wurden bereits in der Einleitung dargelegt. Gleichsam wird darauf erneut mittels der folgenden Definition von männlicher Sexarbeit hingewiesen: Minichiello et al. (2013: 263) definieren, dass die Sexarbeit ein Beruf ist, in welchem der Sexarbeiter im Austausch für eine gewisse Währung, sei diese monetär oder in einer anderen Form wie Nahrung, Schutz, Kleidung usw., sexuelle Dienstleistungen erbringt. Dieser Definition wird eine zentrale Be- deutung mit dem Fokus auf Stigmatisierungsprozesse beigemessen, was anschliessend bei der Wandlung der wissenschaftlichen Betrachtungsweisen von männlicher Sexarbeit seit dem 19. Jahrhundert deutlich zum Vorschein kommt. 4.2.1 Wandlung der wissenschaftlichen Betrachtungsweise Männliche Sexarbeiter waren lange Zeit weniger im Fokus der Wissenschaft als die weibli- chen (vgl. Scott/MacPhail/Minichiello 2015: 84). Sie war jedoch in vielen Gesellschaften stets präsent und zu bestimmten Zeiten war deren Population sogar relativ hoch, so im 18. Jahrhundert in europäischen Metropolen (vgl. ebd., Ryan 2019: 10). Wie bereits im Unter- kapitel 3.1 erläutert wurde, entstand erst im 19. Jahrhundert ein normatives Verständnis bezüglich weiblicher und männlicher Sexualität, das Homosexualität als anormal verortete (vgl. Scott 2003: 180, Logan 2017: 92). Die männliche Sexarbeit wurde ab diesem Zeitpunkt als Übertretung geschlechtsspezifischer Normvorstellungen betrachtet (vgl. Scott 2003: 180). Sie wurde als abweichendes und pathologisches Verhalten deklariert und stellte des- wegen ein Problem dar, weil sie mit Homosexualität in Verbindung gebracht wurde und nicht aufgrund deren transaktionalen2 Kontext (vgl. MacPhail/Scott/Minichiello 2015: 486). 2 Der Terminus "transaktional" oder auch "transaktionaler Sex" in Bezug auf Sexarbeit wird im Sinne von Pfister et al. (2008: 105) verwendet, er meint den Austausch von sexuellen Dienstleistungen gegen Geld oder andere Güter, wie eine Übernachtungsmöglichkeit, Drogen etc. Bachelor Thesis Mirjam Dionne 29 Aus der Betrachtungsweise, dass männliche Sexarbeit ein Minderheitenphänomen dar- stellte, das nur "Perverse" ausserhalb der Gesellschaft betraf, war die Forschung nicht be- sonders interessiert daran (vgl. Scott 2003: 181). Falls die Thematik dennoch im wissen- schaftlichen Kontext betrachtet wurde, wurden männliche Sexarbeiter über einen langen Zeitraum fast ausschliesslich als heterosexuelle, psychisch instabile, von Verzweiflung und materieller Not geprägte Opfer und ihre Kundschaft als pervers und abweichend konstruiert (vgl. Minichiello et al. 2013: 263, Scott et al. 2015: 84f., MacPhail et al. 2015: 485f.). Es kann jedoch festgestellt werden, dass durch diskursive und soziale Prozesse in den 1970er Jahren eine Liberalisierung der gesellschaftlichen Vorstellungen gegenüber Sexualität (siehe dazu auch Kapitel 3.2.1) und damit auch gegenüber der männlichen Sexarbeit statt- fand (vgl. MacPhail et al. 2015: 486). Mit dem Aufkommen von HIV/AIDS ergab sich ein Paradigmenwechsel in der Forschung, Sexarbeiter wurden zu einem Thema des öffentli- chen Gesundheitswesens (vgl. Scott et al. 2015: 85). Pfister et al. (2008: 105) verorten dieses Interesse unter der Prämisse, dass männliche Sexarbeiter als "(…) Vektoren der Verbreitung des HI-Virus in die heterosexuelle Bevölkerung (…)" betrachtet wurden. Diese Haltung veränderte sich jedoch, Sexarbeiter wurden vermehrt als vulnerable Gruppe in Be- zug auf HIV/AIDS aufgrund ihrer Arbeitstätigkeit betrachtet (vgl. ebd.). Forschung zur männlichen Sexarbeit konzentrierte sich nun unter anderem auch darauf, dass die Sexar- beit eine Erwerbsarbeit ist, deren intrinsische Motivation nicht einzig von Leid geprägt sein muss. Es wurde festgestellt, dass es vielzählige Begründungen zu dieser Arbeitswahl gibt und ebenso diverse Erfahrungen von Seiten der Sexarbeiter- wie von Kundenseite. Dem- nach auch unterschiedliche Kontexte von Ausbeutung und Viktimisierung bis zur Wahl- und Entscheidungsfreiheit (vgl. Scott et al. 2015: 85). Zudem haben die neuen Technologien und die Globalisierung zu einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung sowie einer grösseren Verbreitung der männlichen Sexarbeit beigetragen (vgl. MacPhail et al. 2015: 487). Das Internet machte möglich, ein grösseres Spektrum an potentieller Kundschaft zu erreichen, als dies davor mittels Annoncen in Zeitschriften und Zeitungen für Erwachsene möglich war (vgl. Scott et al. 2015: 88). Der erleichterte Zugang zur männlichen Sexarbeit unterstützte deren Normalisierung (vgl. MacPhail et al. 2015: 487). Gleichwohl wird Sexar- beit in verschiedenen Kontexten weiterhin diskursiv als kriminelle Aktivität oder als Ur- sprung von Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten problematisiert (vgl. ebd.: 486). 4.2.2 Schätzungen und Annahmen zur männlichen Sexarbeit heute Zur konkreten Anzahl männlicher Sexarbeiter fehlen Angaben, Schätzungen zufolge ma- chen sie weltweit etwa 10% aller in der Sexarbeit Beschäftigten aus. Obwohl dementspre- chend auch die Anzahl von Sexarbeitern mit Migrationshintergrund unbekannt ist, wird dies- bezüglich in der Literatur von einem massiven Anstieg in den vergangenen Jahren Bachelor Thesis Mirjam Dionne 30 gesprochen (vgl. Steffan et al. 2016: 6, 76, Trofimov 2020: 67). Dass es nur Schätzungen zur Population von Sexarbeitern gibt, lässt sich mit den erschwerten Forschungsbedingun- gen erklären: Aufgrund der Stigmatisierung der Sexarbeit geben Männer, die darin tätig sind, dies nicht gerne preis (vgl. Ryan 2019: 16). Aufgrund der besseren Sichtbarkeit und dem leichteren Zugang wurden mehr Daten zu denjenigen Sexarbeitern ermittelt, die ihre Kunden auf der Strasse anwerben. Sie machen jedoch nur etwa 10% des gesamten männ- lichen Sexgewerbes aus. So ist bedeutend weniger über die zahlreichere und kontinuierlich wachsende Population der Sexarbeiter bekannt, die im Indoor-Bereich arbeiten (vgl. Mi- nichiello et al. 2013: 264). In Australien gaben von mehr als 10'000 befragten homo- oder bisexuellen Männern 16% an, bereits in der Sexarbeit tätig gewesen zu sein (vgl. Scott et al. 2015: 81). Laut Logan (2017: 172) gibt es Hinweise darauf, dass in den gesamten USA unter den homo- und bisexuellen Männern nahezu die Hälfte entweder bereits selbst in der Sexarbeit tätig oder Kunden waren. Es wird angenommen, dass Männer, die mit Männern sexuell aktiv sind, prozentual häufiger in der Sexarbeit tätig sind, als dies bei anderen Be- völkerungsgruppen der Fall ist (vgl. Scott et al. 2015: 81). Ebenso wird vermutet, dass die Anzahl Männer, welche Sexarbeit ausüben und sich nicht als Sexarbeiter einordnen, um ein Vielfaches höher ist als diejenige der Männer, welche sich als professionelle Sexarbeiter identifizieren (vgl. ebd.: 89). 4.3 Arbeitssettings und Lebenslage der Sexarbeiter Im folgenden Kapitel werden einzelne Aspekte zu den Arbeitsbedingungen und der Lebens- lage der Sexarbeiter thematisiert. Es schliesst mit den diversen Risiken, welche eine Tätig- keit in diesem Berufsfeld mit sich bringt. 4.3.1 Kontexte der Kontaktanbahnung Männer gehen in Bordellen, in öffentlichen Umgebungen und in einer Vielzahl von privaten Räumlichkeiten der Sexarbeit nach (vgl. Bryce et al. 2015: 245). Ausserdem wird eine grosse Mobilität im gesamten Feld der Sexarbeit festgestellt, sowohl im Inland als auch grenzüberschreitend (vgl. Mörgen 2020: 333). Die diversen Arbeitssettings der männlichen Sexarbeiter sind gekennzeichnet durch eine Statushierarchie. Outdoor-Sexarbeiter gelten als diejenigen mit dem tiefsten Status, dementsprechend haben sie auch das geringste Einkommen (vgl. Scott et al. 2015: 87). Im deutschen Sprachgebrauch werden männliche Sexarbeiter, die auf der Strasse arbeiten, häufig Stricher genannt, was die Betroffenen ab- lehnen und generell in einem despektierlichen Kontext benutzt wird (vgl. Steffan et al. 2016: 6, Schönnagel 2016: 33). Deswegen wird der Begriff Outdoor-Sexarbeiter verwendet. Fol- gend werden die beiden Bereiche Outdoor, respektive Indoor und bei letzterem bezüglich den Sexarbeitern, die ihre Dienstleistungen autonom im Internet anbieten und angestellten Bachelor Thesis Mirjam Dionne 31 Escorts unterschieden. Diese Unterteilung wird aufgrund der konsultierten Literatur vollzo- gen, da einige Unterschiede festgestellt werden. Bordellarbeit von Männern wird nicht be- trachtet, diese wird höchst selten betrieben (vgl. McLean 2013: 891). Es wird geschätzt, dass in der Schweiz ungefähr 10% aller Sexarbeiter*innen im Outdoor- Bereich tätig sind (vgl. FIZ 2017: 1). Minichiello et al. (2013: 265) schreiben, dass Outdoor- Sexarbeiter generell jünger sind als Indoor-Sexarbeiter und eher eine heterosexuelle Ori- entierung aufweisen als letztere. Dem widerspricht Schönnagel (2016: 40), laut ihm weisen sie grosse Unterschiede bezüglich Alter, sozialer Herkunft, sexueller Orientierung und Na- tionalität auf. Outdoor-Sexarbeiter teilen jedoch, dass sie problembelastete Biographien aufweisen, über keinerlei eigene Mittel und Unterstützung verfügen und sich in einer eher ungünstigen Lebenssituation befinden (vgl. ebd.: 41, Minichiello et al. 2013: 265). Scott et al. (2015: 87) führen an, dass Outdoor-Sexarbeiter häufig mit dem Gesetz im Konflikt gera- ten sind und/oder einige Zeit in einer psychiatrischen Einrichtung verbrachten. Auch wird ein niedriger Schul- und Ausbildungsstatus mit Outdoor-Sexarbeitern in Verbindung ge- bracht (vgl. Minichiello et al. 2013: 265, Schönnagel 2016: 40). Sie gelten als gesundheitlich besonders vulnerabel, in diesem Zusammenhang werden "(…) Suchtgefahr und Drogen- gebrauch, Mangelernährung etc., HIV-Infektionsgefahr u.a. sexuell übertragbare Krankhei- ten (…)" genannt (Schönnagel 2016: 40). Outdoor-Sexarbeiter sind gegenüber der Sexar- beit tendenziell negativ eingestellt und bieten diese Dienstleistung oft aufgrund des Mangels anderer Möglichkeiten an und/oder um ihren Drogenkonsum zu finanzieren (vgl. Minichiello et al. 2013: 265, Scott et al. 2015: 87). Sie werben in urbanen Gegenden bei Fussgängern und Autofahrern um Kundschaft (vgl. Minichiello et al. 2013: 265). Falls sie erfolgreich sind, gehen sie gemeinsam mit den Kunden in private Häuser oder andere ab- gelegene Bereiche, teilweise findet die Dienstleistung auch im Auto statt. Oder die Sexar- beiter halten sich an Orten auf, die dafür bekannt sind, dass dort transaktionaler Sex ver- einbart werden kann, in der Regel sind dies öffentliche Toiletten oder Parkanlagen (vgl. ebd., Scott et al. 2015: 88). Ein Vorteil der Outdoor-Sexarbeit ist, dass sie minimale Kosten zur Arbeitsausübung verursacht. Der zentralste Nachteil entsteht durch die Gefahr, Opfer von sexuellen oder sonstigen physischen Übergriffen zu werden. Auch die Sichtbarkeit der Arbeitstätigkeit in diesem Bereich und die damit einhergehende Stigmatisierung, werden als Nachteil der Outdoor-Sexarbeit angegeben (vgl. Minichiello et al. 2013: 265). Die Anzahl Indoor-Sexarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Sexarbei- ter im Indoor-Bereich verdienen grundsätzlich besser als Outdoor-Sexarbeiter und verfügen häufig über ein höheres Professionsbewusstsein hinsichtlich der Sexarbeit (vgl. Scott et al. 2015: 87). Demgegenüber weisen autonome Internet-Sexarbeiter eher eine Bachelor Thesis Mirjam Dionne 32 opportunistische Haltung auf, viele identifizieren sich nicht als Sexarbeiter und haben zu- sätzliche Einkommensquellen (vgl. ebd.: 91, McLean 2013: 898). Diejenigen aber, die sich den Sexarbeitern zuordnen, können als unabhängige Dienstleister betrachtet werden, die ihr eigenes Unternehmen betreiben (vgl. Scott et al. 2015: 88). Sexarbeiter und ihre Kund- schaft finden sich heutzutage mehrheitlich im Internet (vgl. ebd.: 81, Schönnagel 2016: 34). Internet-Sexarbeiter weisen öfter einen Ausbildungsabschluss auf oder gehen einem Stu- dium nach. Internet-Sexarbeit wird jedoch von Personen aus allen sozialen Schichten aus- geübt (vgl. Sanders et al. 2018: 61). Diese Arbeit wird häufig als lukrative Einkommens- möglichkeit betrachtet (vgl. McLean 2013: 897, Minichiello et al. 2013: 268, Scott et al. 2015: 88). Sie können sich ihre Kundschaft eigenständig aussuchen und damit auch ent- scheiden, wen sie nicht akzeptieren (vgl. McLean 2013: 895, Scott et al. 2015: 89). Zusätz- lich ist ein Vorteil der internetbasierten Sexarbeit, dass bereits im Vorfeld der Dienstleistung alle relevanten Details mit den Kunden geklärt werden kann (vgl. Scott et al. 2015: 89). Internet-Sexarbeiter können mit männlichen Escorts verglichen werden, dennoch unter- scheiden sie sich bezüglich einigen Punkten (vgl. ebd.: 91). Escorts sind einer Agentur an- geschlossen, die für sie die Termine koordiniert, Preise aushandelt und Anfragen entge- gennimmt, was einerseits eine organisatorische Entlastung darstellt und das Aussortieren von problematischen Kunden beinhaltet. Andererseits müssen sie jedoch für ihre Schichten physisch in der Agentur anwesend sein, damit ihnen Kunden zugewiesen werden und ste- hen dabei im Wettbewerb mit den weiteren Escorts vor Ort. Auch verlangen Agenturen bis zu 75% der Einnahmen von den Escorts (vgl. ebd.: 92). Es wird angenommen, dass die grosse Zunahme an Sexarbeitern, die über das Internet arbeiten, auch einen Zusammenhang mit deren persönlicher Sicherheit und geringerer Stig- matisierung aufweist. Sexarbeiter die Outdoor arbeiten und so nebst der Sexarbeit auch mit Homosexualität in der Öffentlichkeit in Verbindung gebracht werden, sind vermehrt Gewalt und Stigmatisierung ausgesetzt. Durch den Rückzug in den virtuellen und damit geschütz- ten Raum für homosexuelle Männer, können die Internet-Sexarbeiter diesen Gefahren ent- gehen (vgl. McLean 2013: 899, Sanders et al. 2018: 91, Scott et al. 2015: 93, Steffan et al. 2016: 50). Dennoch sei auf die negativen Aspekte der männlichen Sexarbeit über das In- ternet hingewiesen. So sind auch Internet-Sexarbeiter vom Stigma in Bezug auf ihre Arbeit betroffen und verfügen zudem über geringe Unterstützungsnetzwerke. Dadurch, dass sie wenig Kontakt untereinander haben und meistens eine hohe Mobilität aufweisen, sind sie isoliert, haben also weder private Unterstützung (vgl. MacPhail et al. 2015: 491) noch sind sie für professionellen Support erreichbar (vgl. ebd., Scott et al. 2015: 91). Damit können die Auswirkungen von Stigmatisierung besonders in Kombination mit der Isolierung, deren negativen Effekte auf die Sexarbeiter erhöhen (vgl. Koken/Bimbi 2014: 227f., MacPhail et Bachelor Thesis Mirjam Dionne 33 al. 2015: 491). Dem widerspricht eine Studie von Prestage et al. (2014b: 1) die Sexarbeiter wie auch homo- und bisexuelle Männer befragte, die nicht in der Sexarbeit tätig sind. Die meisten der Sexarbeiter haben ihre Dienstleistung über das Internet angeboten (vgl. ebd.: 51). Es konnte festgestellt werden, dass die Sexarbeiter in der Stichprobe allesamt tenden- ziell über mehr persönlicher Unterstützungsressourcen verfügten, als die anderen Männer. Zudem gab jeder fünfte Sexarbeiter an, bereits Unterstützung von einer professionellen Organisation erhalten zu haben (vgl. ebd.: 87). Diese Widersprüche zeigen erneut das he- terogene Feld der männlichen Sexarbeit auf. 4.3.2 Sexuelle Orientierung In der Studie von Steffan et al. (2016: 49) geben ungefähr die Hälfte der Befragten an ho- mosexuell zu sein, ca. ein Viertel bezeichnet sich als bisexuell und der andere Viertel als heterosexuell orientiert. Diese Angaben sind jedoch davon geprägt, dass die heterosexuelle Sexarbeiter zu keiner Auskunft bezüglich ihrer Arbeitstätigkeit zu bewegen waren. Über- wiegend stritten sie eine Beteiligung an Sexarbeit auch rigoros ab, obwohl sie bei der Kon- taktanbahnung an einschlägigen Orten beobachtet wurden. Laut der Aussage einer Mitar- beiterin eines Unterstützungsangebots für Sexarbeiter, sind ca. 35% aller ihrer Klienten, davon überwiegend diejenigen Sexarbeiter mit Migrationshintergrund, heterosexuell orien- tiert (vgl. ebd.: 12). Es wurde bereits erwähnt, dass im Outdoor-Bereich der Sexarbeit eher heterosexuelle Männer anzutreffen sind (vgl. Minichiello et al. 2013: 265). Trofimov (2020: 70) hält bezüglich der Sexarbeiter in Berlin fest, dass sich die meisten derjenigen, welche aus Rumänien und Bulgarien stammen, heterosexuell identifizieren. Unter ihnen ist Homo- sexualität stark stigmatisiert (vgl. ebd.: 72, 77). Von Trofimov (2020: 76) wird beobachtet, dass viele dieser Sexarbeiter gemäss den Erwartungen und Wertvorstellungen des Kon- textes, in welchem sie sich gerade bewegen, zwischen verschiedenen sexuellen Identitäten wechseln. So stammen sie ursprünglich aus einem äusserst heteropatriarchalen Umfeld und bewegen sich privat auch in Deutschland in rumänischen und bulgarischen Gemein- schaften. Im Kontext der Sexarbeit jedoch, sei dies an ihren Arbeitsplätzen oder auch in der Räumlichkeit eines Unterstützungsangebots, hatten sie sich mehrere Erklärungsmuster bezüglich ihrer sexuellen Orientierung angeeignet, sechs davon geht der Autor auf den Grund (vgl. ebd.: 64). Exemplarisch wird sich hier auf einen Sexarbeiter bezogen, der aus- sagte, dass er heute schwul sei und morgen heterosexuell (vgl. ebd.: 74). 4.3.3 Einstiegsgründe und Motive Die Einstiegsmotive für Sexarbeiter sind sehr heterogen (vgl. Logan 2017: 178). Das Haupt- motiv für Sexarbeit ist jedoch der finanzielle Aspekt. Sie wird dann gewählt, wenn sonstige Möglichkeiten, Geld zu verdienen, eingeschränkt sind, oder sie macht für die Ausübenden wirtschaftlich am meisten Sinn. So können beispielsweise gerade die jüngeren Sexarbeiter Bachelor Thesis Mirjam Dionne 34 auf diese Weise ein Einkommen erzielen, welches ihnen in anderen Erwerbszweigen nicht bezahlt werden würde (vgl. Prestage et al. 2014b: 46, Steffan et al. 2016: 16-21, Vanwe- senbeek 2013: 12). Sexarbeit kann jedoch auch als pure Überlebensstrategie ausgeübt werden (vgl. Steffan et al. 2016: 18) oder der Drogenkonsum wird finanziert (vgl. ebd.: 58, 74). Oder die Sexarbeit wird gewählt, um zu anderen Einkünften dazuzuverdienen, etwa damit ein besonderer Wunsch erfüllt werden kann (vgl. Prestage et al. 2014b: 46, Ryan 2019: 30). Jedoch auch der Spass gekoppelt mit dem finanziellen Faktor kann ein Motiv für Sexarbeit sein (vgl. Steffan et al. 2016: 20). Bisexuelle oder schwule Sexarbeiter befinden, dass die sexuelle Lust ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit darstellt und ebenso das Selbstbe- wusstsein, welches sie daraus generieren (vgl. Prestage et al. 2014b: 46, 88, Scott et al. 2015: 86, Steffan et al. 2016: 19f.). Laut Vanwesenbeek (2013: 13) wurde ein Zusammen- hang mit der Ausübung von männlicher Sexarbeit und sexuellem Missbrauch in der Kindheit hergestellt. Sie macht jedoch auf den Umstand aufmerksam, dass die dazu Befragten be- sonders vulnerable Männer waren, welche entweder drogenabhängig waren oder eine STI aufwiesen. Von daher kann dieser Zusammenhang nicht ohne Vorbehalt übernommen wer- den, dazu sind männliche Sexarbeiter eine zu heterogene Gruppe (vgl. ebd.). 4.3.4 Kunden Wie in der Einleitung erwähnt sind die Kunden von Sexarbeitern meist männlich (vgl. Scott et al. 2014: 152, Scott et al. 2015: 81, Minichiello et al. 2013: 264). Aufgrund des doppelten Stigmas, also Homosexualität und dem Kontext der Sexarbeit, gestaltet es sich schwierig, genaue Daten und Fakten zu den Kunden zu erhalten (vgl. Scott et al. 2014: 152f.; Scott et al. 2016: o.S.). Diejenigen Forschungsergebnisse, die sich finden lassen, sind geprägt von Widersprüchen. Dieses Phänomen lässt sich auf die verschiedenen Betrachtungsweisen zurückführen: Kunden von Sexarbeitern werden aus einer breiten Palette gesundheitlichen und rechtlichen Perspektiven, sowie im Zusammenhang mit sozialen Problemen betrachtet (vgl. Scott et al. 2014: 152). Laut Schätzungen hat in den Industrieländern jeder vierte schwule oder bisexuelle Mann bereits transaktionalen Sex in Anspruch genommen (vgl. Prestage et al. 2014a: 1293). Manche der Kunden identifizieren sich als heterosexuell (vgl. Logan 2017: 173, Scott et al. 2015: 89, Scott et al. 2014: 156). Es wird davon ausgegangen, dass die meisten aus bürgerlichen Kreisen stammen (vgl. Scott et al. 2014: 156). Eine der Erklärungen für das Wachstum von internetbasierter Sexarbeit auf Kundenseite ist der- selbe, den auch die Sexarbeiter äussern, das Internet gewährt eine gewisse Anonymität (vgl. Scott et al. 2015: 88, 90). Scott et al. (2014: 159) beziehen sich auf Wilcox und Christ- mann (2008), die eine Recherche in der Forschung über die Motive der Kunden durchführ- ten. Unter anderem sind dies: Sexuelle Abwechslung oder Befriedigung, Nervenkitzel, Ein- samkeit oder Unzufriedenheit in der eigenen Beziehung. Jedoch auch die Machtausübung Bachelor Thesis Mirjam Dionne 35 wird erwähnt (vgl. ebd.: 160). Dieser Aspekt findet sich meistens bei der Aushandlung be- züglich dem sexuellen Schutzverhalten. Es wird angenommen, dass damit entweder der Kunde Macht gegenüber dem Sexarbeiter ausdrücken will oder umgekehrt, dass der Kunde wünscht, dass der Sexarbeiter ihn damit beherrscht, respektive Macht über ihn ausübt. Die Kunden werden generell als homosexuell kategorisiert, wie erwähnt trifft dies nicht immer zu. Es ist jedoch aufgrund dessen von Bedeutung, dass dies für die Art und Weise, wie sie gesellschaftlich wahrgenommen und auf sie reagiert wird, verantwortlich ist. So wurden sie, wie die Sexarbeiter, lange Zeit als normabweichend und als soziales Problem dargestellt. Veränderte Vorstellungen von Sexualität haben jedoch auch bei den Kunden zu einem ge- wissen Mass an Normalisierung geführt. Häufig werden sie jedoch bis heute als von herr- schenden Normvorstellungen abweichende Menschen dargestellt, die entsprechende Kor- rekturmassnahmen und Kontrollen benötigen (vgl. ebd.). 4.3.5 Gesundheitliche Risiken Die bereits erwähnte australische Studie von Prestage et al. (2014b: 81) ergab, dass bei den Sexarbeitern der Drogenkonsum im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung hoch ist. Etwa ein Viertel der Befragten konsumiert beispielsweise Methamphetamin, sogenanntes Crystal Meth (vgl. ebd.). Der Konsum von Crystal Meth ist gerade bei Indoor-Sexarbeitern relativ verbreitet (vgl. Scott et al. 2015: 87). Es hilft gegen Müdigkeit und macht euphorisch, das Selbstwertgefühl wird gestärkt und soziale Ängste reduziert. Ebenso gehen sexuelle Anregung und ein vermindertes Schmerzgefühl damit einher (vgl. Thieme 2013: o.S.). Von Outdoor-Sexarbeitern wird dagegen mehr Crack oder Kokain konsumiert (vgl. Scott et al. 2015: 87). Crack ist eine rauchbare Form von Kokain, beides weist ähnliche Wirkungen auf wie Methamphetamin (vgl. Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht o.J.: o.S.). Steffan et al. (2016: 58) stellen einen grossen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Drogen und Sexarbeit fest. So diene entweder diese Arbeit dafür, Drogen im Austausch dafür zu erhalten, für Drogen Geld aufzutreiben, oder aber der Substanzkonsum unterstützt die eigene Attraktivität und stimuliert den Sexualtrieb. Der Drogenkonsum kann zudem auch dazu dienen, die Sexarbeit erträglicher zu machen (vgl. ebd., Bimbi/Koken 2014: 230). In den USA haben Studien ergeben, dass bei Sexarbeitern die Anzahl derer, die STI und HIV-Infektionen aufweisen, höher ist im Vergleich zu anderen Männern, die mit Männern sexuell aktiv sind (vgl. Logan 2017: 172). Sexarbeiter zeigen sich häufiger sexuell abenteu- erlustig und sind mehr involviert in Gruppensex als andere homo- und bisexuelle Männer. Sie weisen zudem eine höhere Prävalenz auf, ungeschützten Sex mit Gelegenheitspart- nern, also beim nicht-transaktionalen Sex, zu praktizieren (vgl. Prestage et al. 2014b: 88). Bachelor Thesis Mirjam Dionne 36 Etwa die Hälfte der an transaktionalem Sex Beteiligten verwendet keine Kondome (vgl. Scott et al. 2015: 95). Es wird beobachtet, dass die Bereitschaft von Sexarbeitern, auf Kon- dome zu verzichten, zugenommen hat (vgl. Steffan et al. 2016: 77). Koken und Bimbi (2014: 232) verweisen auf eine Reihe von Studien, unter anderen von Smith und Seal (2007) und Cortez, Prado, Boer und Baltieri (2011), die aufgezeigt haben, dass Sexarbeiter eine besonders vulnerable Gruppe bezüglich Gewalt und Viktimisierung sind. Sie werden oft Opfer von homophob motivierter Gewalt (vgl. Bryce et al. 2015: 246f.). Gewalt seitens der Kunden findet häufig im Kontext von Meinungsverschiedenheiten in Be- zug auf ungeschützten Sex statt (vgl. Koken/Bimbi 2014: 232, Scott et al. 2014: 160). Sexar- beiter werden auch Opfer von sexuellen Übergriffen (vgl. Koken/Bimbi 2014: 232). Sie spre- chen jedoch kaum darüber, unter anderem wird dafür das dominante Gedankenkonstrukt, dass Männer die Täter sind und Frauen die Opfer, verantwortlich gemacht. Die Heteronor- mativität der Gesellschaft zeigt sich somit auch in diesem Bereich: Sexarbeiter, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, haben häufig keine Anlaufstelle, an die sie sich in dieser Situ- ation wenden können. Die meisten dieser Angebote sind für Frauen geschaffen worden. Betroffene Sexarbeiter befürchten zudem auf mangelndes Verständnis bezüglich ihres En- gagements in der Sexarbeit zu stossen, so Bewley (2015: 263f.), die in einer der wenigen Einrichtungen arbeitet, an die sich männliche Opfer von sexueller Gewalt wenden können. Es hat sich zudem herausgestellt, dass diejenigen, die transaktionalen Sex im Austausch für Drogen anbieten, diesbezüglich besonders gefährdet sind. Im Zusammenhang mit der Verbreitung von GHB/GBL nebst Crystal Meth und weiteren Drogen in der schwulen Com- munity, wurde von Hilfsorganisationen vermehrte sexuelle Übergriffe festgestellt (vgl. ebd.: 264). GHB/GBL, besser bekannt als KO-Tropfen oder Liquid Exctasy, verursachen Eupho- rie und bei einer Überdosierung bis zu tiefer Bewusstlosigkeit (vgl. Bundesamt für Gesund- heit 2018: o.S.). Generell wird festgestellt, dass sich Sexarbeiter selten an offizielle Stellen wenden, um physische Gewalterfahrungen anzuzeigen, auch hierbei wird das heteronor- mative Opfer-Täter-Schema angeführt, welches sich für die Tabuisierung mitverantwortlich zeigt. Entsprechende Hilfsangebote fehlen somit auch bei nicht-sexualisierter Gewalt, zu- dem empfinden Sexarbeiter vielfach Schamgefühle aufgrund der doppelten Stigmatisierung und nehmen deshalb ungern Unterstützung in Anspruch (vgl. Bryce et al. 2015: 247). Steffan et al. (2016: 74) haben Sexarbeiter zum Thema Stigmatisierung befragt und fest- gestellt, dass die sexuelle Orientierung dabei eine zentrale Rolle einnimmt. Wie bereits im Unterkapitel 4.3.2 erwähnt, konnten sie keine heterosexuellen Sexarbeiter zur Teilnahme an vertiefenden Interviews gewinnen, um direkte Aussagen zu erhalten. Jedoch wird ver- mutet, dass heterosexuelle Sexarbeiter in noch höherem Masse von Stigmatisierung Bachelor Thesis Mirjam Dionne 37 betroffen sind als homosexuelle Sexarbeiter. Es wird von einer Selbststigmatisierung aus- gegangen, da "(…) neben der Ausblendung und Tabuisierung der Tätigkeit selbst in offen- sichtlichen Situationen oftmals eine Abwertung und Verurteilung der eigenen Person, eben eine Verinnerlichung des (sic!) gesellschaftlichen Bewertung von Sexarbeit (…)" stattfindet (Steffan et al. 2016: 74). Gleichzeitig scheinen die heterosexuellen Sexarbeiter es sehr stark abzulehnen, mit Homosexualität in Verbindung gebracht zu werden. Bei den homo- und bisexuellen Sexarbeitern konnte eruiert werden, dass das Stigma der Sexarbeit bei ihnen nicht im Vordergrund steht aufgrund dessen, dass diese im "(…) Terrain der Homo- sexuellenszene (…)" stattfindet, dort fühlen sie sich teilweise zugehörig (vgl. ebd.). Je nach- dem, wo sich die Sexarbeiter in dieser Community aufhalten, ist zwar Sexarbeit auch tabu- isiert, dennoch empfinden sie dieses Stigma nicht als das dominanteste. Mehr betrifft dies ihre Homosexualität oder die Hautfarbe, den Migrationsstatus, die Armut wie auch die An- gehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit. Im letzten Bereich bezieht sich das Stigma- Erleben entweder darauf, dieser anzugehören oder der Stigmatisierung innerhalb dieser Minderheit (vgl. ebd.: 75). Stigmatisierung und Marginalisierung können für Sexarbeiter negative Folgen auf die psy- chische Gesundheit haben, wie dies bei allen Menschen mit Stigmata, die nicht sofort ersichtlich sind, festgestellt wird (vgl. Koken/Bimbi 2014: 228, siehe dazu auch 2.4). Was als gesichert betrachtet wird ist, dass Sexarbeiter erhebliche Ressourcen in der Bewälti- gung der negativen Auswirkungen ihres Stigmas aufbringen müssen, wenn sie diese Tätig- keit in ihrem sozialen Umfeld offenlegen (vgl. Minichiello/Scott 2014: XXI). Oft wird deswe- gen die Sexarbeit im Verborgenen ausgeübt. Als eine Bewältigungsstrategie in Bezug auf das Stigma der Sexarbeit wird genannt, dass die Sexarbeiter ihre Tätigkeit für sich selbst als Erwerbsarbeit rahmen und ihr Privatleben davon trennen. Dies wurde bei Indoor-Sexar- beitern festgestellt und ist eine innerliche Strategie, um sich nicht selbst abzuwerten, da sie sich wie erwähnt, ihrem sozialen Umfeld meist nicht offenbaren. Gerade Sexarbeiter, wel- che über das Internet tätig sind, berichten von einer sozialen Isolation aufgrund ihrer Tätig- keit (vgl. Koken/Bimbi 2014: 227f.). Soziale Isolation wiederum, so im Unterkapitel 5.3.1 erläutert, erhöht die negativen Effekte der Stigmatisierung (vgl. MacPhail et al. 2015: 49). Die Ausführungen zum Einfluss der Stigmatisierung auf die psychische Gesundheit können nicht als repräsentativ für die gesamte Gruppe der Sexarbeiter übernommen werden: Bei- spielsweise wird im Outdoor-Bereich beobachtet, dass diese Sexarbeiter häufig psychische Probleme aufweisen, welche jedoch mit der Erfahrung von Trauma und Gewalt in Zusam- menhang gebracht werden. Es wurde nicht spezifisch untersucht, ob und inwieweit sich Stigmatisierung auf die Outdoor-Sexarbeiter auswirkt (vgl. ebd.: 228). Demzufolge ist nicht Bachelor Thesis Mirjam Dionne 38 ausreichend im heterogenen Feld der männlichen Sexarbeit erforscht worden, ob und wie sich das Stigma-Erleben der Sexarbeiter auf ihre psychische Gesundheit auswirkt (vgl. Ko- ken/Bimbi 2014: 229). 5 Schlussteil Das letzte Kapitel dieser Arbeit widmet sich einerseits der Diskussion der Ergebnisse und der Beantwortung der übergeordneten Fragestellung, welche im Anschluss nochmals zur Übersichtlichkeit aufgeführt wird. Andererseits werden Folgerungen für die Soziale Arbeit formuliert. Abschliessend folgen die kritisch-reflexive Würdigung und weiterführenden Ge- danken zum Thema. Wie in der Einleitung beschrieben, wird aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Sexarbeit und von Homosexualität davon ausgegangen, dass männliche Sexarbeiter von den Auswirkungen einer doppelten Stigmatisierung betroffen sind. Dazu wurde folgende übergeordnete Fragestellung formuliert: Welcher Zusammenhang zwischen Stigmatisierung und der Lebenslage von männlichen Sexarbeitern lässt sich unter Bezugnahme von Literatur herleiten? Um diese Frage adäquat beantworten zu können, wurde sie in drei Unterfragen zerlegt, welche zudem den Aufbau der Arbeit bildeten. Aufgrund der Äquivalenz der Unterfragen mit der übergeordneten Fragestellung werden folgend die Ergebnisse der Unterfragen zu- sammengefasst und diskutiert, was gleichsam die übergeordnete Fragestellung beantwor- tet. Die aufgeführten Unterfragen dienen zur Gliederung der Ergebnisse. 5.1 Diskussion der Ergebnisse und Beantwortung der Fra- gestellung 1. Mit welchen Schwierigkeiten können stigmatisierte Menschen konfrontiert sein? Mit der ersten Unterfrage wurde im zweiten Kapitel das Ziel verfolgt, ein umfassendes Grundlagenwissen zu Stigmatisierung für das Kapitel drei zu erarbeiten. Dieses dient als Basis dafür, ein Verständnis für die Ursachen der Prozesse zu entwickeln, die zu Heraus- forderungen für homosexuelle Menschen in einer heteronormativen Gesellschaft führen können. Dazu wurden sowohl der Entstehungsprozess, die Ursachen und Funktionen von Stigmatisierung, wie auch Bewältigungsstrategien von Betroffenen und mögliche Folgen Bachelor Thesis Mirjam Dionne 39 dargelegt. Im Unterkapitel 2.4 wurde aufgezeigt, dass Menschen, die mit einem Stigma umgehen müssen, mit erheblichen Auswirkungen nicht nur auf ihre psychische und physi- sche Gesundheit, sondern auch in ihrem gesamten sozialen Alltag konfrontiert werden kön- nen. Der Entstehungsprozess von Stigmatisierung mit dessen Ursprung in der sozialen Ka- tegorisierung stellt einen erheblichen Entlastungsfaktor im sozialen Miteinander dar. Was in einer Welt, die geprägt ist von einer kaum zu bewältigenden Informationsflut durch die neuen Medien wie auch stetigem Wandel, eindeutig benötigt wird. Soziale Kategorisierung wie auch Stereotypisierung sind also alltägliche, entlastende Vorgänge, jedoch können sie, entstehen daraus Vorurteile, Stigmata und Diskriminierung, zahlreiche negative Auswirkun- gen auf das gesamte Leben von betroffenen sozialen Gruppen und ihren Mitgliedern haben. Die aufgeführten Hypothesen bezüglich der Ursachen und Funktionen machen unter ande- rem deutlich, dass mittels Stigmatisierungsprozessen die Macht da bleibt, wo sie ist - bei der Mehrheit, bei denen, die es sich ökonomisch und politisch leisten können, zu definieren, was als allgemeingültige Norm angesehen wird und was nicht. Die verschiedenen Formen von Stigmata zeigen auf, dass sie in sozialen Interaktionen grossen Einfluss auf einen betroffenen Menschen haben können, Unsicherheiten sind mög- lich. Bei einem verborgenen Stigma kann auch das Gefühl aufkommen, in der Gesellschaft nicht sich selbst sein zu können. Das Verbergen eines Stigmas kann massive gesundheit- liche Konsequenzen mit sich bringen. In Bezug auf die Bewältigungsstrategien von Stig- mata ist auffällig, dass der Selbstwert unter anderem durch das Umgehen von stigmatisie- renden Situationen, wie auch durch eine Überdeckung oder ein Verbergen des gesellschaftlich und kulturell definierten Makels geschützt werden kann. Diese Strategien können sich je nach Individuum als zufriedenstellend erweisen, da sie vor Abwertung und Diskriminierung schützen. Für Einzelne kann es also eine Lösung sein, ein Stigma zu ak- zeptieren und allfälligen negativen Konsequenzen vorzubeugen. Auf der gesellschaftlichen Ebene jedoch sollte nicht hingenommen werden, dass mit Stigmatisierung gegen den Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Menschen, wie er in den Menschenrechten im Artikel 1 verbrieft ist, verstossen wird: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren (…) " (humanrights.ch o.J.: o.S.) Es kann keine allgemeingültige Lösung sein, dass sich beispielsweise Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in der Berufswahl ein- schränken, damit ihr Selbstwert geschützt wird (vgl. Tröster 2008: 142). In dieser Hinsicht wird die kraftvolle gesellschaftliche Wirkung des Kollektivs, die in den Bewältigungsstrate- gien aufgeführt wurde, dem Anspruch gerecht, gegen die Ausgrenzung von Menschen vor- zugehen, die nicht den Normvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Auch darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass es Menschen gibt, welche trotz einer Gesell- schaft, die sie abwertet aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit und damit erlebter Bachelor Thesis Mirjam Dionne 40 Diskriminierung, über ein gutes Wohlbefinden und ein positives Selbstwertgefühl verfügen (vgl. Major/O'Brien 2005: 383, Quinn/Chaudoir 2009: 649). Stigmata, so das Fazit des 2. Kapitels, sind Schlüsselfaktoren, die über Lebenschancen bestimmen können, wie das Link und Phelan (2001: 382) festhalten. Es sind langwierige Prozesse, die zu einem Abbau von Stigmata führen. Aber es darf nicht vergessen werden, dass Stigmata sich verändern und abgebaut werden können, sie sind in der Zeit und im kulturellen Kontext verortet und unter- liegen damit einem kontinuierlichen Wandel. 2. Welche Herausforderungen stellen sich homosexuellen Menschen in einer heteronormativen Gesellschaft? Mit dem Fokus auf die zweite Unterfrage hatte das dritte Kapitel zum Ziel, die Herausforde- rungen von homosexuellen Menschen in einer heteronormativen Gesellschaft auszuarbei- ten. Dieser Fokus diente als Überleitung zum vierten Kapitel, der männlichen Sexarbeit, die mit Homosexualität assoziiert wird. Die Normvorstellungen, welche sich aus der Heteronor- mativität ergeben, zeigen sich in hohem Masse dafür verantwortlich, dass homosexuelle Menschen bis heute von Stigmatisierung und von Diskriminierung betroffen sind. Klapeer (2015: 29) hält dazu fest, dass das Konzept der Heteronormativität einem äusserst verbrei- teten Schema entspricht, das die Wahrnehmung, das Denken wie auch das individuelle und kollektive Handeln der Gesellschaft durchdringt und prägt. Es wurde dargelegt, dass dies für homosexuelle Menschen bereits von ihrer Kindheit an eine Marginalisierung mit sich bringt. Die Sozialisation ist von heteronormativen Vorstellungen geprägt und demzufolge wird anerzogen, dass die sexuelle Orientierung, die von der Heterosexualität abweicht, so- zial unerwünscht ist. Schliesslich wartet im Jugendalter der Selbstfindungsprozess, der von homosexuellen Jugendlichen einen massiven Mehraufwand fordern kann im Vergleich zu heterosexuellen Gleichaltrigen. Auch hier ist die Heteronormativität die zugrunde liegende Problematik – wer spricht denn schon von einem Coming-Out als heterosexueller Mensch? Zusätzlich kommt hinzu, dass ein äusseres Coming-Out nicht endet, es muss genau ge- nommen bei jeder neuen Begegnung überlegt werden, ob eine Äusserung diesbezüglich negativ aufgenommen wird. Werden heteronormative Denkschemata in das Selbstkonzept übernommen, so kann dies zu einer Selbststigmatisierung führen, der internalisierten Ho- mophobie. Um eine gesunde Identität entwickeln zu können, müssen innere Konflikte dies- bezüglich überwunden werden (vgl. Gesundheitsförderung Schweiz 2017: 2). Die Heteronormativität hat nicht nur auf der individuellen Ebene einen Einfluss auf Homo- sexuelle, sondern findet sich in der gesamten Gesellschaft, ihren Institutionen und in ihrer Kultur, so auch in der Sprache – schwul wird unter jungen Menschen als Abwertung Bachelor Thesis Mirjam Dionne 41 verwendet – in Lehr- und Geschichtsbüchern, in wissenschaftlichen Praxen und nicht zu- letzt in politischen Diskursen, welche die Gleichstellung von Homosexuellen zu verhindern versuchen. Es wird aufgezeigt, dass bis heute eine rechtliche Ungleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen Paaren in der Schweiz besteht, diesbezüglich fällt auf, dass gerade in Bezug auf einen Kinderwunsch heteronormative Kräfte wirken. Das Minority-Stress-Modell von Meyer (2003) gibt einen Überblick darüber, welche Pro- zesse daran beteiligt sind, dass die Gesundheit von homosexuellen Menschen gefährdet sein kann. Sei dies dadurch, dass sie institutioneller Diskriminierung ausgeliefert sind, ge- walttätige Übergriffe erleben, verbalen Beleidigungen ausgesetzt sind oder in der stetigen Erwartung leben, dass sich solche Vorfälle ereignen können. Wird die sexuelle Orientierung verschwiegen, so kommt eine dauerhafte Angst hinzu, dass diese entdeckt werden könnte (vgl. Meyer 2003: 676f.). Diese Angespanntheit im sozialen Kontext wurde bereits im Un- terkapitel 2.4 bei den Folgen von Stigmata, welche verborgen werden können, erläutert. Wird betrachtet, dass alle Menschen mehr oder minder täglich mit Stressoren umzugehen haben und sich der Minderheitenstress addiert, erstaunen negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit nicht. Erfahrungen von Stigmatisierung und Diskriminierung wirken sich ausserdem negativ auf den Umgang mit Risiken aus, bei sexuellen Kontakten vermin- dert sich beispielsweise das Schutzverhalten (vgl. Chaudoir/Fisher 2017: 9) und Drogen- konsum findet sich vermehrter bei Homosexuellen als bei Heterosexuellen (vgl. Gesund- heitsförderung Schweiz 2017: 6). Wenn Hilfe benötigt wird, wie dies im Fall von häuslicher Gewalt sein kann, zeigt die Stigmatisierung Auswirkungen auf mehreren Ebenen: Dieses Phänomen wird bei homosexuellen männlichen Paarbeziehungen gar nicht assoziiert und es existieren zudem auch keine spezialisierten Hilfsangebote, wird überhaupt ein Vorfall zur Anzeige gebracht. Das Stigma der Homosexualität und damit einhergehend auch die Diskriminierung von homosexuellen Menschen kann somit weitreichende Konsequenzen haben, hat sogar weitreichende Konsequenzen, wird die rechtliche Situation in der Schweiz betrachtet. Was dazu beigetragen hat, dass sich trotz all der Ausführungen die Situation für homosexuelle Menschen verbessert hat, ist die Gründung von Communities, also die Bil- dung von Kollektiven, welche sich seit Jahrzehnten dafür einsetzen, dass Homosexualität, beziehungsweise alle sexuellen Orientierungen, eine gesellschaftliche Gleichstellung er- fahren. Damit gerät erneut die Bewältigungsstrategie bei einer Stigmatisierung aus dem Kapitel 2.3, die Bildung eines Kollektivs, in den Fokus. Bachelor Thesis Mirjam Dionne 42 3. Wie sehen die Arbeitsbedingungen und die Lebenslage von männlichen Sexarbeitern aus? Im vierten Kapitel wurden auf der Basis von wissenschaftlicher Literatur die Lebenslage und die Arbeitsbedingungen von Sexarbeitern so ausführlich wie möglich im Umfang dieser Arbeit abgebildet. Das Sexgewerbe in der Schweiz wurde thematisiert, worauf die rechtliche Handhabung der Sexarbeit in der Schweiz erläutert wurde. Es kann festgestellt werden, dass die Sexarbeit, obwohl als legale Erwerbsarbeit gerahmt, mit erheblichen rechtlichen Hürden umzugehen hat. Zusätzlich variieren die Verordnungen und Gesetze in diesem hochmobilen Gewerbe stark, was die Situation von Sexarbeiter*innen zusätzlich erschwert (vgl. Suter/Muñoz 2015: 114). Speziell die ausländerrechtlichen Regelungen wecken Zwei- fel, ob sie tatsächlich mit der Sexarbeit an sich zu tun haben oder doch eher unter migrati- onspolitischen Zusammenhängen verortet werden müssen (vgl. ebd.: 113). Es kann fest- gestellt werden, dass die kantonalen Regelungen diesbezüglich "(…) immer wieder zu absurden und widersprüchlichen Situationen [führen]." (ebd.: 115) Die Sexarbeit erfährt im Vergleich zu anderen Gewerben rechtliche Diskriminierung und die Gesetze handeln über- dies dem Schutz der Sexarbeiter*innen zuwider, wie dies bereits in der Einführung dieser Arbeit thematisiert wurde. Schätzungen, Annahmen wie auch Hintergrundwissen zur männlichen Sexarbeit wurden thematisiert, worauf eine Betrachtung der wissenschaftlichen Perspektiven auf die männli- che Sexarbeit im Zuge des gesellschaftlichen Wandels seit dem 19. Jahrhundert folgte. Mit den verschiedenen Orten der Kontaktanbahnung in der männlichen Sexarbeit und diesbe- züglichen Unterscheidungen, wurden erste Aspekte der Arbeitsbedingungen und der Le- benslage von Sexarbeitern thematisiert. Bereits an dieser Stelle konnte damit die grosse Heterogenität und Diversität im Feld der männlichen Sexarbeit aufgezeigt werden. Dabei fiel insbesondere das exponentielle Wachstum der internetbasierten Sexarbeit auf, welches sich aus mehreren Blickwinkeln als spannend erweist: Das Internet und damit die leichtere Zugänglichkeit von männlicher Sexarbeit hatte Anteil an einer gewissen Normalisierung und verbreiteteren Akzeptanz derselben. Der virtuelle Raum ermöglicht zudem den beteiligten Akteuren eine gewisse Anonymität und damit einen Schutz vor Stigmatisierung. Gleichzei- tig aber kann die internetbasierte Arbeit eine vermehrte Isolation der Sexarbeiter bewirken, was wiederum den negativen Auswirkungen von Stigmatisierung Vorschub leistet. Ein Aus- tausch unter den Sexarbeitern findet kaum statt, sie arbeiten oftmals alleine und informieren meist auch ihr Umfeld nicht über diese Tätigkeit (vgl. Koken/Bimbi 2014: 227f.). Zudem nehmen sie weniger gesundheitsdienstliche Angebote in Anspruch, generell sind sie für Hilfsangebote, wenn denn diese bestehen, schwer erreichbar. Es wurde auch ausgeführt, Bachelor Thesis Mirjam Dionne 43 dass Internet-Sexarbeiter eher opportunistisch bezüglich ihrer Tätigkeit eingestellt sind, so rahmen manche den transaktionalen Sex nicht als Sexarbeit. Sie distanzieren sich also einerseits von diesem Stigma, andererseits wurde mit dem Minority-Stress-Modell aufge- zeigt, dass sie, falls sie in der Gesellschaft als Sexarbeiter identifiziert werden, dennoch mit den negativen Auswirkungen der Stigmatisierung konfrontiert sein können. Die Heterogenität männlicher Sexarbeiter zeigte sich auch bei den weiteren Ausführungen. So sind Sexarbeiter hetero-, homo-und bisexuell. Wobei sich jedoch die Frage stellt, ob diejenigen, die sich als heterosexuell bezeichnen, dies aufgrund der anerzogenen Hetero- normativiät tun. Sich also weder gegenüber sich selbst noch gegen aussen zur Homosexu- alität bekennen. Dem konnte jedoch im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht nachgegan- gen werden. Ebenso die Einstiegsgründe und Motive für die Sexarbeit zeigten sich divers, auch wenn dabei der finanzielle Aspekt der meistgenannte ist. Hier wird provokativ die An- nahme geäussert, dass die meisten Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen, um Geld zu verdienen. Eine willkommene Zugabe ist dabei die Freude daran, wie sie als Motiv eini- ger Sexarbeiter genannt wird. Bezüglich der Kunden der Sexarbeiter konnte aufgezeigt werden, dass auch deren Motive, transaktionalen Sex in Anspruch zu nehmen, vielfältig sind. Ebenso wurde das Stigma, das auch auf der Kundenseite wirkt, dargelegt und damit die Herausforderung mehr über die Kunden zu erfahren. Die Kunden haben einen grossen Einfluss auf die Lebenslage und die Arbeitssituation von Sexarbeitern und bedürften somit wissenschaftlicher Aufmerksamkeit, was deren Stigmatisierung verhindert. Der letzte Teil des vierten Kapitels geht auf die diversen gesundheitlichen Risiken ein, die die Ausübung von Sexarbeit mit sich bringt. Bezüglich des Drogenkonsums fällt auf, dass bereits festgestellt wurde, dass Drogen in der schwulen Community weit verbreitet sind. In der Literatur wird ein noch höherer Drogenkonsum bei den Ausübenden von Sexarbeit fest- gehalten. Mit Vorsicht betrachtet muss hierbei jedoch, dass gerade die Sexarbeiter, die für die Forschung besser zugänglich sind, also die Outdoor-Sexarbeiter (vgl. Minichiello et al. 2013: 264), eher diejenigen sind, die einen problematischen Umgang mit Drogen aufweisen (siehe dazu Unterkapitel 4.3.1). Auch Koken und Bimbi (2014: 229f.) warnen davor, den Drogenkonsum von Sexarbeitern als Drogenabhängigkeit und damit per se zu problemati- sieren. Sie weisen auf die gering vorhandene Forschung in diesem Bereich hin und stellen fest, dass es aufgrund dessen nicht angebracht ist, eine Kausalität zwischen Sexarbeit und einem problematischen Drogenkonsum herzustellen (vgl. ebd.). Es wird jedoch bereits bei homosexuellen Jugendlichen im Unterkapitel 3.3 festgestellt, dass aufgrund von negativen Erfahrungen problematischer Drogenkonsum folgen kann (vgl. Stronski Huwiler 2013: 17). So weisen homosexuelle Jugendliche (vgl. Kann et al. 2016: 1) wie auch Erwachsene (vgl. Bachelor Thesis Mirjam Dionne 44 Chaudoir/Fisher 2017: 5-9) ein vermehrtes gesundheitliches Risikoverhalten auf. Dazu ist auffallend, dass in der männlichen Sexarbeit eine Zunahme von sexuellem Risikoverhalten festgestellt wird. An dieser Stelle erscheint es aber wichtig festzuhalten, dass ungeschützter Sex bei Männern, die mit Männern Sex haben, seit der Verwendung von antiretroviralen Therapien im Kampf gegen HIV/AIDS Ende der 1990er Jahren vermehrt aufgekommen ist. Seither ist auch die Anzahl an STI und HIV-Infektionen gestiegen (vgl. Logan 2017: 173). Die Einflüsse bezüglich einem erhöhten Risikoverhalten in Bezug auf die Gesundheit von Sexarbeitern, sei dies ihr Drogenkonsum oder sexuelles Risikoverhalten, scheinen viel- schichtig zu sein und bedürfen vertiefter wissenschaftlicher Betrachtung. Sie lassen grosse Fragen bezüglich der Auswirkungen von Stigmatisierung und Diskriminierung offen, insbe- sondere wenn an den Zusammenhang zwischen der Einschränkung von situativen Selbst- regulierungsprozessen und anhaltenden Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrun- gen gedacht wird (vgl. Chaudoir/Fisher 2017: 9). Im Kontext von Gewalt und Viktimisierung können jedoch konkrete Auswirkungen aufgrund von Stigmatisierung verortet werden. Sei dies überhaupt bezüglich des hohen Risikos für Sexarbeiter, Opfer von Gewalt zu werden. So werden Sexarbeiter Opfer von homophober Gewalt, was direkt mit der Stigmatisierung von Homosexualität in Verbindung gebracht wer- den kann. Zudem fehlen spezialisierte Angebote für Sexarbeiter, welche diese jedoch be- nötigen, da sie mit einer Stigmatisierung und Diskriminierung rechnen, wenn sie sich an andere Stellen wenden. Womit auch hier der Zusammenhang mit der Stigmatisierung ge- geben ist. Auch bei sexuellen Übergriffen führen Schamgefühle und Angst vor einer Diskri- minierung dazu, dass diese weder angezeigt noch Hilfe gesucht wird. Bei Sexarbeitern wird eine erhöhte Prävalenz bezüglich psychischer Erkrankungen vermu- tet (vgl. Koken/Bimbi 2014: 228). Es wird angenommen, dass Sexarbeiter die gleiche Vul- nerabilität bezüglich psychischer Erkrankungen aufweisen wie andere Menschen, die mit verborgenen Stigmata leben. Koken und Bimbi (2014: 228f.) nennen einzelne Studien, die feststellten, dass psychische Krankheiten bei Sexarbeitern häufig sind, weisen aber gleich- zeitig auf die geringe Stichprobengrösse hin. Die Annahme einer erhöhten Vulnerabilität für psychische Krankheiten wird im Kontext von Minderheitenstress und der Stigmatisierung aufgrund der Sexarbeit verortet (vgl. ebd.). Wenn das Engagement in der Sexarbeit verbor- gen wird, hat dies einen Mangel an sozialen Unterstützungsressourcen zur Folge (vgl. Ko- ken/Bimbi 2014: 229). Zusätzlich kann die Hürde wegen Schamgefühlen aufgrund der Stig- matisierung zu hoch sein, um sich professionelle Hilfe zu holen. Damit wird erneut bestätigt, dass eine Stigmatisierung Einfluss haben kann auf die gesundheitliche Versorgung der Be- troffenen (vgl. Major et al. 2013: 514). Bachelor Thesis Mirjam Dionne 45 Abschliessend wird festgestellt, dass bezüglich der Auswirkungen von Stigmatisierung und Diskriminierung auf Sexarbeiter keine einheitlichen Schlussfolgerungen abgeleitet werden können. So gibt es Sexarbeiter, welche ein gelingendes Leben führen, gut in ihrem sozialen Umfeld eingebettet sind und damit den Auswirkungen von Stigmatisierung nicht ausgesetzt sind. Wird aber bei anderen Sexarbeitern betrachtet, dass sich bereits viele negative As- pekte aus dem Minderheitenstress ergeben und dieser mit dem Umstand, in einem der- massen stigmatisierten Gewerbe zu arbeiten, addiert wird, können die Auswirkungen be- trächtlich sein. Werden zusätzliche Faktoren, wie beispielsweise ein unsicherer Migrationsstatus mitgedacht, können diese den Stresslevel und die negativen Auswirkun- gen noch verstärkten. Die Lebenslagen der männlichen Sexarbeiter sind also so heterogen und divers, wie dies die möglichen Auswirkungen der Stigmata sind, die mit der männlichen Sexarbeit einhergehen. 5.2 Relevanz für die Soziale Arbeit Wie dargelegt wurde, weist die männliche Sexarbeit eine derart hohe Heterogenität auf, dass es sich als herausfordernd erweist, konkrete Aussagen zum Ausmass und der Wir- kung von Stigmatisierung festzuhalten. Die vorliegende Arbeit konnte jedoch aufzeigen, dass zahlreiche Anhaltspunkte existieren, dass Sexarbeiter eine hohe Vulnerabilität bezüg- lich ihrer Gesundheit aufweisen können, wie auch mit weiteren Problematiken im Zusam- menhang mit Stigmatisierung konfrontiert sind und damit die Soziale Arbeit gefordert ist, einzugreifen. Setzt die Soziale Arbeit ihren Anspruch um, eine Menschenrechtsprofession zu sein, muss sie sich gegen soziale Ungleichheiten, Ungerechtigkeit und für ein würdevol- les Leben einsetzen. Bevor sich die Soziale Arbeit jedoch der Sexarbeiter annimmt, muss eine konkrete Bedarfsabklärung stattfinden und damit auch eine vertiefte sozialwissen- schaftliche Forschung in diesem Bereich. Unbedingt davon abzusehen ist aber, dass diese Forschungstätigkeit erneut das Paradigma der männlichen Sexarbeit als soziales Problem aufgreift. Wird sie als soziales Problem betrachtet, wird damit der Ausgrenzung der Sexar- beiter erneut Vorschub geleistet. Vielmehr muss der Fokus darauf liegen, dass nicht die Sexarbeiter ein soziales Problem sind, sondern dass sie aufgrund der Stigmatisierung und Diskriminierung mit diversen sozialen Problemen konfrontiert werden können. Der Berufskodex der Sozialen Arbeit besagt, dass einer ihrer Aufträge ist "(…) Lösungen für Soziale Probleme zu erfinden (…)" (AvenirSocial 2010: 6). Staub-Bernasconi (2012: 276f.) nennt in diesem Zusammenhang für die Soziale Arbeit zwei parallele Strategien im Umgang mit sozialen Problemen: Auf der individuellen Ebene ist der Mensch insofern zu befähigen, dass er selbst die Möglichkeit hat, seine Bedürfnisse hinsichtlich seines Wohl- ergehens und seiner Selbstverwirklichung zu befriedigen. Gleichzeitig müssen Bachelor Thesis Mirjam Dionne 46 Machtstrukturen, die ihn diesbezüglich hindern, so verändert werden, dass sie begrenzend und nicht behindernd wirken (vgl. ebd.). Ein Ansatz auf der individuellen Ebene könnte sein, die männlichen Sexarbeiter zu befähigen sich zusammenzuschliessen. Kollektives Handeln stärkt den Einzelnen und es gibt Raum dazu, Erfahrungen und Wissen zu teilen sowie Be- wegungen aufzubauen, die sich für ihre Bedürfnisse und Rechte in der Gesellschaft einset- zen. Zusätzlich ist die Soziale Arbeit dazu gefordert, sich in der Politik und der Gesellschaft für die männliche Sexarbeit zu engagieren. Einerseits muss auf die männliche Sexarbeit im allgemeinen Diskurs zur Sexarbeit aufmerksam gemacht sowie deren Stigmatisierung the- matisiert und abgebaut werden. Andererseits muss auf die rechtliche Ungleichbehandlung dieses Gewerbes hingewiesen sowie Prozesse eingeleitet werden, um eine Gleichstellung auch in diesem Bereich voranzutreiben. Hinzukommend soll sich die Soziale Arbeit auch in der Lehre vermehrter mit der männlichen Sexarbeit auseinandersetzen, sie muss Diskus- sionen dazu anregen, um angehende Professionelle dazu zu befähigen, mit diesem auf jeglicher Ebene komplexen Thema umgehen zu können. Die Lehre zeigt sich mitverant- wortlich, dass die Professionellen der Sozialen Arbeit Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, mit Respekt, Toleranz und damit auf Augenhöhe begegnen, deren Selbstbestim- mungsrecht anerkennen und bezüglich einer gelingenden Lebensführung unterstützen. 5.3 Kritisch-selbstreflexive Würdigung und weiterführende Gedanken Es ist in der vorliegenden Arbeit gelungen, die Hintergründe, Prozesse und Wirkmechanis- men aufzuzeigen, welche sich dafür verantwortlich zeigen, dass Sexarbeiter einer doppel- ten, wenn nicht mehrfachen Stigmatisierung und damit auch mehrfachen Diskriminierung ausgesetzt sind. Was jedoch nicht heisst, dass sie alle darunter leiden, wie eine der erar- beiteten Schlussfolgerungen besagt und weiter unten erneut kurz aufgegriffen wird. Der Aufbau der Arbeit zeigte sich insofern als eine gute Entscheidung, als dass sich zuerst ein Verständnis dafür bilden liess, warum überhaupt Stigmata entstehen, welche Funktionen damit erfüllt werden und vor allem, welche Auswirkungen sie mit sich bringen können. Ge- rade das Wissen, dass aufgrund einer vermuteten Selbstverschuldung beim Erwerb eines Stigmas resultieren kann, dass diese Menschen eine schlechtere Gesundheitsversorgung erhalten, beeindruckte und verstörte gleichermassen. Im Hinblick darauf, dass Homosexu- elle und männliche Sexarbeiter als besonders vulnerabel gelten in Bezug auf HIV/AIDS, stellt sich die Frage, ob sich die Kontrollierbarkeit eines Stigmas auch in der Schweiz in der Qualität der gesundheitlichen Versorgung niederschlägt. Die Beschäftigung mit der Heteronormativität der Gesellschaft brachte zutage, wie beherr- schend dieses Konzept ist, welche Macht es hat und wo es sich zeigt. Es ist naiv Bachelor Thesis Mirjam Dionne 47 anzunehmen, dass in der heutigen Gesellschaft die meisten Ungleichheiten diesbezüglich ausgemerzt sind, auch wenn vor Beginn dieser Arbeit generalisierend davon ausgegangen wurde. Die recherchierten Daten deuten eher darauf hin, dass sich die Situation von Men- schen, die von Normvorstellungen bezüglich der Sexualität und Lebensführung abweichen, zwischenzeitlich wieder verschärft hat. Es wird angenommen, dass diesbezüglich ein Zu- sammenhang mit einer Vielzahl an mehr oder weniger existenziellen Ängsten besteht, wie dies mit der Verknüpfung von möglichen Begründungen für Homophobie und den Funktio- nen von Stigmata dargelegt werden konnte. Das System der Heteronormativität reprodu- ziert sich mit jedem einzelnen Gesellschaftsmitglied über die Sozialisation, was dazu führt, dass es aufrechterhalten wird. Hier muss eine Sensibilisierung stattfinden, und zwar von klein auf. Kindern darf nicht beigebracht werden, dass nur die gegengeschlechtliche Anzie- hung und damit Lebens-, Sexualitäts- und Liebesform diejenige ist, die akzeptiert wird. Nicht zu vergessen, dass mit der Vermittlung der Heteronormativität das Gedankenkonstrukt im- pliziert wird, männlichen Heterosexuellen gebühre eine Vormachtstellung in der Gesell- schaft. Homosexuelle erfahren bis heute gesellschaftliche und strukturelle Abwertung, Ausgren- zung und Diskriminierung, was sich vielfältig zeigen kann. So beispielsweise in körperlicher Gewalt, aber auch subtiler, wie in Märchenbüchern oder abwertenden Blicken. Nahezu alle Auswirkungen können mit dem heteronormativen Konzept, welches die gesamte Gesell- schaft prägt, in Verbindung gebracht werden. Heteronormativität bringt hervor, dass Homo- sexuelle nicht der Norm entsprechen, Diskriminierungen werden damit legitimiert. Es muss sich zudem gefragt werden, warum auf der individuellen Ebene Toleranz herrschen sollte, wenn diese noch nicht einmal auf der strukturellen, also der gesetzlichen Ebene gänzlich verankert ist. Mit der Aufnahme der sexuellen Orientierung im Antidiskriminierungsartikel des Schweizerischen Strafgesetzbuchs im Februar 2020 ist bereits ein grosser Schritt in die richtige Richtung erfolgt (vgl. Der Bundesrat o.J.: o.S.). Wie es mit der Ehe für alle wei- tergeht, wird sich in naher Zukunft zeigen. Um nun wieder auf die Sexarbeiter zurückzukommen: Die Auswirkungen von Stigmatisie- rungen und damit Diskriminierungen können das Leben von Sexarbeitern massiv prägen. Ihre psychische wie physische Gesundheit kann negativ davon betroffen werden. Es wurde ausgeführt, dass die Stigmatisierungen nicht nur im persönlichen Umfeld Wirkung entfalten können, sondern bis zu Diskriminierung des gesamten Sexgewerbes in der Schweiz rei- chen. Räumliche Segregation, also wenn mittels Gesetze und Verordnungen dafür gesorgt wird, dass sich die Sexarbeit in abgegrenzten Gegenden, möglichst weit weg von den Au- gen der Öffentlichkeit wiederfindet, erhöht die Stigmatisierung und zudem Vulnerabilität der Bachelor Thesis Mirjam Dionne 48 Beteiligten. Sexarbeit wird moralisch und faktisch an den Rand gedrängt. Diese Unsicht- barkeit macht es zudem schwierig, die darin Tätigen zu erreichen, um sie unterstützen zu können. Zusätzlich sind spezialisierte Hilfsangebote für männliche Sexarbeiter rar, obwohl schon alleine im Bereich der diversen unterschiedlichen Gesetzgebungen in der Schweiz ein Bedarf vermutet wird sowie bezüglich des Umgangs mit der Stigmatisierung und ihren Auswirkungen. Es macht des weiteren den Anschein, dass es schwierig ist, sich mit dem Thema in der Forschung auseinanderzusetzen. Die Diskriminierung macht also nicht Halt bei der Forschung, sie durchdringt auch diesen Bereich. Warum genau dem so ist, konnte im vorliegenden Rahmen nicht auf den Grund gegangen werden. Albert (2015: 16) sagt dazu, dass "(…) die unterschiedlichen Haltungen (…) eine gewisse Klarheit und Vereinheit- lichung der Zielsetzungen und Handlungsstrategien (…)" der Sozialen Arbeit im Feld der Sexarbeit verhindern und damit auch eine sozialarbeitswissenschaftliche Forschungslücke entstehen lassen. So begründet Albert (2015: 9) weiter, dass es an Daten und Fakten fehlt, an detaillierten theoriegestützten Analysen etc., was exakt die Schwierigkeiten umreisst, die die Erarbeitung dieser Bachelor-Thesis kontinuierlich begleitet haben. Jedoch bevor weiter auf diesen Umstand eingegangen wird, sei nochmals festzuhalten, dass die negati- ven Auswirkungen von Stigmatisierung nicht alle Sexarbeiter betreffen, dazu konnten einige Beispiele gefunden werden, wie diejenigen aus der australischen Studie von Prestage et al. (2014b: 87). Zudem existieren in der Stigma-Forschung Studien, die besagen, dass ge- wisse stigmatisierte Gruppen und ihre Mitglieder eher über ein höheres Selbstwertgefühl verfügen als die Durchschnittsbevölkerung (vgl. Corrigan/Watson 2006: 39). In diesem Zu- sammenhang wäre es spannend zu ergründen, welche Einflüsse dabei von Bedeutung sind, damit der Selbstwert sogar gestärkt und nicht nur geschützt wird. Sei dies für diejeni- gen, die in der Sexarbeit tätig sind, aber auch für weitere stigmatisierte Gruppen. Dem hohen Anspruch, im Rahmen einer Bachelor-Thesis dem komplexen, heterogenen und von zahlreichen Paradigmen durchzogenen Thema wie der männlichen Sexarbeit ge- recht werden zu können, konnte aus eigener Sicht nicht entsprochen werden. Einerseits mangelt es an der dazu erforderlichen Fachliteratur. Andererseits musste deswegen wie auch aufgrund der Kürze der Arbeit auf eine Auseinandersetzung mit Themen, welche ei- nen grossen Einfluss auf die Auswirkungen von Stigmatisierung auf männliche Sexarbeiter haben können, nahezu vollständig verzichtet werden. Der Migrationskontext ist so ein Thema, eine AIDS Erkrankung, wie auch Armut und eine psychische Erkrankung, all dies sind weitere Aspekte, die stigmatisiert werden können. Die Folgen von Stigmatisierung und damit Diskriminierung von Sexarbeitern greifen ineinander und interagieren gegenseitig. Zu exemplarischen Zwecken wird hier hypothetisch das Bild eines dunkelhäutigen, schwulen Migranten gezeichnet, der aus einer äusserst homophoben Kultur stammt, sich vielleicht Bachelor Thesis Mirjam Dionne 49 selbst stigmatisiert, an einer psychischen Krankheit leidet, von Armut und einer AIDS-Er- krankung betroffen ist. Deshalb muss die männliche Sexarbeit zwingend aus einer inter- sektionellen Perspektive heraus betrachtet werden und die verschiedenen Einflüsse wie auch deren Wirkungsweisen auf die Sexarbeiter evaluiert werden, damit ihnen überhaupt gerecht werden kann. 5.4 Danksagung An dieser Stelle möchte ich Herr Patrick Weber danken, der mich mit seinem spannenden Wahlmodul zur Sexarbeit überhaupt auf die Idee gebracht hat, meine Bachelor Thesis dazu zu verfassen, mich darin begleitet hat und jederzeit für meine Fragen eine hilfreiche Antwort parat hatte. Christoph Tschanz danke ich für seine wertvollen Anregungen und die kon- struktive Kritik, die mich dazu gebracht hat, nicht aufzugeben und mein Bestes zu geben. Meinem Mann möchte ich aus tiefstem Herzen dafür danken, dass er mich in dieser her- ausfordernden Zeit unterstützt, motiviert und auch ertragen hat. Er hat geduldig meine Lau- nen hingenommen, meine Tränen getrocknet und meine Wut über so manche Hürden beim Verfassen dieser Arbeit, aber auch über die Ungerechtigkeit dieser Welt abgefedert. Mein grösster Dank aber gilt meiner Mutter, die mich von Kindesbeinen an gelehrt hat, Vielfalt als eine Bereicherung anzusehen, unvoreingenommen, offen und respektvoll allen Men- schen wie auch deren selbstbestimmter Lebensgestaltung entgegenzutreten. Bachelor Thesis Mirjam Dionne 50 6 Quellenangaben Folgend werden die in der Arbeit verwendete Literatur und Internetquellen aufgeführt. 6.1 Literaturverzeichnis Aggleton, Peter/Wood, Kate/Malcolm, Anne/Parker, Richard (2005). HIV-Related Stigma, Discrimination and Human Rights Violations. Case Studies of successful studies. UNAIDS, Joint United AIDS Programme on HIV/AIDS. URL: https://www.unaids.org/sites/default/fi- les/media_asset/jc999-humrightsviol_en_0.pdf [Zugriffsdatum: 22.05.2020]. Albert, Martin (2015). 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